"Western" von Valeska Grisebach

Wenn ostdeutsche Bauarbeiter nach Bulgarien auf Montage gehen, dann scheint das auf den ersten Blick nichts Ungewöhnliches. Doch in den Augen der deutschen Regisseurin Valeska Grisebach liegt in dieser Konstellation jede Menge Konfliktpotenzial. Welche Probleme sich beim Aufeinandertreffen fremder Menschen und Kulturen ergeben, welche Seelennöte hinter eigentlich schlichten Charakterzügen lauern, das arbeitet Grisebach behutsam und im Stile eines modernden Westerns heraus.

Kulturjournal | 30 10 2017

Arnold Schnötzinger

Behutsame Annäherung

Nichts geht mehr auf einer Baustelle im Grenzgebiet zwischen Bulgarien und Griechenland. Der Bagger steckt in der Mitte eines Flusses fest. Eine Gruppe ostdeutscher Bauarbeiter soll ein Wasserkraftwerk bauen, also Infrastruktur schaffen. Doch es fehlt an Wasser für das Mischen von Beton. Kies, der längst bestellt ist, kommt nicht an, verschwunden in den mafiösen Kanälen bulgarischer Kiesgrubenunternehmer, vermutet der Vorarbeiter Vincent.

Vorurteile und Misstrauen prägen die Beziehungen zwischen Deutschen und den bulgarischen Dorfbewohnern. Man bleibt lieber auf Distanz, mit Ausnahme des Arbeiters Meinhard, der sich langsam, und neugierig an das fremde Terrain heranwagt.

Demaskierte Tugenden

"Western" nennt die deutsche Regisseurin Valeska Grisebach die Geschichte einer kulturellen und sozialen Annäherung mit Komplikationen und Spannungen, erzählt mit den Elementen des titelgebenden Genres. Konfrontation heißt dabei auch Duell, zwischen den deutschen und den Bulgaren, aber auch innerhalb des Bauarbeitertrupps.

Regisseurin Valeska Grisebach: "Das Duell ist auch eine Möglichkein, in Beziehung zu treten. Es gibt Leute, die können mit anderen nur über Konflikt in Kontakt treten." So wie Meinrad und der Vorarbeiter Vincent. Der eine - ein vermeintlich stiller Einzelgänger, der andere demonstriert seinen Machtanspruch gerne, und lässt auch schon mal den Chef so richtig raushängen. Manchmal bis an die Grenze zur Ironie demaskiert Regisseurin Grisebach deutsche Tugenden in der Fremde, vom Fleiß über die Gründlichkeit bis hin zu einem Jetzt-kommen-wir-Gestus, etwa wenn im Wohnlager die deutsche Flagge gehisst wird.

Eskalation bleibt aus

Nach und nach spitzen sich die Konflikte zu, doch die kalkulierte Eskalation, wie man sie im klassischen Western gewohnt ist, bleibt aus. Da schlägt sich Grisebach doch eindeutig auf die Seite des Realismus, auch wenn sie die eine oder andere falsche Spur legt.

Meinhard umgibt sich mit der Legende, bei der Fremdenlegion gewesen und somit einer von den ganz harten Burschen zu sein. Zwar ist er der wortkarge und einsame Fremde, der mit dem Pferd in das Dorf reitet, den Werkzeuggürtel wie ein Revolverhalfter trägt, und dennoch bricht er das Stereotyp vom Cowboy und von roher Männlichkeit.

Schwierig, aber nicht unmöglich

Sprachbarrieren, Ländergrenzen, Mentalitätsunterschiede und Geschlechterdifferenzen, das Abenteuer in der Fremde. Am Ende hat Valeska Grisebach auch die zwischenmenschlichen Stolpersteine eines Europas im Visier, das vor allem als formal-bürokratische Hülle wahrgenommen wird. Annäherung, so zeigt der Film, ist schwierig, aber keinesfalls unmöglich und auf jeden Fall einen Versuch wert. Die Pistolen sollten man dabei aber, nicht so wie bulgarische Kiesgrubenbesitzer im Film, besser zu Hause lassen.

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