Charlotte Gainsbourg

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Musikalische Trauerarbeit von Charlotte Gainsbourg

Die Französin Charlotte Gainsbourg hat sowohl als Schauspielerin als auch als Musikerin Erfolge gefeiert und gilt nebenbei auch noch als Stilikone. In den vergangenen Jahren wurde es stiller um sie - ein Grund dafür war der Tod ihrer Halbschwester vor vier Jahren. Diese traumatische Erfahrung verarbeitet sie nun auf ihrer neuen Platte "Rest" - dem ersten Album seit sechs Jahren.

Als Schauspielerin drehte Gainsbourg mit Lars van Trier, Michel Gondry oder Todd Haynes. Kollaborationen mit dem amerikanischen Musiker Beck oder Jarvis Cocker, dem Sänger von Pulp stehen auf der musikalischen Habenseite.

Morgenjournal | 16 11 2017

David Baldinger

"'Rest' hat mich wieder lebendig gemacht"

Musikalische Trauerarbeit muss nicht immer in Moll baden. Das macht Charlotte Gainsbourg auf ihrem neuen Album deutlich. Das Lied "Dans vos Airs" etwa hat als Gedicht begonnen - und breitet auch in Musikform seinen feierlichen Charme aus. Den Text dazu hat Gainsbourg beim Zeichnen ihrer Kinder verfasst - und die stille, beschützte Intimität dieses privaten Moments schimmert immer noch durch.

"Genau darum geht es für mich bei diesem Album: Ich habe es geschafft, über sehr traurige Momente meines Lebens zu singen, und die Musik ist der Kontrast dazu", sagt Gainsbourg. "Die Musik ist mein Schutzpanzer. Ich würde keine traurigen Lieder zu traurigen Melodien singen wollen. Dieses Album hat mich wieder lebendig gemacht."

Echo des Vaters

Vor vier Jahren stürzte ihre Halbschwester Kate Barry aus dem Fenster ihrer Pariser Wohnung. Offizielle Todesursache: Selbstmord. Gainsbourg packt ihre Sachen und flüchtet nach New York. Diese Tragödie und das lange Echo ihres Vaters, des französischen Chanson Enfant Terribles Serge Gainsbourg, prägen das Album. Ihm widmet sie auch den Song "Lying with you". "Ich wollte über ihn reden, und ich wollte dafür auch grobe, unsensible, teilweise auch gemeine Worte verwenden", erklärt Gainsbourg ihre Motivation. "Meine Zeit mit ihm war eine sehr intensive, manchmal auch schockierend. Aber trotzdem ist dieses Lied eine Liebeserklärung."

Zerbrechlich und lasziv

Charlotte Gainsbourgs Songs verströmten schon immer mehr Persönlichkeit als musikalische Virtuosität. Es gab die Kollaborationen mit Jarvis Cocker von Pulp, mit Divine Comedy, Aufnahmen mit Calexico und die Zusammenarbeit mit Beck. Doch wer auch immer für Gainsbourg komponierte oder sie produzierte - ihren Charme erhielten diese Songs einzig durch Gainsbourgs Interpretation. Durch den Mix aus zierlicher Zerbrechlichkeit und Laszivität, mit dem sie sich diese Songs aneignete.

Auch diese elf Songs erhalten ihre Spannung durch den Kontrast zwischen der oft schwer keuchenden elektronischen Grundstimmung und Gainsbourgs ätherisch leichter und immer noch unschuldig-kindlicher Stimme. Es knistert, wenn das grazile auf das klobige trifft. Dieses Wechselspiel aus sanft und hart, warm und kalt, aus sinnlich-organisch und elektronisch-kühl kennzeichnet "Rest".

Kein Therapie-Album

Erstmals schrieb Gainsbourg ihre Texte selbst. Dennoch: "Es ist kein therapeutisches Album für mich, aber ich spreche über sehr intime Dinge, ohne sie zu filtern. Manche Künstler können einfach alles aus ihrem Leben nehmen, und daraus Kunst entstehen lassen. So bin ich nicht. Ich hab einfach meine Gefühle genommen und sie in Worte gepackt. Ich hab mich dabei wenig darum gekümmert, ob das jetzt privat ist oder nicht. Es war mehr ein persönliches Zwiegespräch", so Gainsbourg.

Aus dem atmosphärischen Rahmen der elektronisch grundierten, gepflegten Tristesse fallen vor allem zwei Songs, die beide nicht vom musikalischen Chefarrangeur Sebastian stammen. "Rest" kreist um ein Sample aus der Feder der französischen Elektronik-Helden Daft Punk. Hier harmoniert Gainsbourgs minimalistisch-gehauchter Text mit der sphärischen Weitläufigkeit des Arrangements. "Es ist mir sehr schwer gefallen, meinen Schmerz präzise zu fassen und nicht vage zu bleiben. Damals war gerade meine Schwester gestorben. Es ging mir wirklich schlecht, ich hab mich gefühlt, als wäre das alles ein böser Traum. Ich singe 'Rest' auf eine sehr naive und unschuldige Art, denn genau so hatte ich mich damals gefühlt", meint die 46-jährige Sängerin.

Ein anderer atmosphärischer Ausreißer erreichte Gainsbourg schon vor sechs Jahren - per Mail. Der Absender: Sir Paul McCartney. Kurz davor hatte sie McCartney zum Mittagessen getroffen und ihn gefragt, ob er ihr denn eventuell und irgendwann einmal einen Song überlassen könnte. "Songbird in a cage" ist dieser Song und der ewige Beatle kam dafür sogar ins New Yorker Aufnahmestudio.

Reifeprüfung

Charlotte Gainsbourg schafft es - with a little help from her friends - ihrer Trauer eine neue Lust am musikalischen Abenteuer beizumengen. Momente der seelischen Schockstarre wechseln mit spielerischer Experimentierfreude. "Rest" ist ein reifes Album, das mehr als je zuvor ihre eigene, immer klarer konturierte Handschrift trägt.

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