Vladimir Medinski

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Kulturpolitik als Teil der nationalen Sicherheitsstrategie

Russland wird seit der Jahrtausendwende, seit dort Wladimir Putin erstmals zum Präsidenten gewählt wurde, Schritt für Schritt zu einem immer autoritäreren Staat. Die Kunstwelt ist von dieser Entwicklung aber lange unbehelligt geblieben. Erst 2012 nach den damaligen Massenprotesten gegen Wahlfälschungen griff Putin hart durch - und stellte auch die Kunst in den Dienst der vom Kreml gesteuerten Propaganda. Kritische Künstler kamen unter Druck.

2015 wurde zum Beispiel der Direktor der Nowosibirsker Oper wegen angeblich gotteslästerlichen Inszenierungen entlassen. Und diesen Sommer wurde Kirill Serebrennikow, der wohl bekannteste moderne Theater-Regisseur Russlands, unter Hausarrest gestellt - offiziell wegen Betrugs, nach Meinung der Moskauer Theaterwelt aber, weil er in seinen Stücken weiter ging, als es den Machthabern lieb war. Zu verantworten hat die Kulturpolitik in Russland Minister Wladimir Medinski. Und weil er auch für Tourismus zuständig ist, kam Medinski Montagabend zu einem Galakonzert anlässlich des Abschlusses des österreichisch-russischen Tourismusjahres ins Linzer Brucknerhaus. Vor seiner Abreise hat er Christian Lininger in Moskau ein Interview gegeben.

Kein Anhänger von Vielfalt

Kulturminister Wladimir Medinski ist selbst Autor, unter anderem einer Bestseller-Reihe, die die russische Geschichte als Abfolge von Erfolgen zeichnet und dem Westen vorwirft, Russland seit Jahrhunderten zu verleumden. Dass Medinski eine derartige Sichtweise auch von Kulturschaffenden fordert, dass er erklärt, sein Ministerium werde keine Projekte fördern, die Russland oder seine Geschichte anschwärzten, hat ihm viel Kritik in der liberalen Kulturszene eingebracht.

Medinski ist kein Anhänger der Unterstützung von Vielfalt, er sieht Kulturpolitik ähnlich wie der Kreml als Teil der nationalen Sicherheitsstrategie, schreibt, Künstler, Staat und Gesellschaft müssten für dieselben Werte einstehen und so das nationale Projekt vorantreiben. Dass solche Vorgaben, wie ihm immer wieder von Kulturschaffenden vorgeworfen wird, auf nichts anderes als Zensur hinausliefen, lässt Medinski nicht gelten: "Es gibt keine Zensur. Wir wissen alle, was Zensur ist. Zensur ist, wenn jemand vor der Veröffentlichung eines Theaterstücks, Films, einer Fernsehsendung entscheidet, darf man dieses Stück, diesen Film zeigen oder nicht. So ein System gibt es in Russland nicht. Und wenn jemand einfach kein staatliches Geld bekommen hat und sich dann beschwert, dann liegt das Problem eher an seinem schöpferischen Vermögen - dann ist das Projekt nicht interessant, oder er hat sich genug um Förderungen bemüht."

Kriminalisierung von Kulturschaffenden

Kulturschaffende sprechen freilich nicht von Zensur in traditionellem Sinn. Sie kritisieren, dass einerseits nur noch patriotische Projekte gefördert würden, dass es andererseits aber noch eine viel perfidere Form der Zensur gebe, dass auf nicht genehme Künstler die Finanzpolizei angesetzt werde, die dann auch immer irgendwelche Vergehen finde. Der für die Moskauer Theaterwelt schockierendste derartige Fall war im Sommer die Verhaftung von Kirill Serebrennikow.

Der Fall Serebrennikow

Kirill Serebrennikow hat eines der spannendsten und mutigsten Theater in Moskau geleitet, Filme gedreht und Theaterstücke, Ballett und Opern inszeniert - und mit seinen oft grellen Satiren den Kreml und die Kirche verstört. Jetzt steht er unter Hausarrest. Entgegen den Vorwürfen der Moskauer Theaterwelt aber nicht aus politischen Gründen, sagt Medinski: "Bei Serebrennikow geht es im Wesentlichen um Folgendes: Er hat staatliche Unerstützung für einige Theaterprojekte erhalten. Nach Meinung der gerichtlichen Untersuchung, nach Meinung der Ordnungskräfte, hat er sich aber neben seinem Honorar noch einen sehr großen, weiteren Teil der Mittel behalten. Er hat dem Ministerium eine falsche Abrechnung vorgelegt. Das war also ein banales Wirtschaftsverbrechen."

