Damon Albarn auf der Bühne

Alice Chiche / AFP

Gorillaz in der Stadthalle

Den Sänger und Mastermind der Band Gorillaz, Damon Albarn, kennt man auch als Frontmann der Britpop-Ikonen Blur. Mittlerweile gibt es die Band, die Albarn gemeinsam mit seinem Freund, dem Comic-Zeichner Jamie Hewlett konzipierte, auch schon wieder 20 Jahre. Vor kurzem veröffentlichten sie "Humanz", ihr fünftes Studioalbum. Darauf klingt die Band härter, rasanter und auch düsterer als früher. In Wien zeigten sich die Gorillaz gestern von ihrer menschlichen Seite.

Leibhaftig und ziemlich analog - keine Hologramme oder aufwändigen Projektionen. Dafür sieben Musiker, sechs Chorsängerinnen und mitten drin der Chef des Unternehmens: Damon Albarn, der so beiläufig wie cool über die Bühne schlurft.

Morgenjournal | 03 11 2017

Alles, nur keine Nostalgie

Seine übermütigen Britpop-Tage mit Blur kennen viele der gestrigen Konzertbesucher höchstens von der elterlichen CD-Sammlung oder vom Vorbeisurfen auf YouTube. Gut für Albarn, der dieses junge Publikum als allabendliches Attest für seine popkulturelle Relevanz heranziehen kann. Er selbst denkt nicht mehr allzu oft an die Rivalität mit Oasis und die rauschhaften Höhenflüge der 1990er. "Das ist schon ziemlich lange her. Eine andere Welt. Damals war ich noch nicht Vater. Heute sehe ich die Welt völlig anders", sagt Albarn im Ö1 Exklusivinterview und signalisiert, dass er bei diesem Thema keinen besonderen Drang zum Verweilen verspürt. Ihn treibt es vorwärts. Nostalgie ist ihm verhasst. Sie lullt die Menschen ein und bremst die eigene Dynamik.

Doch auch der scheinbar ewig jugendliche Albarn ist älter geworden, nachdenklicher. Optimistisch zu bleiben fällt ihm heute schwerer, dafür hat er gelernt, auch mit seinen dunkleren Seiten zurechtzukommen. "Mir fällt es ziemlich schwer, heutzutage optimistisch zu bleiben. Ich muss mich einfach damit abfinden, dass ich auch dunklere Seiten habe und mich mit beiden Zuständen arrangieren."

Zwischen Club und Melancholie

In der Stadthalle pendelt Albarn zwischen nachdenklich-melancholischen Augenblicken und jenem globalisierten und pumpenden Club-Sound, der im 15. Wiener Gemeindebezirk genauso funktioniert wie in Bogota, Prag oder Dubai - alles Stationen der aktuellen Tour. Es ist die Art Konzert in der andächtige Momente oder Anflüge von Verzückung mit grell leuchtenden Handy-Displays unterstrichen werden. Und Albarn genießt es immer noch, seinen Gesang wie beiläufig über die eigenen Kompositionen tröpfeln zu lassen.

Pop-Kosmopolit

Seine Zelte schlägt der Pop-Kosmopolit ohnehin nie lange an einem Ort auf. Damon Albarn streift durch die Metropolen dieser Welt und funktioniert deren Hotels kurzerhand in Aufnahmestudios um. Reisen inspiriert ihn, sagt er und schwärmt vom Blick über die Dächer einer Stadt. "Wenn ich in einem dieser hohen Gebäude übernachte und den Blick über die Stadt unter mir schweifen lasse, dann ist das für mich auch ein wunderbarer Ort, um Musik aufzunehmen." Vorzugsweise auf seinem Laptop. Diesmal aber hat Albarn ein ganzes mobiles Studio eingepackt. In den USA war es permanent dabei. In Europa steht es ihm in Berlin, München, Genf und Paris zur Verfügung. Aus den Aufnahmen wird wohl eine neue Gorillaz-Platte entstehen. Analog zu "The Fall" aus dem Jahr 2010.

Albarn mag künstlerisch sprunghaft sein und rasant in seinen kreativen Abzweigungen. Rein organisatorisch legt er es aber streng an. 9.00 bis 17.00 Uhr sind die Parteizeiten in seinem Studio im Westen Londons. "Ich möchte einfach Tageslicht bei meiner Arbeit haben", meint er. "Schon alleine um sicherzustellen, dass die Welt noch steht, wenn ich mich wieder einmal tief in meiner Arbeit vergraben habe."

Vom Musterschüler zum kreativen Katalysator

Im Laufe seiner Karriere hat Albarn mit den Großen gearbeitet. Albarn hat die Musik Afrikas erkundet und sich seinen eigenen Reim darauf gemacht. Er hat nicht nur Paul Simonon, den Bassisten der legendären Clash, aus dem plüschigen Pop-Ruhestand gezerrt und Soul-Ikone Bobby Womack zu neuen Höheflügen angestachelt. Auch Lou Reed, Mark E. Smith oder Tony Allen teilten sich mit ihm das Studio. Albarn ist ebenso kreativer Geist wie geschickter Einfädler und Katalysator.

Aus dem Britpop-Musterschüler ist also ein Handelsreisender in Sachen musikalischer Weltverständigung geworden. Albarn arbeitete mit Musikern aus Mali oder einem syrischen Orchester, nahm in Jamaika oder Nigeria auf. Ein nimmermüder Workaholic, der jeden Tag komponieren und seine Zeit konstruktiv nutzen will. Auch seine Supergroup The Good the Bad and the Queen will er wieder aufleben lassen. Mit dabei: Clash Bassist Paul Simonon, Drummer Tony Allen und: Bowie-Produzent Tony Visconti. "Wir haben ein neues Album mit Tony Visconti aufgenommen. Wir sind schon ziemlich weit damit. Ich habe alle meine Teile eingesungen - die Musik ist fertig, obwohl noch Teile der Orchestrierung fehlen. Könnte gut sein, dass wir es schon bald veröffentlichen."

Verpackungskünstler

Die musikalischen Verpackungen mögen wechseln, doch innen drin scheint Albarn immer noch der sentimentale Chronist mit dem Händchen für den zuckersüßen, schläfrigen Ohrwurm zu sein. Einmal comichaft und mit Zug auf den Dancefloor, dann wieder am Piano oder gar ein Ausflug in die Oper. Aus dem Britpop-Musterschüler mit der adretten Frisur ist längst ein Handelsreisender in Sachen musikalischer Weltverständigung geworden. Politisch desillusioniert vielleicht, aber mit dem kreativen Verlangen eines permanent Suchenden. In Wien ging der gestrige Arbeitstag für Damon Albarn nach 90 Minuten und 22 Songs zu Ende

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