Martin Luther

AP/JENY MEYER

Hat Luther gesiegt oder ausgedient?

Eigentlich wollte Martin Luther ja vor allem eine Diskussion über den Ablasshandel initiieren, sah sich aber sehr rasch mit dem Vorwurf der Ketzerei konfrontiert.

Am 31. Oktober 1517 soll Luther - damals noch Mönch und Theologieprofessor - die berühmten 95 Thesen an das Tor der Schlosskirche zu Wittenberg geschlagen haben - und hat damit zweifelsohne mehr ausgelöst als ursprünglich beabsichtigt: Letztlich eine Spaltung der europäischen/abendländischen Christenheit, die bis heute anhält.

Wie weit sind Luthers Anliegen in die katholische Kirche eingedrungen?

Doch auf die eine oder andere Art haben einige Anliegen Luthers im Laufe der Zeit auch Eingang in die römisch-katholische Praxis gefunden, etwa Luthers Dictum vom "allgemeinen Priestertum aller Getauften". Durch "die Verknappung der römisch-katholischen Pfarrer tragen Nicht-Geweihte immer mehr Verantwortung in den Pfarren", gibt Helmut Schüller, Pfarrer von Probstdorf in Niederösterreich, früher einmal Caritas-Präsident und Generalvikar der Erzdiözese Wien, zu Bedenken.

Er ist Gründer der Pfarrer-Initiative, die mit ihrem "Aufruf zum Ungehorsam" weit über die Grenzen hinaus bekannt geworden ist. "Halb scherzhaft meinen wir manchmal sogar, dass das sicher die Regie des Heiligen Geistes ist, dass er der katholischen Kirche dazu verhilft die Würde aller Getauften und die Dienstfunktion aller Ämter wieder – auf eine etwas mühsame Art – zurück zu holen."

"Das schreit danach neue Zugänge zum Priestertum zu eröffnen", findet auch der römisch-katholische Wiener Weihbischof Helmut Krätzl, einer der prominentesten bischöflichen Vertreter des reform-orientierten Flügels der katholischen Kirche. Schließlich habe Papst Franziskus selber dazu aufgerufen, die Bischofskonferenzen sollten ihm "mutige Vorschläge" dazu machen.

Keine heilige Ordnung, keine Hierarchie

"Wer aus der Taufe gekrochen ist, der ist Bischof, Priester und Papst", zitiert der evangelisch-lutherische Altbischof Herwig Sturm Martin Luther. Es gäbe, so habe Luther damit sagen wollen, keine höhere Weihe "als die Erneuerung des Menschen durch den Zuspruch der Vergebung der Sünden und der Befreiung zu einem Leben aus dem Geist Jesu Christi durch die Taufe". Und Sturm, der von 1996 bis 2007 Bischof der evangelisch-lutherischen Kirche in Österreich war, fügt hinzu: "Und dieses Verständnis sitzt bei uns schon ganz tief."

In diesem Sinne gebe es in der evangelischen Kirche "keine heilige Ordnung, keine Hierarchie". Und Altbischof Sturm erzählt: "Ich bin immer wieder in Gemeinden, helfe dort aus als Administrator und oft sagen die Leute dann ‚Herr Bischof‘ und ich antworte: "Nein, hier bin ich euer Pfarrer." Dazu muss auch die Gemeinde jemanden autorisieren, der das Vertrauen und die Berufung der Gemeinde hat."

Frauen in der evangelisch-lutherischen Kirche

Seit 1965 werden in der evangelisch-lutherischen Kirche in Österreich auch Frauen ordiniert. "Damals noch mit verschiedenen Einschränkungen", erzählt Hannelore Reiner, evangelische Theologin und Pfarrerin - und die erste Frau, die in Österreich jemals in den Oberkirchenrat, das höchste Leitungsgremium der evangelischen Kirche, gewählt worden ist.

Diese Einschränkungen, etwa dass Pfarrerinnen nicht heiraten durften, seien erst 1980 weggefallen. Mit Frauen und verheirateten Männern im Pfarramt, habe man "auf jeden Fall" positive Erfahrungen gemacht in der evangelischen Kirche, so Hannelore Reiner, die 15 Jahre lang als Oberkirchenrätin für Personalfragen zuständig war. "Es ist zäh, aber wir sind jetzt österreichweit bei 40 Prozent Frauen und dort wo Frauen Pfarrerinnen waren oder sind, gibt es ungeteilt positive Meinungen dazu." Und Scheidungen gäbe es zwar auch bei Pfarrern und Pfarrerinnen, doch läge die Rate weit unter dem österreichischen Durchschnitt.

Die Wiederentdeckung der Bibel

Auch ein weiteres Anliegen Martin Luthers habe sich mittlerweile in der römisch-katholischen Kirche durchgesetzt: das Augenmerk auf die Bedeutung der Bibel. "Ich habe 1949 maturiert und bin dann gleich auf die Universität gegangen", erinnert sich der katholische Weihbischof Helmut Krätzl. Er habe dort "eine sehr billige Wortexegese mit einigen Realien" gehört, "aber von Bibeltheologie war keine Rede". Die Bibel habe damals in der Verkündigung "einen viel geringeren Wert gehabt", so Krätzl.

"Wir haben gesagt: Die Evangelischen haben die Bibel und wir haben die Messe." Zu einer Wiederentdeckung der Bibel sei es in der römisch-katholischen Kirche erst durch das Zweite Vatikanische Konzil gekommen, so der Weihbischof, "und natürlich durch die Vorarbeit hervorragender evangelischer Exegeten, die die Arbeit geleistet haben und die wir dann auch übernommen haben."

Hat Luther sein Ziel erreicht?

Luther hatte ein konkretes Anliegen, einen konkreten Kritikpunkt: Es ging ihm um die Bußpraxis seiner Zeit, um die Vergebung der Sünden, um die Rechtfertigung. Konkret bezog sich seine Kritik damals vor allem auch auf die Praxis des Ablasshandels, den es in dieser Form ja heute nicht mehr gibt. Luthers Impulse wurden aufgenommen und über weite Strecken erfüllt. Könnte man damit das Kapitel "Reformation" eigentlich schließen? Oder sind die Anliegen Luthers soweit zum christlichen Allgemeingut geworden (z.B. Stellenwert der Schrift), dass auch die römisch-katholische Kirche neidlos bekennen muss: Luther hat gesiegt?

Luther habe sein Ziel damals nicht erreicht, nämlich "seine Kirche, die er geliebt hat" zu reformieren, meint Weihbischof Helmut Krätzl. Doch im Laufe der Zeit sei es auch in der katholischen Kirche zu einer Erneuerung gekommen, vor allem seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil. "Luther würde sich wahrscheinlich über manches in der katholischen Kirche heute sogar freuen. Etwa dass der jetzige Papst einen barmherzigen und gnädigen Gott sucht und nicht einen Gott des Gesetzes. Ich glaube überhaupt mit dem jetzigen Papst wäre er durchaus einverstanden", lacht Krätzl.

Zu "Siegen" sei gar nicht das Ziel, meint Hannelore Reiner, evangelische Oberkirchenrätin in Ruhe und sie fügt hinzu: "Mir ist bei dem Stichwort ‚siegen‘ sofort ein Lied von Konstantin Wecker eingefallen, in dem es heißt: Es geht ums Tun und nicht ums Siegen."

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