Kein Einzelfall

Druck auf nicht kremltreue Theatermacher hat es aber auch schon vor der Verhaftung Serebrennikows gegeben. 2015 entlässt das Kulturministerium den Direktor der Nowosibirsker Oper, nachdem die russisch-orthodoxe Kirche eine Tannhäuser-Inszenierung dort als gotteslästerlich einstuft. Darf die Kirche, die ja als wichtige Stütze des Kremls gilt, also vorgeben, was gezeigt wird?: "Das war nicht ganz so. Der Direktor ist drei Monate, nachdem die Oper auf die Bühne gekommen ist, entlassen worden. Und der Grund war, dass er Anordnungen des Ministeriums nicht ausgeführt hat.

Die Frage, ob es in den Anordnungen darum ging, die Oper abzusetzen, verneint Medinski. Im Sommer 2015 hatte Medinski in einem Zeitungsartikel allerdings sehr wohl genau diesen Zusammenhang hergestellt. Als Vergleich bringt der Kulturminister nun aber ein Beispiel aus Deutschland: "In Frankfurt, wenn ich mich richtig erinnere, hat es vor vier Jahren auch eine moderne Tannhäuser-Inszenierung gegeben. Und auch dort hat so ein junges Talent die Handlung der Oper in eine andere Zeit verlegt - bei uns war die Handlung im heutigen Russland angesetzt, und in Frankfurt im Deutschland der Nazi-Zeit. Wissen sie wie lange diese Inszenierung, bei der der Held eine SS-Uniform getragen hat, gespielt wurde? Genau ein Mal. Dann wurde sie von der Stadtverwaltung abgesetzt, weil die Stadtverwaltung der Meinung war, dass man auf keinen Fall zur Musik von Wagner in einer SS-Uniform über die Bühne gehen darf. Wo gibt es also Zensur? Ich denke, in Deutschland! Wir waren da, was unseren Tannhäuser betrifft, viel liberaler. Er ist drei Monate lang gelaufen."

Die Inszenierung, von der Medinski spricht, ist nicht in Frankfurt, sondern an der Rheinoper in Düsseldorf gelaufen. Abgesetzt wurde sie auch nicht von der Stadtverwaltung, sondern von Christoph Meyer, dem Intendanten der Rheinoper, in einer vieldiskutierten und umstrittenen Entscheidung nach heftigen Protesten des Publikums. Medinski zieht den Fall von Düsseldorf aber als Beweis heran, dass es Grenzen gibt, was man auf der Bühne zeigen darf: "Jedes Land, jede Nation verfolgt aufmerksam und vernünftig die Einhaltung ihrer Kulturpolitik, ihrer Gesetze und ihrer Vorstellung davon, was gut und was böse ist. Dazu hat jede Nation das uneingeschränkte Recht."

Wir leben in einer freien Welt

Wie weit liegen die Vorstellungen von Kulturpolitik zwischen Europa und Russland unter Präsident Putin nun tatsächlich auseinander? Medinski hat ja bei der Präsentation eines Programmes zur Förderung des Patriotismus der russischen Jugend die, wie er es formulierte, überholte und gescheiterte Politik der Toleranz in Europa kritisiert: "Wenn man die Effektivität der in einer Reihe von westlichen Ländern verfolgten Politik des Multikulturalität beurteilt - und manchmal verknüpft man das auch mit dem Begriff der Toleranz-, dann sagen das ja schon alle, dass diese Politik ineffektiv ist, gescheitert ist. Übrigens, die Politik der Freundschaft der Völker, wie sie in der Sowjetunion praktiziert wurde, war viel effektiver."

Doch stört ihn nicht, dass mehr und mehr Künstler Russland in Richtung Westen verlassen, weil sie ihre Projekte im Rahmen der strikten russischen Kulturpolitik nicht verwirklichen können?: "Die einen wollen das Land verlassen, andere wollen kommen. Wir leben ja in einer freien Welt. Den Eisernen Vorhang gibt es nicht mehr.", meint Kulturminister Wladimir Medinski und führt dann als Beispiel für einen berühmten Kulturschaffenden, der nach Russland wechselt, Hans-Joachim Frey an, den künstlerischen Leiter des Linzer Brucknerhauses. Frey wird im russischen Olympiaort Sotschi ein Kulturzentrum aufbauen. Montagabend wurde er in Linz mit einem Galakonzert verabschiedet, zu dem als Gast auch Medinski geladen war.

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