Mark Danielewski

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"The Familiar" - ein Roman auf 20.000 Seiten

Rahmensprengende Romanprojekte hat es schon viele gegeben, das Vorhaben des US-amerikanischen Bestsellerautors Mark Danielewski schlägt sie aber alle. Auf nicht weniger als 27 Bände, jeder an die 800 Seiten stark, hat er seinen Roman angelegt. Bescheiden ist hingegen der Titel: Der lautet nämlich "The Familiar".

Morgenjournal | 03 01 2018

Wolfgang Popp

Kulturjournal | Interview

Der manische Vielschreiber und Katzenfreund Danielewski im Gespräch über seine Recherche in Polizeigewahrsam und warum er als Autor am liebsten hinter seinen Büchern verschwinden würde.

Vorbild TV-Serie

In Sachen Form hat sich Mark Danielewski mit seinen Romanen schon immer über sämtliche Konventionen hinweggesetzt. Gleich sein Erstling "Das Haus" schien wie ein Labyrinth, mit seinen ineinander verschachtelten Geschichten und wechselnden Erzählern. "Mein Romandebüt 'Das Haus' ist wie ein Film aufgebaut", erklärt der Autor. "Der zweite, 'Only Revolutions', folgt einer musikalischen Struktur und der dritte, 'Das Fünfzig-Jahr-Schwert' ist wie eine Lagerfeuergeschichte erzählt. Und 'The Familiar' orientiert sich an TV-Serien: Weil die Geschichte erzählerisch weit ausholt und dieses Spaßelement besitzt. Und weil immer fünf Romane eine Staffel bilden werden."

"Das Kätzchen - ein Bild absoluter Schwäche, dass sich aber schnell in einen mächtigen Räuber verwandeln kann."

Auf Katzenspuren

Wenn jemand einen Roman auf hochgerechnet 20.000 Seiten anlegt, tippt man als Thema auf eine Familiensaga, die sich über zig Generationen dahinzieht. Doch Mark Danielewski winkt lachend ab: "Nein, es ist viel einfacher. Es geht um ein Mädchen, das ein kleines Kätzchen bekommen soll. Nach und nach stellt sich aber heraus, dass das Kätzchen ziemlich besonders ist. Damit nimmt die Geschichte ihren Lauf und umfasst plötzlich nicht mehr nur die unmittelbare Umgebung des Mädchens, sondern die ganze Stadt Los Angeles, die politischen und technologischen Veränderungen in den USA und sogar das Geschehen in Singapur, China und Russland. Die Leben der Figuren verstricken sich und immer mehr zeigt sich, dass das kleine Kätzchen nicht nur klein und niedlich ist, sondern die Macht der Natur repräsentiert und als Kraftfeld in der Mitte meiner Geschichte steht."

Weltpolitik im Taxi

Zum Figurenrepertoire gehören neben dem erwähnten Mädchen und seiner Familie, ein Bandenmitglied in Downtown Los Angeles, ein Drogensüchtiger in Singapur, Shnorkh, ein Taxifahrer und der Police-Officer Özgür. Mark Danielewski: "Wenn dieser armenische Taxifahrer auf den türkischstämmigen Polizisten trifft, dann ist das nicht einfach die Begegnung zweier Menschen. Da geht gleichzeitig das ganze historische Dilemma auf, das zwischen diesen beiden Ländern besteht."

Die Schrift ist die Stimme

Außergewöhnlich ist auch die Aufmachung von "The Familiar". Jeder Figur ist eine eigene Farbe zugeordnet und außerdem hat Mark Danielewski auch noch lange herumprobiert, bis jede Figur den zu ihr passenden Font hatte: "Mit der Schriftart hat sich auch die Stimme der Figur verändert. Jingjing, der Drogenabhängige in Singapur, zum Beispiel: Seine Welt ist von Drogenfantasien und Rauch bestimmt und danach habe ich seine Schriftart ausgewählt. Luther, dem Bandenmitglied, habe ich wiederum eine Schrift verpasst, die so schwer ist wie sein Ego und so kantig wie eine Faust. Und Oscar, der Polizist, ist in Baskerville gesetzt, was einen natürlich an Sherlock Holmes denken lässt."

Anschreiben gegen das Ende

Neun Jahre lang hat Danielewski sein Projekt vorbereitet, jetzt erscheinen aber gleich zwei Bände pro Jahr. Vier bis acht Seiten schreibt Danielewski deshalb täglich, und das sechs Tage die Woche. Deutsche Übersetzung gibt es noch keine und auch die Zukunft der englischen Ausgabe steht mit jedem Band aufs Neue in den Sternen. Mark Danielewski: "Mein Romanprojekt ist nicht nur wie eine Fernsehserie konstruiert, sondern hat auch dasselbe Schicksal: Wenn es nicht genug Leser gibt, kann es jederzeit eingestellt werden."

Service

Mark Danielewski, "The Familiar", Random House
Mark Danielewski, "Das Haus", aus dem Englischen übersetzt von Christa Schuenke, Klett Cotta Verlag

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