Angebranntes Buch

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Das Literaturjahr 2017

Mit dem Bestseller "Ein wenig Leben" von Hanya Yanagihara hat das Jahr begonnen, eine der letzten großen Neuerscheinungen war "Die Obstdiebin" von Peter Handke. Dazwischen: Neues von Julian Barnes, Feridun Zaimoglu, Peter Nadas, Carlos Ruiz Zafon, Ljudmila Ulitzkaja, Robert Menasse, Salman Rushdie, Orhan Pamuk und Daniel Kehlmann - soweit ein paar Namen.

Was hat das Literaturjahr 2017 gebracht? Gab es besondere Entdeckungen oder besondere Ärgernisse? Was wurde in den Feuilletons groß besprochen, haben sich so etwas wie literarische Trends abgezeichnet? Und: welche Titel waren im Buchhandel erfolgreich? Kristina Pfoser hat sich umgehört.

"Ich finde nicht, dass es die Aufgabe von Literatur ist, mich zum Weinen zu bringen", sagt der der Verleger, Literaturkritiker und Autor Jochen Jung.

Tränendurchweichte Buchseiten

Begonnen hat das Bücherjahr 2017 mit einem gewaltigen Mediengetöse. Über kaum einen Roman wurde so viel berichtet und so leidenschaftlich diskutiert wie über "Ein wenig Leben" von Hanya Yanagihara, einer bis dahin völlig unbekannten kalifornischen Autorin mit Wurzeln in Hawaii. Erschütterte Leser und Leserinnen haben von durchwachten Lesenächten berichtet und von tränendurchweichten Buchseiten. In Selbsthilfe-Gruppen konnte man sich über die schönsten, schmerzhaftesten und packendsten Stellen austauschen und über den Abschiedsschmerz, der nach dem Lesen einsetzt.

Begeisterung auf der einen Seite, Kitschvorwürfe von der anderen. "Ein Ärgernis", meinte Sigrid Löffler, der Roman sei eine Beleidigung für Intelligenz und Stilgefühl, "schlecht erzählt, voll schiefer Metaphern, falscher Bilder, stümperhafter Dialoge."

Die Hauptstadt

Sein Buch des Jahres ist "Die Obstdiebin" von Peter Handke. "Da wird mit einer solchen Aufmerksamkeit und einer solchen sprachlichen Feinheit und Hingegebenheit erzählt, dass man denkt, ja, das hat wirklich mit dem Leben zu tun." Bei Amazon liegt "Die Obstdiebin" allerdings erst auf Verkaufsrang 1.352. Ganz vorne findet man da - wenig überraschend - Dan Brown, Sebastian Fitzeck und Ken Follett, aber auch Daniel Kehlmanns mit "Tyll", dem großen Roman über den Dreißigjährigen Krieg. Bei Thalia halten Joachim Meyerhoff, Daniel Kehlmann und Robert Menasse Platz mit "Die Hauptstadt" Platz 1 bis 3.

Robert Menasse

Der Deutsche Buchpreis hat Robert Menasse bereits 295.000 verkaufte Exemplare beschert, "Die Hauptstadt" ist in der 9. Auflage.

APA/dpa/Arne Dedert

Wenig Grund zum Jubeln

Die Buchbranche insgesamt hat allerdings wenig Grund zum Jubeln. Auch wenn bei den großen Buchmessen in Frankfurt und Leipzig ja Jahr für Jahr demonstrativ Optimismus verbreitet wird, Fakt ist: In den letzten fünf Jahren ist der Umsatz gedruckter Bücher um 13 Prozent eingebrochen, ein Ende des Sinkflugs ist nicht abzusehen. "Unsere Lage ist beschissen. In den nächsten Jahren wird Vieles verschwinden, in der Buchproduktionswelt werden wir so manche Katastrophe erleben", ist Verleger Jochen Jung überzeugt.

Krise des Lesens

Der digitale Wandel verschärft die Krise des Lesens. "Die Gesellschaft muss wieder draufkommen, dass Lesen eines der schönsten Hobbys ist, lesen ist sexy und macht wahnsinnig viel Spaß", meint die Wiener Buchhändlerin Bettina Wagner und die Germanistin und Literaturkritikerin Daniela Strigl empfiehlt: Raus aus der Defensive. "Lesen wird heute von einem Fähnlein Aufrechter als Bastion verteidigt, an den Universitäten ebenso wie im Deutschunterricht. Man müsste es aber offensiver angehen und vermitteln, dass es peinlich ist, wenn man nicht liest." - Das neue Bücherjahr beginnt jedenfalls vielversprechend: Mit einem großen neuen Roman von Arno Geiger.

Kulturjournal | 19 12 2017

Kristina Pfoser

Im "Kulturjournal"-Studio haben Jochen Jung, Daniela Strigl und Bettina Wagner über das Literaturjahr 2017 Bilanz gezogen. Die erwähnten Titel:

  • Hanya Yanagihara, "Ein wenig Leben", Hanser Berlin
  • Brigitta Falkner, "Strategien der Wirtsfindung", Matthes & Seitz
  • Paulus Hochgatterer, "Der Tag, als mein Großvater ein Held war", Deuticke
  • Anna Kim, "Die große Heimkehr", Suhrkamp
  • Jochen Missfeld, "Solsbüll", Rowohlt
  • Jochen Missfeld, "Sturm und Stille", Rowohlt
  • Elena Ferrante, "Die Geschichte des verlorenen Kindes", Suhrkamp
  • Laura Freudenthaler, "Die Königin schweigt", Droschl
  • Marion Poschmann, "Die Kieferninseln", Suhrkamp
  • Robert Menasse, "Die Hauptstadt", Suhrkamp
  • Karl Ove Knausgard, "Kämpfen", Luchterhand
  • Peter Handke, "Die Obstdiebin", Suhrkamp
  • Christine Wunnicke, "Katie", Berenberg
  • Thomas Brezina, "Knickerbocker4immer - Alte Geister ruhen unsanft", Ecowin
  • Das Alte Testament
  • Kent Haruf, "Unsere Seelen bei Nacht",Diogenes
  • Tristan Marquardt, Jan Wagner (Hg), "Unmögliche Liebe. Die Kunst des Minnesangs in neuen Übertragungen", Hanser
  • Olga Flor, "Klartraum", Jung und Jung
  • Arno Geiger, "Unter der Drachenwand", Hanser

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