Maler vor vielen Ölbildern

ORF/ALEXANDRA SIEBENHOFER

Boomtown Shenzhen - Aus Abkupfern wird Innovation

Nicht kleckern sondern klotzen, das ist das Motto der 15 Millionen Metropole im Süden Chinas. Die Stadt hat sich in den vergangenen Jahren von einer Fabrikstadt zu einem High Tech und Innovationszentrum gemausert. Damit will man das Image loswerden, vor allem gut zu kopieren. Dabei hat auch das Kopieren seine charmante Seite.

Seit 2005 ist Shenzhen Schauplatz der renommierten Biennale für Urbanismus und Architektur. Anfang Dezember eröffnete das Londoner Victoria and Albert Museum in der südchinesischen Metropole ein Designmuseum, und das Wiener Architektur Büro Coop Himmelblau baut gerade an einem Museum für zeitgenössische Kunst. Anna Masoner und Alexandra Siebenhofer haben sich in der Kreativ- und Techszene umgehört. Ihren Beitrag beginnen sie an einem Ort, der nicht mehr ins Bild des neuen kreativen Shenzhen passt.

Radiokolleg Teil 4, 21.12.2017

Unterwegs im Dorf der Ölgemälde

Die Sonnenblumen male ich in zwei Stunden, sagt Li Wei Liu, aber es geht auch schneller. Vor ihm auf der Leinwand sind die dunklen Umrisse der einzelnen Blüten zu erkennen. Liu hat sie schon tausende Male gemalt und braucht das winzige auf den Rahmen gepinnt Foto nur mehr als Erinnerungsstütze. Es sind Van Goghs 12 Sonnenblumen in einer Vase. "Fan Gao" sei in China sehr bekannt und beliebt, sagt Herr Liu.

Van Goghs Sonnenblumen nachgemalt

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Wir sind in Dafen, im Nordosten von Shenzhen. Bekannt ist Dafen als "Dorf der Ölgemälde", als größte Freiluftwerkstatt fürs Abkupfern von Gemälden. Ungefähr die Hälfte der weltweit produzierten Ölgemälde stammen von hier. Es sind Kopien von bekannten Meisterwerken, wie die Sonnenblumen, gemacht für die weißen Wände von Hotels oder Möbelgeschäften.

In den engen Straßen riecht es nach Holz und Ölfarbe. Überall hängen Bilder zum Trocknen. Vielen der Maler kann man über die Schulter schauen, sie haben ihre Werkstatt im Freien aufgebaut. Das Gelb der Sonnenblumen blitzt an jeder Ecke hervor. Tausende Künstler arbeiten hier. Die genaue Zahl kennt niemand, und jedes Jahr kommen Neulinge dazu.

Ölgemälde in China

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Gegründet hat Dafen ein gewitzer Laufbursche und Maler aus Hongkong. 1989 kam Huang Jiang nach Dafen, damals ein armes Dorf außerhalb der Fabrikstadt Shenzhen, das sich gerade zur Werkbank der Welt empormauserte. Die Mieten waren damals niedrig, ebenso die Löhne. Huang hatte bereits in Hongkong mit dem Kopieren von bekannten Meisterwerken begonnen. In Dafen rekrutierte er Wanderarbeiter, die aus ganz China auf der Suche nach Arbeit und einem besseren Leben in die Sonderwirtschaftszone gekommen waren. Er bildete die jungen Männer und Frauen aus und richtete richtige Produktionsstraßen. Jeder Maler war spezialisiert, auf die Augen, die Hände, Bäume oder den Hintergrund. Die Bilder, die so entstanden, verschiffte er über Hongkong in die ganze Welt.

Malutensilien voll mit Farbe

Gemalt wird meist im Freien. Wenn es regnet, bleiben die Läden geschlossen.

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In den 90er Jahren war die Stadt Shenzhen stolz auf Dafen und betrachtete sie als wichtigen Teil der Kulturindustrie. Aber heute ist das anders. Shenzhen will mehr sein als ein billiger Kopist. Die Stadt arbeitet schon seit Jahren an ihrem neuen Image. Shenzhen soll für Kreativität und Innovation stehen, nicht für eine Kopierwerkstatt von Gemälden, Designertaschen oder Smartphones. Die Stadtregierung möchte junge aufstrebende Künstler, Designerinnen oder Programmierer anziehen. Fabriken werden rausgedrängt, stattdessen schicke Ateliers und Büros gebaut.

Chinesischer Maler in seinem geschäft

Viele Maler versuchen, sich mit einem eigenen Stil zu etablieren

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Zum Beispiel im Kunst und Designquartier OCT Loft. Angesiedelt ist es auf einem aufgelassenen Fabriksgelände mitten in der Stadt. Eines der wenigen, das noch steht. Hier wurden in den 1980er Jahren Fernseher zusammengeschraubt. 2005 wurde es von einem renommierten Shenzhener Architekturbüro umgebaut. Hier kann man jetzt zwischen Hipster Cafes, Blumenläden, Galerien und Buchläden wandeln. In den oberen Etagen haben sich Graphiker, Designer und Werbeagenturen niedergelassen. Das OCT Loft ist heute ein beliebter Treffpunkt der noch jungen Kunst-und Kreativszene in Shenzhen.

Old Heaven Buchgeschäft Shenzhen

Ein beliebtes Buchgeschäft mit angeschlossenem Café in OCT Loft

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Ein anderes Beispiel für das neue Chenzhen ist der Technikriese Tencent. Die Firma ist neben der Suchmaschine Baidu und dem Onlinehändler Alibaba eine der drei großen Internetfirmen in China - und eine der größten der Welt. Tencent ist mittlerweile an der Börse mehr wert als Facebook. Das hat der Techriese auch der chinesischen Regierung zu verdanken. Staat und Technologiefirmen sind eng miteinander verzahnt: sie helfen dem autoritären Regime den Bürgern auf den Mund zu schauen und der Staat sperrt mit der großen chinesischen Firewall dafür ausländische Konkurrenten aus. Staatliche und konzerneigene Zensurabteilungen und Algorithmen durchforsten soziale Netzwerke nach verbotenen Inhalten, sperren Schlüsselwörter, sogar Bilder, die auf Skandale anspielen. Darauf angesprochen, weicht Tencents PR Mitarbeiterin aus.

Maskottchen von Tencent in Hauptquartier

Das Maskottchen von Tencent in der Lobby der Zentrale

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Tencent hilft mittlerweile auch bei der Offline Überwachung. Vor uns auf einem Bildschirm taucht ein Stadtplan von Shenzhen auf. Das sei die "City Heatmap" shenzhens, erklärt die PR-Frau, die durch die Firmenzentrale führt: "Wir analysieren die aktuelle Dichte und den Verkehrsfluss in bestimmten Gebieten. Zum Beispiel am Grenzübergang von Louhu. Stellt das System fest, dass sich in einem Gebiet zu viele Menschen aufhalten dann löst es bei den Polizeistationen vor Ort Alarm aus."

Viele der neuen Anwendungen testet Tencent zuerst in Shenzhen, dem Zukunfslabor Chinas. Die Stadt ist jung und technologisch aufgeschlossen. Hier wird nicht lange gefackelt, hier wird gemacht und dann erst gefragt. Mit diesem Geist ist Shenzhen groß geworden. Von Chinas Versuchskanninchen für wirtschaftliche Reformen zu Chinas Vorzeigestadt, die etwa schon komplett auf E-Busse umgestellt hat. Dystopie und Utopie liegen hier nah beieinander - Shenzhen style eben.

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