Christoph Waltz

APA/GEORG HOCHMUTH

Christoph Waltz bei der Viennale

Er ist Österreichs Edel-Mime in Hollywood. Gepriesener Schauspiel-Export und neben Arnold Schwarzenegger der smarte Botschafter in blassem rot-weiß-rot auf der weltumspannenden Hollywood-Leinwand. Christoph Waltz stand gestern im Mittelpunkt einer zu seinen Ehren gegebenen Gala bei der Viennale.

Unter dem Motto "Actor Unchained" widmet das Wiener Filmfestival dem Schauspieler eine Werkschau in sieben Etappen. Gestern wurden in Anwesenheit des Stars zwei seiner Filme gezeigt und zum Publikumsgespräch ins Wiener Gartenbaukino geladen.

Morgenjournal | 25 10 2017

David Baldinger

Die Viennale rollt Christoph Waltz den Teppich aus. Jahrelang buhlte das heimische Filmfestival um den Oscar-prämierten Tarantino-Stammspieler. Die ersten Anfragen schickte das Team um den kürzlich verstorbenen Viennale-Chef Hans Hurch bereits im Sommer 2013 aus. Gestern Abend dann war es soweit. Christoph Waltz gab sich im Wiener Gartenbaukino persönlich die Ehre - lakonisch, süffisant und sprachlich akkurat wie immer. "Wie soll ich sagen? Es ist ehrlich, aber nicht immer richtig, was ich sage." Der Leinwand-Perfektionist und bekennende Snobist machte gleich deutlich, dass er auch über sich selbst lachen kann.

Das Viennale-Programmheft preist Waltz als einen schauspielerischen Entfesselungskünstler. Als "Actor Unchained" - in Anspielung auf seine Oscar-Rolle in Quentin Tarantinos Western "Django Unchained". Befreit hat sich Waltz tatsächlich - vom aus heutiger Sicht engen Korsett deutschsprachiger Theater- und TV-Produktionen. Waltz‘ Technik baut aber nicht auf den großen Ausdruck, sondern auf Präzision, Taktgefühl und Pedanterie. Waltz ist ein Feinmechaniker seiner Kunst und ein sprachliches Chamäleon -ebenso alert wie korrekt. "Ich lege Wert darauf, dass ich bisweilen so genau bin, dass ich sogar auf Satzzeichen achte", sagt der 61-Jährige. Um gleich nachzulegen: "Ich improvisiere nicht. Überhaupt nicht. Nie!" Ein künstlerischer Slogan reif für ein T-Shirt.

Christoph Waltz

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Handverlesene Werkschau

Sieben Filme umfasst die von Waltz höchstpersönlich kuratierte, handverlesene Werkschau. Sieben Filme zwischen 1980er Jahre Psychiatrie ("Kopfstand" von Ernst Josef Lauscher) und Tarantinos grellem Kino der Wucht ("Inglorious Basterds" und "Django Unchained" sind beide zu sehen). Zwischen Roy Black ("Du bist nicht allein - Die Roy Black Story"), bunter Tim-Burton-Fantasie ("Big Eyes") und gelacktem Pharma-Anwalt-Snob im Dialog-Kammerspiel ("Carnage").

Sperrig-kauzig wirkt Waltz in seinen Filmrollen. Durchtrieben, verschlagen und mit einem Lachen, das nur zu gern auf Kosten anderer geht. Zum egoistischem Gaudium des jeweiligen Waltz-Charakters. Diese Abgründe kann Waltz von einer Sekunde auf die nächste, ansatzlos entstehen lassen. Waltz ist einer, der mit seinem Umfeld aufs innigste verschmelzen kann, dessen Englisch an geschliffener Eleganz jedem Harvard-Professor gut stehen würde. Französisch parliert er ebenso ungezwungen wie elegant.

Ökonomisch präzise & lakonisch

Auch an seinem Ehrenabend im Wiener Gartenbaukino brilliert Waltz als Meister der geschliffenen Redewendungen. Sein Ausdruck ist ökonomisch präzise und lakonisch. Kein Gramm sprachliches Übergewicht wo es auch schlanker geht. Rhythmus, Intonation und Phrasierung - diese Disziplinen sind dem schauspielerischen Feinmechaniker wesentlich.

Inhaltlich kurvt Waltz zwischen bekannter Kritik an US-Präsident Donald Trump (und attestiert sich selbst "Widerstandskräfte"), dem Kokettieren mit dem schlampigen Groove der früheren Heimat ("Das ist mehr eine rhythmische Frage als eine Tempofrage. Es hat einen anderen Rhythmus hier") und Einblicken in sein künstlerisches Selbstverständnis: "Ich hab‘ keine wirkliche Mission. Ich will nur genau sein!"

Penibel achtet Waltz auch darauf, die Jalousien ins Private geschlossen zu halten. Ebenso penibel vermeidet er den Namen Harvey Weinstein. Der einst mächtige Produzent wird bei Waltz nicht zum Ziel klarer Worte wie dies bei Präsident Trump der Fall ist. "Manchmal frage ich mich sogar, ob in der jüngsten Geschichte nicht eine Absicht liegt. Dass man wieder mit dem Finger auf etwas anderes zeigen kann, damit man nicht mit dem Finger auf sich selbst zeigen muss." Waltz fordert zwar mit Verweis auf die dokumentierten Verfehlungen von Trump "einen unmissverständlichen neuen Standard, der muss aber quer durch die Reihen gelten". Eine klare Beurteilung des dem männlichen Hollywood angelasteten Umgangs mit jungen Frauen sieht jedoch anders aus.

Nach genau getakteten 50 Minuten war das Viennale-Stelldichein vorüber - dem Vernehmen nach bricht Waltz bald zu einem nächsten Promo-Termin nach Rom auf. Was bleibt ist der flüchtige Hauch Hollywoods in Wien.

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