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JÜDISCHES MUSEUM BERLIN/YVES SUCKSDORFF

Kampf um Jerusalem

Jerusalem, heilige Stadt und Pulverfass, Sehnsuchtsort und sozialer Alptraum. In Jerusalem, arabisch al Quds, prallen die drei großen Weltreligionen aufeinander wie nirgendwo sonst.

Juden, Christen, Muslime begegnen sich in den engen gepflasterten Gassen der Altstadt, doch zu sagen haben sie einander wenig. Wie soll man die Geschichte dieser zersplitterten, getrennten, manchmal feindseligen und faszinierenden Stadt erzählen?

"Welcome to Jerusalem", die gerade eröffnete Schau im Jüdischen Museum Berlin, setzt voll und ganz auf das Konzept von Heiligkeit. Die Kuratorin, Cilly Kugelmann, meint, Heiligkeit überziehe in Jerusalem alles. Die Stadt sei mit Heiligkeit geradezu kontaminiert.

Mittagsjournal 12 12 2017

Benno Feichter

Rundumblick im Rhythmus von 24 Stunden

"Welcome to Jerusalem" lädt ein zu einem Rundumblick, einem Panorama auf die Stadt. Ein Gang durch 15 labyrinthartige Räume, mit Architekturmodellen des Felsendoms und der Klagemauer, Filmen, Kunstwerken und seltenen Karten, die den Weg weisen wollten ins weltliche und ins himmlische Jerusalem.

Am Anfang steht die Immersion, die totale Auslieferung des Zuschauers an die optischen und akustischen Eindrücke, die aus drei Leinwänden auf ihn einprasseln. Szenen des Projekts "24 Hours Jerusalem", das der Berliner Regisseur Volker Heise realisiert hat. 70 Fernsehteams waren an einem einzigen Tag gleichzeitig in Jerusalem unterwegs, an den verschiedensten Orten, sie fingen Szenen ein, die nun in Echtzeit zu sehen sind. Man befindet sich gleichzeitig in einer Bäckerei, in den feuchten Pflastern der Altstadt, dem modernen West-Jerusalem und einem Hubschrauber, der das alles überfliegt.

Da trällern österreichische Pilger in einem Reisebus fromme Lieder, während sie sich der Heiligen Stadt nähern, da ruckeln Juden vor der Klagemauer – und dass es selbst dagegen Protest gibt, gehört unmittelbar zu Jerusalem dazu. Liberale jüdische Frauen fordern das Recht ein, ebenfalls an der Klagemauer zu beten, und werden von bärtigen Männern brutal zurückgestoßen bis hin zur Prügelei.

Das Fromme und das Brutale in Jerusalem

Man wollte die Positionen der verschiedenen Religionen nebeneinanderstellen, sagt Cilly Kugelmann, keine bevorzugen. Doch die Anordnung ist diplomatische Schwerstarbeit.

Wem gehört Jerusalem? Diese Frage lässt sich nicht in dem einen oder anderen Sinn entscheiden. Es gibt sogar einen eigenen "Conflict Room", in dem die Dissonanzen zugespitzt werden.

Cilly Kugelmann bleibt bei ihrer These. "Alles, was in dieser Stadt passiert, ist mit einer Schicht von Heiligkeit überlagert. Und je weniger es säkulare, konventionelle Lösungen zu geben scheint, desto mehr orientiert man sich an der metaphysischen Wurzel dieser Stadt."

👀 Hinter den Kulissen beim Aufbau von 》Welcome to Jerusalem《 im Jüdischen Museum Berlin Hier seht Ihr die Ikone mit dem Heiligen Germanos von Jerusalem, die 1710 entstanden ist. Mit Germanos verbindet sich die Wiedereinsetzung des Griechisch-Orthodoxen Patriarchats in Jerusalem und zugleich die Wandlung des Patriarchats zu einer Institution, in der nur Griechen Schlüsselpositionen einnehmen konnten. Mit den Kreuzfahrern waren die Griechisch-Orthodoxen aus Jerusalem vertrieben worden. Als Patriarch erreichte Germanos die Widereinsetzung ihrer Rechte von Sultan Süleiman I., die durch einen Erlaß 1538 beglaubigt wurden. Die Ikone mit seinem Porträt stammt aus einer Kirche in Jerusalem und ist ab dem 11.12. bei uns zu sehen! #jmberlin #jerusaleminberlin #behindthescenes

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Der arabische Boykott macht den Dialog fast unmöglich

Der Dialog unter den Bevölkerungsgruppen aber bleibt schwierig. Als die Berliner Macher von "Welcome to Jerusalem" Palästinenser aufforderten, sich mit Beiträgen und Exponaten an der Ausstellung zu beteiligen, ernteten sie fast nur Absagen. "Die Palästinenser bestehen auf der Maximallösung, sie wollen nicht in einer Ausstellung vorkommen, die mit und von Juden gemacht ist", sagt Cilly Kugelmann, die bisherige Programmleiterin des Jüdischen Museums. Es gebe einen Boykott der arabischen Seite, die Grenzen seien praktisch unüberbrückbar.

Immerhin hat die vielleicht wichtigste palästinensische Künstlerin, Mona Hatoum, die für ihre harsche Kritik der israelischen Besatzung bekannt ist, ein Werk geliefert: "Present Tense" zeichnet die "neuen Umrisse von Palästina" auf ein Mosaik kubischer Seifenstücke.

"Welcome to Jerusalem", und das ist honorig und gut gelungen, versucht die Konflikte nicht zu übertünchen, um schöne und erbauliche Bilder fürs Herz zu posten oder gar Reisebüros farbig Konkurrenz zu machen, sondern hält die Widersprüche aus.

Die israelische Kulturministerin Miri Regev zündelt

Zum Beispiel der kurze Film vom palästinensischen Großvater, der mit einem großen Schlüssel nach Jerusalem reist und auf ein Haus deutet, das einmal seiner Familie gehörte, bis zur Vertreibung von 1948 ("Ich dachte das sei eine militärische Übung, wir warten bis das vorbei ist und kehren dann zurück"). Oder den Skandalauftritt der amtierenden israelischen Kulturministerin Miri Regev in Cannes, die in der Ausstellung als Pappkameradin erscheint.

Regev hatte sich für die Festspiele von Cannes ein Kleid schneidern lassen mit der Silhouette Jerusalems, mit den Kuppeln der Al Aksa Moschee und des Felsendoms. Dieses provokante Kleidungsstück manifestiert den Anspruch der derzeitigen israelischen Regierung auf den Ostteil der Stadt. In den Sozialen Medien ging das Kleid in einem digitalen Flammenmeer auf.

Eine jüdische Sekte nimmt den Dritten Weltkrieg in Kauf

Ob Jerusalem in Zukunft ein Ort des Friedens sein wird oder ein lodernder Konfliktherd, der die ganze Welt in eine Katastrophe stürzen kann, wird sich zeigen. Eine Gruppe jüdischer Extremisten hat bereits das Tempel-Institut gegründet, das sich für den Bau eines neuen, des Dritten Tempels rüstet. Der soll zwar nach allgemeiner jüdischer Überzeugung erst dann entstehen, wenn der Messias wiederkehrt. Doch die Radikalen wollen dem offenbar vorgreifen und den Haram al Sharif, den Felsendom und die Al Aksa-Moschee abreißen lassen. Die Folgen für die Weltpolitik wären unübersehbar.

Jerusalem, meint die Kuratorin Cilly Kugelmann, könne die Hölle auf Erden seien – aber eben auch der Himmel auf Erden.

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Jüdisches Museum Berlin - Welcome to Jerusalem

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