Ferdinand Rauter

PRIVAT

Der Pianist Ferdinand Rauter

Vor knapp 70 Jahren, am 8. Jänner 1948, starb nach schwerer Krankheit die österreichische Tenorlegende Richard Tauber im Alter von 56 Jahren in London. Der König war tot - lang leben die vier Kronprinzen! Diese saßen nur zwei Tage später zum ersten Mal gemeinsam auf der Bühne der Wigmore Hall: das Amadeus-Quartett, zusammengesetzt aus drei Exil-Österreichern, Norbert Brainin, Siegmund Nissel und Peter Schidlof, sowie dem Engländer Martin Lovett, das sich im Laufe der nächsten Jahre zum wohl bekanntesten, berühmtesten und beständigsten Streichquartett der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts entwickeln wird. Spätestens hier muss auch eines Menschen gedacht werden, der in der offiziellen Genese des Amadeus-Quartetts bisher kaum bis gar nicht einer Fußnote wert befunden wurde: Ferdinand Rauter, seines Zeichens Pianist, Pilzexperte und Anthropologe.

Der Zweite Weltkrieg und der Anstand haben ihn für mehrere Jahre nach London ins Exil gespült. Seine zahlreichen Auftritte vor dem Krieg und guten Kontakte in der Themse-Metropole bescherten ihm zumindest ein sicheres Dach über dem Kopf und eine soziale Einbettung sowohl in der österreichischen Emigrantenszene als auch bei den „gesettleten“ Engländern. Mit einer Handvoll an Auftritten in London und in ganz England, gemeinsam mit der dänisch-isländischen Volksliedsängerin Engel Lund, kann er sich während des gesamten Krieges über Wasser halten.

Als geborener Netzwerker galt der 1902 in Klagenfurt zur Welt gekommene Rauter schon immer. Seinen Stellenwert als Schalt- und Anlaufstelle für österreichische Musiker/innen nahm er aber völlig unerwartet ein, durch ein Ereignis, das ihn von einem Moment zum anderen völlig aus der Bahn geschleudert hatte.

Plötzlich feindliche Ausländer

Bereits der Angriff Nazideutschlands auf Polen im September 1939 hatte ihn, den Ausländer, als "enemy alien" gebrandmarkt. Als sich die Hitler-Truppen im Juni 1940 Großbritannien gefährlich genähert hatten, wurden Ferdinand Rauter und ein Gros der männlichen Emigranten ohne Rücksicht auf Religion und Ideologie in provisorische Lager gesteckt und - zumindest in den ersten Wochen - wie Schwerverbrecher behandelt.

Akribische Notizen

Diese Erlebnisse begann Rauter täglich auf Toilettenpapier festzuhalten, und nach seiner Entlassung aus dem Lager, Anfang Dezember 1940, übertrug er das Niedergeschriebene dieser 23 Wochen fein säuberlich in eines der Notizbüchlein, die ihm seit vielen Jahren als Tagebuch dienten.

Aus diesen akribisch geführten Tagebüchern, die einen wichtigen Teil von Rauters reichhaltigem Nachlass einnehmen, quillt das äußerst abwechslungsreiche Leben eines engagierten und umtriebigen Menschen hervor, der manchmal den Eindruck vermittelt, ein Tag bestünde nicht aus 24, sondern aus mindestens 48 Stunden.

Besonders seine Einträge aus den frühen 1940er Jahren vermitteln ein plastisches Bild der österreichischen Emigrant/innen, namentlich der Musikszene, an der Rauter aktiv mitgestaltete. Den Zugang zu seinem Tagebuch hat der Vielschreiber seinen präsumtiven Leser/innen nicht gerade einfach gemacht, indem er sämtliche Einträge in Gabelsberger-Stenografie, der historischen Kurzschrift, verfasste.

Nur da und dort apern gnädigerweise einige wenige Appetizer in Langschrift heraus, wie etwa die Eigennamen Wellesz, Rosé und Kokoschka. Dass Ferdinand Rauter die Besuche beim Komponisten Egon Wellesz in dessen Refugium in Oxford, die zahlreichen privaten und öffentlichen Duette gemeinsam mit dem Primgeiger und Mahler-Schwager Arnold Rosé und die anregenden Nachmittage beim Maler Oskar Kokoschka in seinem Tagebuch ausführlich beschrieben hat, ist dem interessierten Leser und der Emigrationsforschung bis dato verborgen geblieben. So auch jene Notiz über eine zufällige Begegnung, die Ferdinand Rauter am 29. Juli 1940 im Gefangenenlager von Prees Heath festgehalten hat, welche sich wenige Jahre später als musikgeschichtlich relevant erweisen sollte.

Lagergemeinschaft

"Aus dem C-Lager kommt ein junger Geiger herüber, der Norbert Brainin heißt und der mir auf der Geige den ersten Satz des A-dur-Konzerts von Mozart vorspielt. Ich bin oft bewegt, nach so langer Zeit wieder Musik zu hören. Er spielt unerhört gut, und ich bringe ihn mit Hans Schidlof zusammen, der mehr als schwärmt. Die beiden befreunden sich sofort, und Brainin beginnt Hans gleich zu unterrichten."

Ferdinand Rauter machte sich für die beiden aus Wien geflüchteten Teenager Norbert Brainin und Hans Schidlof – der sich später Peter nennen wird – sowohl für deren Entlassung aus der Lagerhaft als auch für deren musikalisches Weiterkommen stark. Außerdem empfahl er Max Rostal, dem bekannten Violinisten und Geigenlehrer, Schidlof als Schüler. Zu diesem Zeitpunkt war Schidlof schon längst ein weiterer Exil-Wiener namens Sigmund Nissel über den Weg gelaufen. Nissel wiederum konnte sich mit demselben Kindertransport nach London retten wie Ferdinand Rauters spätere Ehefrau Claire. Für die große Unterstützung, die Rauter besonders dem späteren Bratschisten des Amadeus-Quartetts zukommen ließ, konnte sich Schidlof bedanken, indem er dem frisch getrauten Ehepaar Rauter, das Ende der 1940er Jahre nicht gerade begütert war, sein Cottage auf dem Land für dessen Hochzeitsreise zur Verfügung stellte. Kurioserweise mit sich selbst im Handgepäck.

Und ein kleines Gedankenspiel am Schluss sei erlaubt: Was wäre gewesen, wenn Ferdinand Rauter die beiden Buben Hans Schidlof und Norbert Brainin an jenem 29. Juli 1940 nicht miteinander bekannt gemacht hätte? Dann wären sie sich vielleicht auch ohne Rauters Zutun irgendwann über den Weg gelaufen. Vielleicht aber auch nicht.