Mathias Rüegg

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

Mathias Rüegg - Drei Porträtkonzerte im Porgy

Wie kaum ein anderer hat Mathias Rüegg die heimische Musiklandschaft der letzten vier Jahrzehnte mitgeprägt: als Musiker, Arrangeur, Komponist und vor allem als Leiter des Vienna Art Orchestra, das er 1977 gegründet und bis zu dessen Auflösung im Jahr 2010 zu einer internationalen Marke gemacht hat. Am 8. Dezember wird der in der Schweiz geborene Rüegg 65 und das Porgy & Bess - jener Club, den er mitbegründet hat - würdigt Rüegg mit drei Porträtkonzerten.

Morgenjournal | 07 12 2017

"Wir haben den Höhepunkt kollektiver Zumüllung durch Popmusik erlebt." Mathias Rüegg.
Benno Feichter

Kulturjournal | Mathias Rüegg im Interview

Benno Feichter

Wider den Stillstand

Wenn es etwas nie gegeben hat im musikalischen Schaffen von Matthias Rüegg, dann war das vermutlich Stillstand. Und so ist es in gewisser Weise bezeichnend, dass er für den heutigen Auftakt der drei Konzerte eines der meist gespielten Programme des Vienna Art Orchestra ausgegraben - sich aber nicht damit begnügend, es wieder auf die Bühne zu bringen, gleich neu arrangiert hat.

Und warum? "Weil es mir das Arrangement eigentlich nie gefallen hat", so Rüegg über das 1984 entstandene "The minimalism of Erik Satie", das heute Abend unter anderem mit Harry Sokal und Wolfgang Puschnig live zu hören sein wird.

Rüegg, der Komponist

Improvisierende und nicht-improvisierende Musiker zusammenzubringen, war immer ein wesentlicher Leitfaden Rüeggs, wobei die festgeschriebenen Noten in den Partituren über die Jahre immer mehr geworden sind: "Eigentlich bin ich schon vor allem Komponist, und Komponisten wollen immer auch Dinge kontrollieren. Deswegen ist es auch schön, klassische Musik zu schreiben, weil da alles ausgeschrieben ist. Und beim Jazz ist es anders - da muss man ein Stück mit dem Solisten teilen."

"Schlimmer kann es nicht mehr werden"

Was den Stellenwert von Jazz oder weiter gefasst von kreativer Musik heute betrifft, gibt er sich pessimistisch: "Schlimmer kann es gar nicht mehr werden. Wir haben den Höhepunkt kollektiver Zumüllung durch Popmusik erlebt." Rüegg spricht von Event- und Gratiskultur, beklagt das Verschwinden des Klaviers aus dem öffentlichen Raum und den sinkenden Stellenwert der Musikerziehung.

Es fehle auch das politische Bewusstsein, und mit Blick auf die Koalitionsverhandlungen, etwa im Bildungsbereich, sei Besserung nicht zu erwarten: "Ich habe mir gedacht, jetzt kommt mehr Autonomie. Aber es ist genau umgekehrt: Die, die sagen, sie wollen weniger Staat, wollen noch mehr eingreifen. Anstatt die Schule denen, die sich auskennen, zu überlassen - nämlich den Lehrern - wird alles noch kommunistischer."

Zwischen Klassik und Jazz

Bei Matthias Rüegg sind 2017 nach wie vor Klassik und Jazz die zwei Pole, zwischen denen er sich bewegt: Am Samstag steht Kammermusik Rüeggs auf dem Programm und mit der Sängerin Lia Pale, mit der er seit 2012 intensiv zusammenarbeitet, Schubert und Schumann neu bearbeitet sowie Heine- und Rilke-Texte vertont hat, bestreitet er jeweils den zweiten Konzertabend.

Für Freitag verspricht Rüegg hingegen einen Abend mit 70er-Jahre-Happening-Charakter, wenn er -gemeinsam mit Wolfgang Puschnig - ein Konzert nachholt, das eigentlich schon 1977 geplant war: "Damals sollten Wolfi und ich ein Duo-Konzert bei der Jazz Gitty spielen. Aber irgendwann habe ich kalte Füße bekommen. Wir haben dann zuerst im Trio gespielt und irgendwann waren wir zwölf oder 13 Leute auf der Bühne. Das war der Anfang vom Vienna Art Orchestra." Quasi der Gründungsmythos des Vienna Art Orchestra auf der Bühne ausradiert und neu erzählt.

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