Wartburg

APA/DPA/JENS KALAENE

Von Wittenberg auf die Wartburg und zurück

Eine Rundreise zu wichtigen Wirkungsstätten des Reformators.

Das Problem ist, dass Luther zu einem Heiligen gemacht wird.

Verglichen mit den weltweiten Auswirkungen, die die Schriften Martin Luthers hatten, war der tatsächliche Bereich, in dem er lebte und wirkte, überschaubar klein: im Osten des heutigen Deutschland.

Geboren 1483 in Eisleben, Studium in Erfurt und Eintritt ins dortige Augustiner Eremitenkloster. Danach war viele Jahre lang das Städtchen Wittenberg sein Lebensmittelpunkt, von dem aus er mit Predigten, theologischen Schriften, Pamphleten und unzähligen Briefen die Reformation in jene Bahnen zu lenken suchte, die ihm die richtigen erschienen. Wer von ihnen abwich, hatte meist mit dem unversöhnlichen Zorn Luthers zu rechnen.

Das ungeliebte Exil auf der einsamen Wartburg 1521-22 wurde weltgeschichtlich bedeutsam durch den Umstand, dass der unterbeschäftigte, als "Junker Jörg" getarnte Luther in wenigen Wochen das Neue Testament ins Deutsche übersetzte. Er war zwar nicht der Erste, aber der Einflussreichste und vor allem der Sprachbegabteste.

Die "Lutherbibel" war ein Markstein auf dem Weg zur einheitlichen deutschen Hochsprache. Begonnen hat Luthers geistliche und reformatorische Reise in Erfurt, im Kloster der Augustiner Eremiten, wo sich der junge Mönch radikal von seinem bisherigen Leben – dem Leben eines wohlhabenden und leichtlebigen Jurastudenten – abwandte.

Ein wacher Geist braucht keinen Schlaf

Mönch Martin hat es sehr ernst genommen mit der Selbstkasteiung und war bald nur mehr Haut und Knochen. Unentwegt plagte ihn die Frage, wie er den ewigen Sündenstrafen der Hölle entrinnen könne. Bei seiner ersten Messe als geweihter katholischer Priester plagten den jungen Luther übrigens derartige Gewissensnöte ob seiner unüberwindlichen Sündhaftigkeit, dass er sie unterbrechen musste.

Luther machte sich in seiner Mönchsgemeinschaft rasch einen Namen wegen seiner akademischen Gelehrsamkeit. Gefördert von seinem Beichtvater und Mentor, dem Generalvikar der Augustinerkongregation Johann von Staupitz, schickte man ihm zum Theologiestudium an die Universität. Zuerst nach Erfurt, dann an die eben erst von Kurfürst Friedrich dem Weisen gegründete Uni in Wittenberg. 1512 wird Martin Luther Doktor der Theologie und kurz darauf Nachfolger von Staupitz in der Professur für Bibelkunde.

Alles begann mit dem Ablasswesen

In Wittenberg sollte von da an der Lebensmittelpunkt Luthers sein, - und hier sollte auch der Ausgangspunkt der Reformation sein. Und es begann mit dem Erzbischof von Magdeburg und Mainz, der einen riesigen Schuldenberg angehäuft hatte, um sich gegen alles Kirchenrecht diese beiden Bischofssitze zu erkaufen und danach, um seine Schulden beim Papst und dem Bankhaus der Fugger abbezahlen zu können, das Ablasswesen in Sachsen derart perfektionierte, dass daraus eine der profitabelsten Geldmaschinen aller Zeiten wurde.

Aus Angst vor dem Fegefeuer kauften die Menschen in Scharen Ablassbriefe, die, so das damalige Versprechen der katholischen Kirche, die Zeit dort reduzieren würde. Und das war Luther ein solcher Dorn im Auge, dass er am 31. Oktober 1517 an der Tür der Schlosskirche von Wittenberg jene 95 Thesen über das Ablasswesen ziemlich wahrscheinlich hat anbringen lassen, um eine Disputation im akademischen Kreis anzuregen. Tatsächlich hat deren massenhafte Verbreitung wenig später wesentlich dazu beigetragen, dass die Reformation von Wittenberg aus die Weltgeschichte veränderte.

