Falter Zeitungen

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Die Stadtzeitung, ein kleiner Konzern

Im Mai 1977 ist der erste Falter erschienen, heuer im September hat die Wiener Stadtzeitung mit einem Fest in der Ottakringer Brauerei ihr 40-jähriges Bestehen gefeiert. Da waren zwar zweieinhalbtausend Gratulanten da und die Creme der Wiener Musikszene. Das Medienecho auf die Veranstaltung hat sich aber – wie auch Berichterstattung über die Jubiläums-Ausstellung "Es lebe der Widerspruch! Fotos aus dem Falter-Archiv" im Wien Museum - in Grenzen gehalten. Der Falter ist und bleibt ein Solitär in der österreichischen Medienlandschaft. Aber mittlerweile ist er unübersehbar.

Gegen den Strich gebürstet haben die vom Falter immer. Mit einer medienkritischen Linie, die in dem Satz "Im Übrigen bin ich der Meinung, der Mediamil-Komplex muss zerschlagen werden" von Herausgeber Armin Thurnher zum Ausdruck kam. Thurnher protestierte damit gegen die fortschreitende Medienkonzentration durch die Verbindung von Kronen Zeitung und Kurier in der Mediaprint und deren spätere Beteiligung an der Verlagsgruppe News.

Armin Thurnher

Armin Thurnher

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Einsame medienkritische Stimme

Über lange Zeit war es die einzige medienkritische Stimme, was angesichts der Marktverhältnisse kein Wunder war und wohl auch die Erklärung für die Alleinstellung des Falter in der Branche ist. Die Geschichte über die vom Land geförderte Erwin-Pröll-Stiftung war vielen ein Dorn im Auge, hat dem Falter aber über Nacht 400 neue Abonnenten gebracht, wie Geschäftsführer Siegmar Schlager erzählt. Und mit einem Titelblatt über den "Neofeschisten" Sebastian Kurz - wieder eine Wortschöpfung von Armin Thurnher - macht man sich beim neuen politischen Establishment auch nicht beliebt.

Linkes Blatt gehört Privatstiftungen

Der Falter hat laut Media-Analyse eine Reichweite von bundesweit 1,8 Prozent, das sind 136.000 Leser – im wichtigsten Verbreitungsraum Wien liegt die Reichweite über 5 Prozent. Überdurchschnittlich oft gekauft wird das Blatt laut Siegmar Schlager auch in Vorarlberg, was man beim Falter nicht nur der Herkunft des Herausgebers zuschreibt, sondern allgemein dem Widerspruchsgeist der Alemannen. Eigentümer des Falter sind übrigens zwei Privatstiftungen, hinter denen Armin Thurner und Siegmar Schlager mit ihren Familien stehen. Was dem betont linken und kapitalismuskritischen Falter natürlich Kritik von rechter Seite einbringt.

Breites kaufmännisches Fundament

Dass so ein Blatt 40 Jahre existiert und sich gerade zum Watchdog gegen die kommende schwarz-blaue Regierung ausgerufen hat, das kann nur auf einem breiten kaufmännischen Fundament funktionieren. Es sind drei Standbeine: die Wochenzeitung selbst, Corporate Publishing – also die Produktion von Kundenzeitungen für Firmen oder Verbände – und der Falter-Buchverlag. 40 Prozent der Umsätze kommen vom Falter über Werbung – "die Inserate der Gemeinde Wien sind für uns sehr wichtig", räumt Schlager ein – und über Abos und Einzelverkauf. 35 Prozent der Umsätze bringen das Firmen-Geschäft, 25 Prozent der Buch-Verlag mit seinen Lokalführern und Kinder-Ratgebern.

Thurnhers Geschäftsidee beim Zahnarzt

Auf das Corporate Publishing sei Armin Thurnher im Jahr 1986 durch Zufall gestoßen, als er beim Zahnarzt eine ausgesprochen schlecht gemachte Firmenzeitung gelesen habe, schildert Siegmar Schlager: "Ich sage jetzt nicht, welche das war. Aber Armin Thurnher ist dann zu denen hingegangen und hat gesagt, wir machen euch das besser. Und die haben überraschenderweise gesagt: Ja, macht’s das." Er sei dann 1989 dazugekommen und habe dieses Geschäftsfeld weiter aufgemacht, so Schlager. Heute sei der Falter-"Konzern" Nummer zwei oder drei in diesem Bereich.

Im Netz haben sie nichts zu verschenken

Mit der Wochenzeitung hat sich der Falter bis heute dem Trend widersetzt, alles gratis online zu stellen. Das wird selbst von Journalisten schief beäugt, und Chefredakteur Florian Klenk ist auf Twitter schon mehr als einmal ausgerückt, um zu erklären, dass man weiterhin nicht daran denke, wertvolle Inhalte im Netz herzuschenken. Von Scoops, die zum Rücktritt eines Peter Pilz führen, einmal abgesehen.

Die ewige Geldnot als großer Segen

Siegmar Schlager erklärt die Standhaftigkeit mit der ewigen Geldnot des Falter: "Wir sind ja keine Sozialhilfe-Organisation. Das haben wir schon relativ hart gesehen. Was uns natürlich geholfen hat, war unser permanenter Geldmangel. Wir hatten auch nicht so viel Geld, dass wir gesagt hätten, wir machen jetzt eine super Website und eine ausgefeilte Datenbank-Lösung." Das habe man schon gemacht, aber nur dort, wo man Daten wie Veranstaltungshinweise, Kinoprogramm oder auch Lokaltipps weiterverkaufen habe können, so Schlager.

Redakteure müssen draußen bleiben

Bei so viel Geschäftssinn wird auf die Trennung zwischen dem kommerziellen und dem journalistischen Bereich nicht vergessen. Die berühmte Chinesische Mauer zwischen den beiden Welten ist im Falter-Haus in der Wiener Innenstadt ein Chipkarten-Leser. Siegmar Schlager, auf seiner Seite des Ganges: "Der Falter-Redakteur kann da nicht herein. Weil wir nicht wollen, dass Inhalte, die wir hier von unseren Geschäftspartnern erfahren, über den Gang hinausgehen. Oder umgekehrt."

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