Mann auf der Außentreppe eines Hochhauses

Viennale

"The Nile Hilton Incident" von Tarik Saleh

Das Nile Hilton Hotel in Kairo gibt es wirklich. Seit Neuestem kommt die Luxusabsteige direkt am Nil auch zu kinematografischen Ehren. Denn Tarik Saleh - schwedischer Regisseur mit ägyptischen Wurzeln - macht es zum Schauplatz seines Krimis "The Nile Hilton Incident". Dabei nimmt Saleh das Genrekino zum Vorwand um eigentlich einen Politkrimi zu inszenieren, angesiedelt wenige Tage vor dem 25. Jänner 2011, dem Beginn der sogenannten "ägyptischen Revolution".

Kulturjournal | 25 10 2017

Arnold Schnötzinger

Einmal Shrimps mit Beilage bitte! Wenn Polizisten im Nile Hilton Hotel den Tatort eines brutalen Mordes inspizieren, dann bestellen sie sich Essen vom Zimmerservice. Freilich auf Hotelkosten. Wenn man bei der Leiche ein gut gefülltes Portemonnaie findet, dann wandert es in die eigene Tasche. Tote brauchen schließlich kein Geld mehr, und die Polizei keine Beweismittel. Das Hotel bittet übrigens um Diskretion, da verirren sich schon mal ein paar Scheine in das Gästebuch, das die Polizei routinemäßig kontrolliert.

Und den einen oder anderen Rabatt im Alltag gibt es freilich auch. Bestechung, Korruption, Polizeiwillkür und Nepotismus sind in der ägyptischen Exekutive Selbstverständlichkeiten. So auch für Inspektor Noredin von der Mordkommission in Kairo. "Besonders in der arabischen Welt würden Polizisten in ihrer Funktion eine Art Rolle spielen, so als würde man also den Missbrauch von Macht vorbehaltlos akzeptieren", meint Hauptdarsteller Fares Fares.

Film Noir und Milieustudie

Die Leiche im Hotel war eine bekannte Sängerin. Ein hochrangiger Unternehmer und Politiker hatte amouröse, noch dazu fotografisch dokumentierte Ambitionen und wurde zum Tatzeitpunkt im Hotel gesehen. Mordverdacht und Erpressung, doch ernsthafte Polizeiarbeit? Das will man sich im zuständigen Dezernat nicht antun. Inspektor Noredin kommt dennoch in Versuchung, der Wahrheit auf den Grund zu gehen.

Im Gewand eines Film Noir und einer Milieustudie nimmt Regisseur Tarik Saleh unter den Vorzeichen der heraufziehenden Revolution die Exekutive und damit letztlich auch das politische System Ägyptens auseinander. Tarik Saleh: "Ich habe das Drehbuch 2010 geschrieben. Es endete mit einer Revolution, und ich dachte mir: 'Das ist ja völlig unrealistisch.' Als die Revolution ein Jahr später tatsächlich stattfand, fiel es mir wie Schuppen von den Augen: 'Mein Gott, ich hab das ja alles in meiner ersten Skriptfassung vorher gesehen.'"

Umbruchstimmung

Heftige Bildstörungen, wenn Politiker wie Hosni Mubarak im Fernsehen zu sehen sind, Menschen, die eifrig Englisch lernen, moderne Massen-Rohbauten und desolate Wohnverhältnisse schwarzafrikanischer Immigranten zugleich, Chinesen, die die ägyptischen Märkte mit ihren Produkten fluten. Mit nur scheinbar nebensächlichen Details grundiert Regisseur Saleh die Umbruchstimmung. Langsam aber sicher überträgt sie sich auch auf Inspektor Noredin, nach dem Tod seiner Frau ein trauriger Einzelgänger, selbst Macht und Korruption langweilen ihn. Erst eine neue weibliche Bekanntschaft lässt ihn wieder aus dem Lebensüberdruss aufwachen.

Drehort Casablanca

Vom Bösen zum Guten, vom Systemerhalter zum Abtrünnigen, diesen Charakterwandel vollzieht Noredin doch recht zügig. So recht mag man ihm das nicht abnehmen, der Absicht von Regisseur Tarik Saleh will man trotzdem gerne folgen. Die Wirklichkeit der Zeit nach der Revolution 2011 allerdings schrieb eine andere Produktionsgeschichte des Films. Obwohl längst alles vorbereitet war für den Dreh in Ägypten, kam es anders: Der Staatssicherheit gefiel das nämlich nicht, und so musste das Team letztlich nach Casablanca ausweichen.

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Viennale - The Nile Hilton Incident

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