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MAXIMILIAN ANELLI-MONTI

Kluge Skulpturen von Andy Boot

Sie betrachten das Internet als Fundgrube, arbeiten mit Computergrafiken, Animationen oder 3-D-Drucken. Die Generation der so genannten Post-Internet-Art ist mittlerweile im etablierten Kunstbetrieb angekommen. Das gilt auch für den australischen Künstler Andy Boot, der in der Wiener Galerie Layr neben 3-D-Drucken, Arbeiten zeigt, die sich mit der vielversprechenden Blockchain-Technologie auseinandersetzen.

Kulturjournal | 27 12 2017

Christine Scheucher

Man fühlt sich fast in die 1930er oder 1940er Jahre zurückversetzt. Die Galerie Layr zeigt aktuell geometrische Bronzeskulpturen, präsentiert auf Sockeln so formschön wie dezent. Ein bisschen Henry Moore, ein bisschen Barbara Hepworth. Post-Internet-Art, Kunst also, die aus dem Internet kommt und sich mit dem Internet auseinandersetzt, sieht gemeinhin anders aus.

"Der Begriff Post-Internet-Art hat sich über die Jahre entwickelt. Er bezieht sich darauf, dass es eine Generation von Künstlern und Künstlerinnen auf den Kunstmarkt drängt, die mit den digitalen Medien und Distributionskanälen aufgewachsen sind. Meist meint man Künstler, die nach 1987 geboren sind. Für mich hat dieser Begriff aber eigentlich keine Trennschärfe. Er ist recht schwammig", so Galerist Emanuel Layr.

3-D-Druck im klassischen Gewand

In seiner Galerie im ersten Wiener Gemeindebezirk sieht man aktuell keine leuchtenden Displays, keine grellen Farben, keine disruptiven Soundfiles. Stattdessen 3-D-Skulpturen im Gewand der klassischen Moderne. Der australische Künstler Andy Boot hat dreidimensionale Collage gestaltet, 3-D-Drucke, die Boot aus Open-Sources-Files zusammensetzt, also aus frei erhältlichen Plänen für Ersatzteile, oder Werkzeuge, die man mit einem 3-D-Drucker ausdrucken kann. Deswegen nennt Boot seine Skulpturen, die geradezu dekorativ wirken "smart sculptures". "Ich denke, dass sich eine humorvolle Spannung ergibt, wenn man neue Technologien mit der Sprache der klassischen Skulptur mischt. Dieser Aspekt hat mich interessiert", so der Künstler.

Ausstellungsstück

MAXIMILIAN ANELLI-MONTI

Eine von Andy Boots "smart sculptures" wird Mitte Jänner übrigens am Campus der WU Wien aufgestellt und zwar in den Räumlichkeiten des neuen Forschungsschwerpunktes für Kryptowährungen und Kryptoökonomie. Kryptowährungen wie Bitcoin und die technologische Infrastruktur, die das Funktionieren dieser Währungen ermöglicht, sind das zweite Thema, das Andy Boot in seiner Ausstellung in der Galerie Layr beleuchtet. 2017 war ja das Jahr der digitalen Währungen. Allen voran der größten und bekanntesten Kryptowährung Bitcoin.

Zur Erinnerung: Diesen Dezember erreichte ein Bitcoin den Höchstwert von 20.000 US-Dollar. Längst war die Internetwährung kein Geheimtipp mehr, Kleinanleger und Finanzjongleure träumten von astronomischen Gewinnspannen im Netz. Die Nachfrage nach Internetwährungen stieg. Kurz vor Weihnachten passierte dann, was Finanzexperten längst prophezeit hatten: Der Bitcoin stürzte um bis zu 30 Prozent ab. Die Blase war geplatzt. Auch wenn der Wert des Bitcoin mittlerweile wieder steigt, ist Andy Boot nicht überrascht: "Man sollte sich weniger mit der Bitcoin-Blase beschäftigen und eher das System genauer anschauen, das die virtuelle Infrastruktur bildet, auf der Bitcoin basiert. Die entscheidende Frage: Was kann die Blockchain Unternehmen und der Gesellschaft bieten?"

Die erste dezentrale globale Währung

Mit der Kryptowährung Bitcoin beschäftigt sich Boot seit vielen Jahren. 2009 tauchte die virtuelle Währung erstmals im Netz auf, eine Reaktion auf die Finanzkrise und den Vertrauensverlust der Anleger. Bitcoin ist ein Zahlungsmittel, das nicht von einem Staat und dessen Zentralbank ausgegeben und reguliert wird. Die erste globale Währung, die dezentral funktioniert, also nicht von zentralen Institutionen, etwa einer Nationalbank, gesteuert wird.

Bitcoin basiert auf einem Peer-to-Peer-Verfahren, jeder Rechner, der mit dem Internet verbunden ist, jeder User, kann die Transaktionen, die vorgenommen werden überprüfen. Das System, das diese unhierarchischen Transaktionen möglich macht, heißt Blockchain. Eine virtuelle Infrastruktur, die - so die geradezu utopisch aufgeladenen Hoffnung - das Internet demokratischer machen soll.

Fünf Quadrate auf schwarzem Grund

Andy Boot hat theoretische Texte, despektierlich formuliert, die Beipackzettel zur Blockchain-Technologie zur Basis seiner Malerei gemacht und die Texte mit schwarzer Farbe übermalt, so dass sie nur fragmentarisch durchscheinen. Auch hier destilliert Boot aus einem hochkomplexen technologischen Referenzrahmen eine Ästhetik, die an die klassische Moderne erinnert. Fünf Quadrate auf schwarzem Grund, die von der Verräumlichung des sprachlichen Zeichens auf der Leinwand zeugen. Auch das gab es freilich bereits. Andy Boots Kunst entsteht im Spannungsfeld von Technologie und Tradition, sie ist optisch ansprechend, teilweise dekorativ, und verhandelt auf einer Metaebene zeitgeistige Themen. Eine Mischung, die für den 30-jährigen Künstler zum Erfolgsrezept werden könnte.

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Galerie Emanuel Layr - Andy Boot

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