Chirurg blickt auf den Patienten

Thimfilm

"Die Lebenden reparieren" von Katell Quillévéré

Am 3. Dezember 1967, vor über 50 Jahren, wurde vom südafrikanischen Chirurgen Christiaan Banard in Kapstadt zum ersten Mal eine Herztransplantation vorgenommen. Dass durch Organtransplantationen in der modernen Medizin das Leben von Patienten verlängert und die Lebensqualität schlagartig verbessert werden kann, ist unbestritten. Doch was geht hinter den Kulissen zwischen Organspende und Organverpflanzung vor? Davon handelt der französische Spielfilm "Die Lebenden reparieren", der menschliche Aspekte genauso betrachtet wie medizinische Möglichkeiten und moralische Bedenken.

Morgenjournal | 05 12 2017

"Mit ihrer klugen Erzählweise hält Katell Quillévéré die Fäden eines moralisch und technisch komplexen Unterfangens im Gleichgewicht. Eine Balance die man getrost souverän nennen kann."
Arnold Schnötzinger

Der Tod kann Leben retten. Nur auf den ersten Blick ist das ein schwer aushaltbarer Widerspruch: Denn bei einem Autounfall wird im Film "Réparer les vivants" (Originaltitel) ein 17-Jähriger in Le Havre tödlich verwundet. Im Stadium des Hirntodes wird eine Organspende in Erwägung gezogen. Doch die Entscheidung muss schnell fallen. Die Eltern des Jugendlichen sind genauso im Zwiespalt wie das ärztliche Personal.

Präzision, Timing und Ethik

Wie kommt ein Organ von einem Körper in einen anderen? Entlang dieser Leitlinie erzählt die französische Regisseurin Katell Quillévéré von den An- und Herausforderungen des Transplantationswesens: von den vielen Gefühlsschattierungen zwischen Hoffnung, Zweifel und Verzweiflung, von praktischer Organisation, medizinischer Präzision und der Kunst des richtigen Timings, vom Abwägen ethischer Aspekte der Verstümmelung eines Körpers gegenüber dem Wiedererstarken eines anderen.

Regisseurin Katell Quillévéré: "Ich musste für diesen Film von der unverstellten Realität einer Organtransplantation ausgehen, um - aus einer humanistischen Perspektive - auch die poetischen Momente eines derartigen Abenteuers erfassen zu können."

Chirurgische Intervention

Kein Zufall, dass es sich hier um die Transplantation eines Herzens handelt, jenes Organ, das sich auch metaphorisch in den Subtext des Films einschreibt, als Vermessungsinstrument der erwähnten Poesie. So wird auch der Minuten lang ungeschminkt ins Bild gesetzte, rohe Akt einer chirurgischen Intervention zur Hommage an das Leben und dessen Schönheit. Demonstrativ beginnt das Herz im neuen Körper in Großaufnahme zu pulsieren, wie zum Beweis menschlicher Regenerationsfähigkeit nach Krisen, wie Trennung, Verlust und Tod, zugleich ein immer wiederkehrendes Motiv in den Filmen von Katell Quillévéré.

Kluge Erzählweise

Kühles Kalkulieren mit Organen, also mit Lebenschancen, Trauerarbeit, die dem Loslassen jede Sentimentalität nimmt, pure Überforderung von Menschen, die ihre Grenzen erkennen und anerkennen, ein Happy End, das vor allem der Demut geschuldet ist. Mit ihrer klugen Erzählweise hält Katell Quillévéré die Fäden eines moralisch und technisch komplexen Unterfangens im Gleichgewicht. Eine Balance die man getrost souverän nennen kann.

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