Weltmuseum Wien

APA/ROLAND SCHLAGER

Eine "Kopftrophäe" im Weltmuseum

Vor rund einem Monat wurde das Weltmuseum Wien wieder eröffnet. Gezeigt werden dort ethnografische Objekte, historische Fotografien und Bücher zur Kultur und Geschichte außereuropäischer Völker und eine "Kopftrophäe" die Anfang des 19. Jahrhunderts im Zuge einer österreichischen Expedition gekauft und nach Wien gebracht wurde. An ihr erhitzen sich nun die Gemüter.

Kulturjournal, 27 11 2017

Wolfgang Schlag

Von Kriegern zu politischen Akteuren

Ein Raum in der neuen Dauerausstellung des Weltmuseum Wien. Halbdunkel, Stimmen von Videos, und im Zentrum eine fast raumfüllende Inszenierung. Inmitten von buntem Federschmuck ein menschlicher Kopf. "Sorgsam ausrasiert und die Augen mit Pech verklebt", liest man im Museumsführer aus dem Jahr 1904.

Heute liest man auf einer Tafel an der Vitrine unter dem Titel: "Von Kriegern zu politischen Akteuren" wie aus den Munduruku Brasiliens, den gefürchteten Kopfjägern, so der Text, 100 Jahre später politische Aktivisten im Kampf gegen umweltzerstörerische Energieprojekte wurden.

Der Direktor des Weltmuseum Wien, Steven Engelsman, ist begeistert von dieser Inszenierung, man hätte hier wirklich alles richtig gemacht. "Das ist der Fall mit dem Munduruku, mit der Trophäe in der Ausstellung hier, in dem ganzen Konvolut von Federn, wo diese Trophäe auch mit Rücksprache mit den Munduruku, wo das ganz in Ordnung ist, weil der Kopf in das ganze Konvolut gehört, in der Zeremonie, wo der Kopf eines Feindes verwendet wird, werden auch dieser Federschmuck getragen, das gehört zusammen, deshalb haben wir uns gesagt, ja, das können wir zeigen.

Ausgestellter Schädel

KHM-MUSEUMSVERBAND

Kopftrophäe um 1830

Fehler in der Präsentation

Und so steht man beim Betreten dieses Raumes sehr unmittelbar dieser sogenannten Kopftrophäe gegenüber und liest nur über die Mörder dieses Unbekannten. Vom Menschen dem dieser Kopf einmal gehörte, erfährt man nichts. Es gibt auch keine Warnung für Eltern mit Kindern, und auch keine Positionierung dieses Kopfes, die Kinder vor diesem Anblick zuerst einmal schützen würde, wie in anderen ethnografischen Museen.

Aber das sei nicht das einzige, das in diesem Raum nicht stimmt, sagt der Vorstand des Instituts für Kutur- und Sozialantropologie der Universität Wien, Thomas Filits: "So völlig ohne Diskussion und ohne kritisches Bewusstsein wie der Sammler Natterer zu diesem Kopf gekommen ist, unter welchen Bedingungen, das ist schon sehr unwissenschaftlich, unethisch und in 2017 nicht mehr möglich."

Angesprochen ist hier der Naturforscher und Tierpräparator Johann Natterer, der im Auftrag von Erzherzogin Leopoldine 1817 an einer großen Brasilien-Expedition teilnahm. Ziel war die Suche nach Rohstoffen. Natterer sollte ethnologische Objekte, Kultgegenstände, aber auch einen Kopf mitbringen. Bei der Suche nach den schlussendlich 2400 Objekten halfen ihm Einheimische, allerdings nicht alle freiwillig. Diese Sklaven ließ Natterer auch schon mal auspeitschen, wenn sie nicht gehorchten. Auch von dieser kolonialrassistischen Gewalt liest man im Brasilien-Raum des Weltmuseum Wien nichts.

