Pankaj Mishra

APA/BARBARA GINDL

Pankaj Mishras Geschichte der Gegenwart

Hasstiraden in der Politik, Selbstmordanschläge und die Gräueltaten des IS. Eine neue Gewaltbereitschaft und Gewaltverherrlichung scheint das aktuelle Geschehen zu dominieren. Der indische Intellektuelle Pankaj Mishra versucht mit seinem neuen Buch "Das Zeitalter des Zorns" eine Analyse dieser Phänomene. Mit ungewöhnlichen Thesen.

Morgenjournal | 02 01 2018

Wolfgang Popp

Kulturjournal | Interview

"Wir müssen eine komplexere Erklärung für die aktuellen Ereignisse suchen, anstatt einfach eine bestimmte Religion oder Gesellschaft für den grassierenden Militarismus und Rechtsextremismus verantwortlich zu machen." Pankaj Mishra im Gespräch über zornige junge Männer, die europäische Avantgarde und über neue Strategien von Politikern wie Erdogan oder Trump.
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Die futuristischen Islamisten

Die Attentate in Paris, Nizza oder Berlin wurden zwar von islamistischen Attentätern ausgeführt, zu versuchen, diese Gewalttaten mit irgendwelchen religiösen Hintergründen zu erklären, sei aber völlig lächerlich, sagt Pankaj Mishra. Und gleiches gelte, fügt er hinzu, für die jungen Leute, die in den nur vermeintlich Heiligen Krieg in den Nahen Osten ziehen. Denen gehe es um ästhetische und existentielle Erfahrungen und nicht um Religion.

Dass terroristische Anschläge ständig auf religiöse Motive zurückgeführt werden, halte ich für eine maßlose Dummheit.

Pankaj Mishra: "Es ist eine völlige Zeitverschwendung, sich in den Koran zu vertiefen, um zu verstehen, warum sich junge Menschen dem IS anschließen. Deren Beweggründe erschließen sich viel eher, wenn wir ihre Ansichten und Handlungen mit dem Programm der europäischen Avantgarden vor hundert Jahren vergleichen. Die forderten damals auch die Zerstörung vorhandener Werte, die wollten auch Bibliotheken niederreißen und sie hatten auch Vorbehalte gegen Frauen. Vor allem bei den italienischen Futuristen lässt sich das nachlesen."

Denken im Dorf

Pankaj Mishra zieht Verbindungen quer durch die Geschichte und er bringt eine asiatische Sicht der Dinge in den Diskurs ein. Dabei hilft ihm neben seiner Herkunft auch sein Wohnort, denn Mishra lebt abwechselnd in London und im indischen Himalaya. Pankaj Mishra: "Unter den Schriftstellern und Intellektuellen der Gegenwart gibt es kaum jemanden, der, so wie ich, in einem Dorf lebt, das noch dazu in vielerlei Hinsicht sehr traditionell ist. Ich kann also die Kämpfe und Traumata beobachten, die junge Menschen dort durchmachen, die den Wechsel in die Moderne vollziehen möchten. Den Zorn der jungen Menschen, von dem ich in meinem Buch schreibe, habe ich aus nächster Nähe beobachtet."

Militante Plagiatoren

Gleichzeitig analysiert Mishra aber auch die politischen Diskurse und Strategien in den Medien. Vom nervösen Dauertwittern bis zur Konstruktion von Feindbildern: "Derzeit können wir beobachten, wie ähnlich eine verrückte weiße Führungsschicht und militante Islamisten agieren. Beide sind permanent online und beide haben paranoide Fantasien, was Liberale oder Juden betrifft. Es ist doch erstaunlich, wie sehr sich ihre Rhetorik gleicht und wie sehr sie sich gegenseitig nachahmen."

Kriegserklärungen

Mit Narendra Modi besitzt Indien seit 2014 einen ultranationalistischen Premierminister. Ähnlich wie Erdogan in der Türkei beschwört Modi in seinen Reden die Großartigkeit seiner Nation, in einer nicht selten aggressiven Sprache. Pankaj Mishra: "Hier sind Menschen an der Macht, die es lieben, Drohungen auszusprechen. Ihre Rhetorik kann diese Politiker aber leicht in eine Sackgasse manövrieren, aus der sie nur wieder herausfinden, indem sie tatsächlich einen Krieg beginnen."

Europäische Ideologen des 19. Jahrhunderts, die zu Leitfiguren für asiatische Befreiungsbewegungen wurden und Heilige Kriege, zu denen schon Dichter der deutschen Romantik aufriefen. Von ihnen kann man in Pankaj Mishras "Das Zeitalter des Zorns" lesen und danach die Gegenwart ganz gehörig anders verstehen.

Service

Pankaj Mishra, "Das Zeitalter des Zorns - Eine Geschichte der Gegenwart", S. Fischer. Originaltitel: Age of Anger - A History of the Present
The Guardian - Welcome to the age of anger
Vogue - The First Essential Read of the Trump Era Is Here

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