95 Thesen

Die Thesen des rebellischen Mönchs aus Wittenberg dringen bald bis nach Rom und man erkennt umgehend die Sprengkraft, die in ihnen steckt. 1521 exkommuniziert Papst Leo X. den Wittenberger Unruhestifter, dessen Schriften und Predigten ihm - Luther - schon unzählige Anhänger verschafft haben.

Kaiser Karl V. befiehlt ihn zum Reichstag nach Worms, auf das diese lästige Sache endlich aus der Welt geschafft werde und sichert ihm freies Geleit zu. Luther widerruft wie allseits bekannt seine Thesen nicht - Stichwort "Hier steh ich und kann nicht anders" (was er nie gesagt hat) - und reist wieder ab.

Da er als Ketzer nunmehr in großer Lebensgefahr schwebt, lässt ihn sein Dienstherr und treuer Schutzengel Friedrich der Weise zum Schein entführen und auf die abgeschiedene Wartburg verfrachten, wo er vom 4. Mai 1521 bis zum 1. März 1522 getarnt als Junker Jörg lebt. Die Wartburg, ein evangelischer Wallfahrtsort.

Alle acht Minuten rauschen 60 Personen durch die Räume der Wartburg

Zu Recht ist man hier stolz auf die jahrhundertelange Geschichte dieser Gemäuer, die auch über die kurze Visite des getarnten Kirchenrebellen hinaus viel zu bieten hat. Die heilige Elisabeth von Thürigen lebte hier (Opernfreunde seien kurz an Wagners Tannhäuser erinnert), und im 19.Jahrhundert war sie Schauplatz der sogenannten Wartburgfeste, studentischer Protestkundgebungen gegen die reaktionäre deutsche Kleinstaaterei und für einen Nationalstaat mit eigener Verfassung. Geschichtsträchtige Gemäuer fürwahr.

Aus lutherischer – und wohl auch aus germanistischer - Sicht ist dort ein kleiner, spartanischer Raum so etwas wie das Allerheiligste: Luthers Studierzimmer, wo er 1521 bis 1522 in wenigen Monaten das Neue Testament aus dem Griechischen ins Deutsche übersetzte.

Luther hat 18 deutsche Dialekte erlernt - und so entstand eine fantastische Testamentsübersetzung

Nach aktuellem Forschungsstand bestand seine Leistung übrigens nicht darin, entscheidend auf das deutsche Sprachsystem, also auf die Grammatik und die Regeln, eingewirkt zu haben, da das Frühneuhochdeutsche diese Regeln längst vor ihm besaß. Er wirkte jedoch als Sprachvorbild in verschiedenen Textsorten: Erbauungsliteratur, Predigttexte, Agitationstexte, theologische Fachprosa, Kirchenlieder, Übersetzungstexte. Die Lutherbibel half dem Neuhochdeutschen jedenfalls aber bei der Durchsetzung in Norddeutschland.

Es fehlt noch ein wichtiger Wendepunkt in der Lebensgeschichte des Reformators und dafür müssen wir wieder zurück nach Wittenberg, denn dort hat sich das zugetragen. 1525 heiratet der mittlerweile mit dem Papst und der gesamten katholischen Kirche rettungslos zerstrittene Mönch Martin die aus ihrem Kloster geflohene Nonne Katharina von Bora.

Martin Luthers Frau Katharina von Bora

Mit ihr hat er sechs Kinder, von denen zwei früh verstarben. Luther, das ist einigen seiner überlieferten Aussprüche und schriftlichen Zeugnissen zu entnehmen, war seiner Käthe durchaus liebevoll zugetan, sicher auch, weil sie als durchsetzungsstarke Hausherrin und Zimmervermieterin für das finanzielle Wohlergehen des lutherschen Haushalts sorgte.

1546 verstarb Martin Luther auf einer seiner zahlreichen Reisen. Er, der einst seinen Körper durch übermäßige asketische Übungen ausgezehrt hatte, war in seinen späten Jahren nach eigenen Worten "feist" geworden und hatte unter den Folgen seiner Fettleibigkeit zu leiden. Gestorben ist er in Eisleben, jenem Ort, wo er 62 Jahre davor auf die Welt gekommen war. Eine Welt, die er tiefgreifend verändert hatte.

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