Sensible Sammlungen erforden eine sensiblen Umgang

In Deutschland geht man mit diesen sensiblen Sammlungen auch sensibler um. Die Direkto-rin der drei ethnografischen Museen in Sachsen Nanette Snoep leitete das weltweit renommierte Musée du quai Branly in Paris. Sie hat für menschliche Überreste in Sammlungen, sogenannte Human Remains, eine klare Agenda mit dem Ziel, dass alle Objekte so bald wie möglich im Internet auch für Wissenschaftler aus den jeweiligen Herkunfts-Ländern verfügbar sind.

"Daran arbeiten wir, aber wir versuchen auch jetzt mit unserem eigenen Team, mit ihren je-weils eigenen Netzwerken, die Socities zu kontaktieren um zu sagen, das haben wir hier und wir möchten wissen wie die Communities damit umgehen würden. Man sollte sehr aktiv damit umgehen, mit Provenienzforschung, aber auch mit Restitution und nicht warten!"

Ethischen Richtlinien für Museen

Die Museen sollten also auf die Herkunftsgemeinschaften zugehen. Der namenlose Kopf im Weltmuseum wartet allerdings, denn, so der Direktor, alle waren Feinde der Munduruku, die könne man nicht mehr ausfindig machen. Engelsman beruft sich in seinem Umgang mit die-sem Thema auf die Ethischen Richtlinien für Museen des Internationalen Museumsrats "es genüge menschliche Überreste, mit Achtung vor den Gefühlen der Menschenwürde zu präsentieren".

2013 erstellte allerdings der Deutsche Museumsbund wesentlich genauere Empfehlungen und spricht vom Unrechts-Kontext, in dem solche Objekte nicht gezeigt werden sollten. Wenn zum Beispiel der Mensch, dem dieser ausgestellte Kopf einmal gehörte, gewaltsam zu Tode kam.

Steven Engelsmann meint dazu: "Was ist ein Unrechtskontext? Das ist ein unglaublich waager Begriff. Wenn es ein Unrecht ist, was die Munduruku damals ihren Feinden angetan haben und das dazu führt, dass wir uns heute etwas auferlegen, dem würde ich nicht zustimmen."

Ausstellen oder nicht?

Unrechtskontext, Die Fragen nach Ethik, ein ausgestellter Menschenkopf der als Mensch mit keinem Wort vorkommt. Und vielleicht wartet ja irgendwo in Brasilien wirklich eine Gemein-schaft darauf, dass dieses koloniale Beuteobjekt zurückkehrt. Der Sozial-Antropologe Thomas Filits sagt zur Kopftrophäe: "Meine persönliche Meinung ist man sollte sie nicht mehr ausstellen, weil es einfach unethisch ist. Für die Verwandschaftsgruppe von der der Krieger stammt, ist es ein Verstorbener, die hätten den gern als Bestattungsmöglichkeit. Jedenfalls sollte man solche Objekte nicht mit anderen vermischen und schön positionieren als Wunderwerk der Weltkulturen."

Und die Direktorin der Sächsischen ethnologischen Museen Nanette Snoep fügt hinzu, dass in ihren drei Häusern menschliche Überreste grundsätzlich nicht mehr gezeigt werden und sie mit dem Gewaltkontext solcher Präsentationen auch nichts mehr anfangen kann.

Trophäenkopf wird weiter gezeigt

Sabine Haag, die Generaldirektorin des Kunsthistorischen Museums, zu dem auch das Weltmuseum gehört, sagt dagegen: Man werde den Trophäenkopf weiter zeigen. Es sei allerdings nicht gelungen den Kontext in dem das Objekt steht ausreichend zu kommunizieren. Daher wird das Objekt im benachbarten Saal, der Fragen des Kolonialismus gewidmet ist, in den dortigen Medientisch integriert. Die Präsentation des Trophäenkopfes selbst, werde noch einmal museumsintern diskutiert, sodass sie in ihrem Kontext noch vollständiger wird.

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