Baulücke in Shenzhen

ORF/ALEXANDRA SIEBENHOFER

Boomtown Shenzhen - bedrohte Arbeiterviertel

Shenzhen hat zwei Seiten, eine prächtige und aufgeräumte mit riesigen Wolkenkratzern und glitzernden Shoppingmalls. Eine ganz andere Welt kann sich nur ein paar Straßen dahinter auftun.

Radiokolleg Teil 2, 19.12.2017

Die sogenannten "urban villages", die urbanen Dörfer Shenzhens sind kleinteilige, dicht bevölkerte Stadtviertel in denen Tag und Nacht Menschen auf den Straßen sind. Anna Masoner und Alexandra Siebenhofer waren unterwegs in der Stadt, die sich immer wieder neu erfindet.


Ein ganz normaler Abend in Baishizhou, geschäftiges Treiben allerorts. Aber: Baizhizhou passt nicht zum manikürten Image von Shenzhen, mit seinen palmengesäumten Boulevards und atemberaubenden Hochhäusern. Hier siedelten sich ab den 80er Jahren Wanderarbeiter aus China an, die auf den Baustellen oder in den Fabriken anheuerten und Shenzhen groß machten. Die Häuser hier stehen dicht an dicht, bis in den letzten Stock gekachelt, eines sieht aus wie das andere, zwischen den Gebäuden winden sich unzählige Kabel und Telefonleitungen. "Handshake buildings" werden diese Häuser liebevoll genannt, weil sie so eng gebaut sind, dass sich Nachbarn die Hand reichen können.

Die Mieter nehmen ihre Telefonkabel beim Ausziehen meist nicht ab, die neuen Mieter lassen neue Telefonleitungen legen. So ensteht das Kabel-Wirrwarr, dass sich zwischen die Häuser spannt.

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Auf einer Fläche von einem Quadratkilometer leben hier 150.000 Menschen, die Bevölkerungsdichte ist 20 Mal höher als im Rest der Stadt. Der Raum in Baishizhou ist bis auf den letzten Zentimeter optimiert. Masseure, Schuster, Friseurinnen, Metzger, Fischverkäuferinnen und Schneider arbeiten auf engstem Raum oder gleich auf der Straße. Es gibt Krankenhäuser und öffentliche Schulen. Für die Kinder der Wanderarbeiter, die hier in den Städten keine Wohnerlaubnis haben und daher nicht zur Schule gehen könnten, gibt es von den Arbeiter/innen selbst organisierte "private" Schulen. Die Geschäftsstraßen werden je nach Tageszeit unterschiedlich genutzt. Tagsüber werden an den Ständen Kleidung und Haushaltsartikel verkauft, am Abend kommen die Essenverkäufer mit ihren rollenden Suppenküchen. Am betonierten Spielplatz treffen sich abends Paare um zu taiwanesischen Schnulzen das Tanzbein zu schwingen


In ganz Shenzhen gibt es mehr als 200 solcher quirligen Stadtviertel wie Baishizhou, in denen Wanderarbeiter aus China zu neuen Gemeinschaften zusammengefunden haben. Urbane Dörfer werden diese Stadtviertel genannt. Denn das waren sie einst: Dörfer, um die herum die Stadt gewachsen ist. Diese Dörfer existierten seit mehreren hundert Jahren. Als die Regierung für die Sonderwirtschaftszone Land benötigte, kauften sie den Dörfern für wenig Geld die Äcker ab um dort Fabriken zu bauen. Die Dörfer blieben davon unangetastet, sagt die Architektin und Professorin an der University of Hongkong Joan Du: "Das macht die urbane Entwicklung von Shenzhen so spannend und einzigartig. Normalerweise gehen Städte auf einen Herrschersitz zurück, der von Dörfern umgeben ist. In Shenzhen waren die Dörfer zuerst hier und die Stadt wurde drumherum gebaut."

Fleischverkauf in Baishizhou

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Den Bauern war mit dem Verkauf der Äcker ihre Lebensgrundlage entzogen. Sie suchten nach anderen Verdienstmöglichkeiten, stockten ihre einstöckigen Häuser auf und vermieteten einzelne Zimmer und Wohnungen an die chinesischen Arbeitsmigranten, die eine billige Bleibe suchten. Aus Bauern wurden über Nacht Hauseigentümer und Geschäftsleute. Heute wittern sie das große Geschäft. Denn die Häuser beziehungsweise der Boden ist in Shenzhen sehr viel wert - und die urbanen Dörfer daher in Gefahr.

Wohnungsanzeigen in Baishizhou. Die Preise hier sind meist Lockangebote.

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Für Arbeiter, junge Familien und Migranten vom Land, die hier günstig mieten bedeutet das: sie müssen aus Baishizhou ausziehen. Viele von ihnen wollen nicht gehen. So wie Herr Li und Herr Lai. Herr Li betreibt seit 20 Jahren ein Kleidungsgeschäft im Viertel. Im März stellten die Hauseigentümer einfach Strom und Wasser ab, trotz eines laufende Mietvertrages, wie Herr Li betont. Seither kämpft er mit der Unterstützung eines Rechtsanwaltes darum, wenigstens ausreichend Entschädigung für sein Geschäft zu erhalten. Neben ihm sitzt Herr Lai. Er ist blind und hatte einen kleinen Massagesalon im selben Haus wie Herr Lis Kleidungsgeschäft. Bis eines Tages die Tür auf einmal verschlossen war und er sein Geschäft nicht mehr weiter betreiben konnte. Für ihn eine wirtschaftliche Katastrophe, erzählt er.

Eine aufgelassene Schule für Kinder von Wanderarbeiterin, die privat betrieben wurde.

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Der Architekt David Peng kennt viele solcher Geschichten. Vor etlichen Jahren ist er nach Shenzhen gekommen und hat in den urbanen Dörfern das rege Treiben der Straßen seiner Kindheit wiedergefunden. Er hat ein Treffen zwischen Stadtverwaltung, Eigentümern und Bewohner organisiert um an einer Lösung für Baishizhou zu arbeiten. Ein konkretes Ergebnis ist dabei nicht herausgekommen. Aber Peng versucht weiter der Stadt klarzumachen was Shenzhen mit den urban villages verliert: Einen Ort, der sowohl jungen Uniabsolventen als auch Wanderarbeitern Sicherheit und Stabilität bietet. Weil sie hier günstig wohnen können, oder sich mit einem kleinen Stand am Straßenrand eine Existenz aufbauen können.

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