SchokoNikolaus

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Wenn Medien und Politik den Nikolo kapern

Der Nikolaustag wird seit Jahren immer wieder politisch missbraucht, um Ängste vor dem Verlust kultureller Identität wegen der Zuwanderung von Muslimen zu schüren. Der Nikolo-Brauch werde in den Kindergärten und Volksschulen verboten, tönt es vor allem aus der künftigen Regierungspartei FPÖ, der Zeitungs-Boulevard springt dankbar auf das künstlich hochgespielte Thema auf, und auch ÖVP-Politikerinnen lassen sich einspannen. So arg wie dieses Jahr war es noch nie.

Die Gratiszeitung "Heute" hat vor knapp zwei Wochen mit dem Blattaufmacher "Der Nikolo darf nicht sterben" den Anfang gemacht. Hintergrund war der Landtagswahlkampf in Niederösterreich, wo die FPÖ mit einer Anti-Islam-Kampagne ihre Chance gegen die neu aufgestellte Landes-ÖVP unter Landeshauptfrau Johanna Mikl-Leitner sieht. Die ÖVP betreibe eine Islamisierungs-Politik und "wird eines Tages für den Tod des Nikolos verantwortlich sein", so Udo Landbauer, der freiheitliche Spitzenkandidat in Niederösterreich - ohne nähere Begründung.

Wahlkampf-Opfer in Niederösterreich

Wenige Tage später sprangen die Bezirksblätter Niederösterreich – das sind Gratiszeitungen im Verbund der Regionalmedien Austria (RMA) - auf das Thema auf. In allen 29 Ausgaben ging es als sogenanntes Thema der Woche um ein Nikolo-Verbot, das es nicht gibt. 16 Mal war die Geschichte sogar der Blattaufmacher, mit Titeln wie diesem: "Nikolo-Hausverbot - Krems wehrt sich!“ Neben den Artikeln jeweils ein Interview mit der ÖVP-Familienlandesrätin Barbara Schwarz, die darin betont, dass der Nikolaus wichtig und in Niederösterreich willkommen sei.

Faksimile/Bezirksblätter

Faksimile/Bezirksblätter

Faksimile/Bezirksblätter

ÖVP-Landesrätin: "Habe nicht gezündelt"

Schwarz zum Vorwurf, sie lasse sich instrumentalisieren: "Ich habe der Diskussion nicht Zündstoff gegeben, sondern die Diskussion hat begonnen. Hätte ich darauf nicht geanwortet, wäre das wahrscheinlich noch weiter eskaliert. Jetzt haben wir das herausgenommen, haben gesagt, es gibt kein Verbot, und damit ist die Diskussion aus meiner Sicht beendet."

Passendes Umfeld für FPÖ-Inserat

Dass rund um dieses Interview ein Inserat ihres Ressorts geschaltet war, sei Zufall, sagt die ÖVP-Politikerin. Es findet sich aber auch ein FPÖ-Inserat, wo man schwer an Zufall glauben kann: "Der Nikolaus darf nicht sterben. Unser Brauchtum und unsere Tradition in Kindergärten und Schulen erhalten. Unser Schnitzerl bitte auch" - Letzteres eine weitere Anspielung auf den Islam, der den Verzehr von Schweinefleisch verbietet.

Erfundene Geschichte im Fellner-Blatt

Das ist ein Thema, wo auch die Tageszeitung "Österreich" von Wolfgang Fellner nicht zurückstehen wollte: Am Montag erschien eine große Geschichte über eine Schule in Wien-Floridsdorf, an der Schweinefleisch, Christkind und Nikolo verboten seien. Quelle: ein anonymer "besorgter Vater". Der Stadtschulrat widerlegte sehr rasch jeden einzelnen der Vorwürfe, unter anderem damit, dass an einer halbtägigen Schule grundsätzlich gar kein Essen angeboten werde.

Der künftige Vizekanzler teilt Fake News

Aber zu spät. Längst hatte FPÖ-Obmann Heinz-Christian Strache, der zukünftige Vizekanzler der Republik, den Fake-Artikel auf seiner Facebook-Seite gepostet. 20.000 Interaktionen auf Facebook und Twitter folgten, kein deutschsprachiger Artikel war am Montag so erfolgreich im Netz, meldete das deutsche Medien-Portal "Meedia".

Falsches wird durch Wiederholung wahrer

Auch die Internet-Expertin Ingrid Brodnig hat auf den Erfolg der von Strache verbreiteten Falschmeldung hingewiesen. Sie erklärt das damit, dass die Geschichte vom angeblichen Verbot des Nikolo perfekt dem Grundsatz entspricht: "Angry people click more" - also wütende Menschen klicken mehr. Und auch die immer wiederkehrende Behauptung des Falschen wirke, schreibt Brodnig in ihrem Blog: Laut Studien glauben Menschen selbst falsche Behauptungen eher, wenn sie wiederholt werden. Im Englischen wird das als "Illusory Truth Effect" bezeichnet, als Wahrheitseffekt.

Bewährtes Nikolo-Rezept der Rechten

Für Alexander Pollak von SOS Mitmensch ist das ein bewährtes Rezept der Rechten: "Es wird gezielt nach positiv besetzten Bräuchen gesucht, wie die Nikolo-Figur, die bei sehr vielen Menschen positiv besetzt ist. Dann wird versucht, diese Figur zu nutzen, um eine Bedrohungslage zu konstruieren." Die Muslime würden dadurch in eine Sündenbock-Rolle gedrängt, sagt Pollak.

FPÖ-Vertreter spielen das seit Jahren

Zum Beispiel von Werner Neubauer. Er ist seit 2006 Nationalrats-Abgeordneter der FPÖ sowie Seniorenchef und Südtirolsprecher seiner Partei. Neubauer hat bei einer Anti-Islam-Veranstaltung der rechtsextremen deutschen Splitterpartei "Pro NRW" bereits im Jahr 2010 gesagt: "Es ist so weit gekommen, dass man den Jahrhunderte alten Brauch des Nikolo abgeschafft hat in Wien!" Abgeschafft ist der Nikolo Gottseidank nicht, aber es sich lässt trefflich damit Politik und Stimmung machen. Alle Jahre wieder.

Service

Beitrag im Mittagsjournal am 6.12.2017
Brodnigs Blog - Der Unsinn rund um Nikolo

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