Markus Meyer im Studio

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Aus dem Hut gezaubert: "David Copperfield"

Schauspieler Markus Meyer denkt an die Hörspielproduktion zu "David Copperfield" von Charles Dickens zurück

Sie haben bestimmt schon einmal von David Copperfield gehört. Ich meine nicht den US-amerikanischen Zauberkünstler mit den gut frisierten, dauerhaft schwarzen Haaren, den Sie vielleicht schon einmal im Fernsehen gesehen oder sogar live erlebt haben. Ich meine den Protagonisten aus Charles Dickens' Roman. Kennen Sie ihn und seine Geschichte? Ich habe den Roman über den Lebensweg des Buben aus Blundeston, Suffolk, als Jugendlicher - das war in den 1980er Jahren - mit großer Begeisterung verschlungen.

Noch gut erinnere ich mich an die abenteuerlichen Erlebnisse des David Copperfield und die zahlreichen Figuren, die seinen Lebensweg immer wieder kreuzen: sein Kindermädchen Peggotty und ihre Familie, seine enge Vertraute Agnes Wickfield, seinen grausamen Stiefvater Murdstone, seine exzentrische Tante Betsey Trotwood, seinen Mentor Mr. Micawber, den betrügerischen Uriah Heep u. v. a.

Wie ich zu dieser Rolle gekommen bin

Ich habe damals beim Lesen den Werdegang und das langsame Erwachsenwerden von David intensiv miterlebt, habe mit ihm gelacht, gebangt und geweint. Als ich dann 2006 vom Hessischen Rundfunk (HR) gebeten wurde, die Rolle des David Copperfield in einem vierteiligen Hörspiel zu übernehmen, war ich überglücklich und habe sofort zugesagt.

Der Weg, wie ich zu dieser Rolle gekommen bin, ist allerdings ungewöhnlich und in Ansätzen ähnlich abenteuerlich wie das fiktive Leben des Protagonisten in Dickens' Roman: Man begann im HR mit den Aufnahmen der Dialogszenen des Hörspiels am 9. Jänner 2006. Der Sprecher des älteren David Copperfield sollte erst am 16. Jänner dazukommen, weil seine Rolle relativ wenige Dialogpassagen hatte. Er sollte im Hörspiel überwiegend als Icherzähler fungieren; seine Erzählerpassagen konnten daher später getrennt, also ohne die Anwesenheit der anderen Schauspieler/innen, aufgenommen werden.

Mit dem Ensemble in Einklang

Schon nach einem halben Aufnahmetag mit ihm entschied die Regisseurin Annette Berger jedoch, dass seine Stimme mit den Stimmen des übrigen Ensembles nicht harmoniere. Es musste ein anderer Schauspieler für diese Rolle gefunden werden. Das war eine ungewöhnliche und für alle Beteiligten sehr unangenehme Situation, nicht zuletzt, weil diese Planänderung vor allem zeitlichen Stress bedeutete: Zum einen waren die anderen Schauspieler/innen nur für bestimmte Tage fix gebucht, zum anderen mussten die gesamten Sprachaufnahmen aus organisatorischen Gründen am 26. Jänner beendet sein.

Es begann ein aufwendiger Casting-Prozess, in dem sich die Regie zusammen mit der Besetzerin Gudrun Eggert auf die Suche nach der für sie geeigneten David-Copperfield-Stimme machte. In kürzester Zeit wurden zu diesem Zweck unzählige Sprachaufnahmen angehört. Währenddessen mussten die Aufnahmen mit den anderen Schauspieler/innen natürlich fortgesetzt werden. Dabei ließ man die Dialogpassagen des älteren David Copperfield erst einmal aus.

Am 18. Jänner erhielt ich einen Anruf von Gudrun Eggert mit der Frage, ob ich Lust und Zeit hätte, die Rolle des David Copperfield zu sprechen. Dass ich Lust hatte, war gar keine Frage.

Dialog ohne Partner

Als eher kompliziert erwiesen sich jedoch die zeitlichen Rahmenbedingungen: Die Aufnahmen mit mir sollten bereits am 20. Jänner beginnen und am 26. Jänner beendet sein. Da ich allerdings Vorstellungen in Wien und Berlin hatte, blieben für meine gesamten Aufnahmen letztlich nur eineinhalb Tage. Dazu kam die logistisch nicht ganz einfache Planung der Reise zwischen Wien, Berlin und Frankfurt. Der Hessische Rundfunk und ich ließen uns davon nicht abschrecken und gingen - nach vielen Telefonaten, in denen der genaue Ablauf besprochen wurde - dieses Abenteuer schließlich hoffnungsfroh und wagemutig ein.

Am intensivsten ist mir von dieser Arbeit das befremdliche Gefühl in Erinnerung geblieben, die Hauptrolle in einem mehrteiligen Hörspiel zu sprechen, ohne dabei einer bzw. einem meiner Dialogpartnerinnen und -partner live im Studio begegnet zu sein - diese waren ja schon aufgenommen worden und längst wieder abgereist. So stand ich von frühmorgens bis spätnachts allein im Studio und spielte David Copperfield, lediglich in Anwesenheit der Regie, der Besetzerin und Technik.

Dass ich mir ein wenig meschugge vorkam, mit nicht vorhandenen Partner/innen zu interagieren, blieb dabei natürlich nicht aus. Es war in der Tat ein sehr abenteuerliches Unterfangen für alle Beteiligten. Aber irgendwie passt dieser ungewöhnliche Weg bei der Realisierung unseres Hörspiels auch zum bewegten, verschlungenen Lebensweg des David Copperfield.

Und vielleicht musste es ja auch gerade deshalb so sein. Ich wünsche Ihnen eine gute Unterhaltung und hoffe, Sie haben mindestens genauso viel Vergnügen beim Zuhören wie ich vor elf Jahren bei unseren Aufnahmen.

Text: Markus Meyer, Schauspieler und Ensemblemitglied des Wiener Burgtheaters