Musikgruppe im Feld

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"Old Routes. New Ways" bei Klezmore

Ab Samstag findet in Wien wieder das Klezmore-Festival statt. Zwei Wochen lang gibt es dem Festivalnamen entsprechend nicht nur traditionelle Klezmer-Musik zu hören und zu erleben. Es gibt Workshops zu jiddischen Tänzen, Filmvorführungen mit Live-Musik und Vorträge. Die 14. Ausgabe des Festivals hat sich selbst dem programmatischen Motto "Old Routes. New Ways" verschrieben - neben den althergebrachten Zugängen gibt es nämlich auch in der Klezmer-Musik jede Menge neue Impulse und Akzente.

Kulturjournal | 02 11 2017

David Baldinger

Überschrift Klezmer

Mit verstaubter Traditionspflege hatte das Wiener Klezmore Festival bisher nichts am Hut und daran wird sich auch in der aktuellen Ausgabe nichts ändern. Dafür ist die internationale Klezmer-Szene auch zu sehr in Bewegung. Ein verästeltes und verzweigtes musikalisches Netzwerk tut sich da beim genaueren Hinhören auf. Die Überschrift Klezmer wird heute rund um den Globus auf unterschiedlichste Weise interpretiert. "Diesmal sind zum Beispiel zwei Argentinier dabei, auch Amerikaner sind immer wieder hier, weil es eine große Klezmer-Szene in New York gibt. Auch Deutsche und Franzosen kommen. Ich versuche, das Festival bunt zu gestalten und wirklich ein Potpourri anzubieten", sagt Leiter Friedl Preisl über seine diesjährigen Gäste.

An insgesamt dreizehn Spielstätten gibt es dieses Potpourri heuer zu erleben. Das argentinische Duo Lerner/Moguilevsky steht für die kreative Energie des Klezmer, sich neue musikalische Pfade zu erobern, frische Mischungen auszuprobieren, das Traditionelle mit dem Experimentellen kurzzuschließen. So klingt moderner Klezmer, wenn er auf südamerikanische Folklore, auf Tango und Jazz trifft.

Klassentreffen und Schulterklopfer

Friedl Preisl und seine Kollegin Ruth Schwarz setzen in ihrem Programm aber nicht nur auf Musik. Neben Konzerten gibt es auch Vorträge, Filmvorführungen mit Live-Klavierbegleitung, Workshops oder Singnachmittage. Keine Berieselung und Einbahn-Unterhaltung also, sondern viel aktives Mitmach-Programm. "Wichtig ist, dass man sich einlässt", rät Preisl. "Viele Gruppen kennt man gar nicht. Dann wundert man sich und ist erstaunt, weil es eine solche Vielfalt gibt."

Was heute als renommiertes Festival international ausstrahlt, erfuhr aber längst nicht immer nur ungeteilte Zustimmung. Dass nämlich ausgerechnet ein Nicht-Jude ein Klezmer-Festival in Wien organisieren sollte gefiel nicht allen. Friedl Preisls Idealismus und Tatendrang prallte in den Anfangstagen auf so manche reservierte Reaktion. Begonnen hat alles mit traditionellen Straßenfesten am Wiener Judenplatz, erinnert sich Preisl. "Ich beobachte recht gern und akribisch. Die Straßenfeste, die es früher am Judenplatz gegeben hat, sind mir immer wie Klassentreffen vorgekommen. Jedes Jahr treffen sie sich und - übertrieben ausgedrückt - klopfen sich auf die Schultern und dann passiert aber relativ wenig. Ich habe mir dann gedacht, dass es doch außer diesem Fest mehr geben muss."

Dieser Wunsch war der Keim des Klezmore-Festivals und auch gleich dessen Namensgeber. "Dadurch ist dieses Wortspiel - Klezmer/Klezmore - entstanden. Da kann man Avantgarde-Jazz genauso spielen wie traditionelle Klezmer-Musik", erklärt der langjährige Leiter und Träger des Goldenen Verdienstzeichens des Landes Wien.

Grenzübertritt

Inzwischen überschreitet auch das Wiener Festival selbst geographische Grenzen. Mit Bratislava gibt es einen zweiten Austragungsort, der auch heuer bespielt wird. Am kommenden Montag etwa wird dort die Pressburger Klezmer Band aufspielen und auf beschwingten Jazz als musikalische Würze setzen.

Aus der Klezmer-Metropole New York wiederum reisen Eleanor Reissa und Frank London an. Die beiden Gründungsmitglieder der Klazmatics stehen nun den siebenköpfigen Klezmer Brass Allstars vor. Mit Pauken und Trompeten schweben die Allstars zwischen getragener Schwermut und jiddischen Gute Laune Songs.

Die Band Gulaza aus Israel wiederum widmet sich den geheimen Liedern der Frauen des Jemen. Jungen jemenitischen Mädchen, die ihnen unbekannte Männer heiraten müssen, bieten diese Lieder traditionell Zuflucht und Trost. Seit Jahrhunderten werden sie mündlich von Mutter zu Tochter tradiert. Friedl Preisl setzt auf diese Tradition von Klezmer als identitätsstiftende Musik der Unterdrückten.

Mit aktuellen politischen oder gar parteipolitischen Fragen möchte Friedl Preisl sein Festival nicht belasten. Gänzlich vermeiden lässt sich eine politische Dimension aber nicht. Besonders dann, wenn wie mit Gulaza Bands aus Israel nach Wien kommen. "Ich versuche auch immer wieder, israelische Bands einzuladen", erklärt Preisl. "Das Politische lasse ich aber bewusst draußen, weil die Kunst ohnehin die Grenzen und vor allem auch die Grenzen im Herzen öffnet."

Wider die Kleingeistigkeit

Nicht nur im herbstlichen Festivalkalender der Stadt hinterlässt das Festival seine Spuren. Preisl und sein Team fungierten nämlich auch als Geburtshelfer. "Seit einigen Jahren gibt es das Klezmore-Orchester, mittlerweile eine zehnköpfige Band. Das macht mich schon stolz, dass aus dem Festival auch eine Band entstanden ist. Ich habe nur den Hinweis gegeben und es ist tatsächlich passiert."

Zwei Wochen lang wird das Festival sein Ohr ganz dicht am modernen Klezmer-Sound haben. Zwei Wochen zwischen alten Routen und neuen Pfaden, zwei Wochen auch, die Vielfalt und Unterschiedlichkeit feiern und damit ein Zeichen gegen die von Friedl im Programmheft diagnostizierte "beschränkte Kleingeistigkeit" setzen wollen.

Service

KlezMORE - 4. bis 19. November 2017

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