Sebastian Kurz und Mikrofone

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Der schmale Grat von Nähe und Distanz

Journalisten brauchen Informationen, Politiker haben sie. Wenn man zu nah ran geht, um sie zu bekommen, wird es gefährlich. Nicht allen Akteuren ist das immer bewusst.

Es war einer der Aufreger des Nationalratswahlkampfs: Tarek Leitner, der Moderator der ORF-Sommergespräche, wurde knapp vor dem Gespräch mit SPÖ-Chef Christian Kern von der ÖVP als Urlaubspartner des damaligen Kanzlers geoutet. Die Vorwürfe waren zwar zum Teil unrichtig, die familiäre Nähe der Leitners zu den Kerns, die ließ sich aber nicht wegreden. Ein Problem, das die gesamte Medienbranche betrifft. Das böse Wort dafür lautet: Verhaberung.

Christian Kern und Tarek Leitner

Christian Kern und Tarek Leitner anlässlich des ORF-Sommergespräches, 2017

APA/HANS PUNZ

Selbstgefährdung des Journalismus

Auch Robert Wiesner, Chef der politischen Magazinsendung Report im ORF-Fernsehen, hat in ein Wespennest gestochen. In seiner Dankesrede für die Verleihung des Walther-Rode-Preises an die Report-Redaktion hat Wiesner diesen Satz zur journalistischen Freiheit im ORF gesagt: "Akut droht die größte Gefahr nicht von oben oder durch die berüchtigten Interventionen von außen, sondern von innen."

Gemeint war damit die Bereitschaft von Journalisten, etwa für Karrierewünsche Parteien zu Diensten zu sein. "Wer sich andient, wird als Diener weiterleben müssen." Noch ein Zitat aus der Rede. Die hat für großen Wirbel im ORF gesorgt, weshalb Robert Wiesner letztlich davon Abstand genommen hat, mit #doublecheck zu sprechen. Obwohl ihm das Thema ein großes Anliegen ist.

Nicht immer alles auf den Tisch

Die Nähe zu Christian Kern, das muss auch Rainer Nowak, Chefredakteur der Tageszeitung "Die Presse", argumentieren. Er hat seine Tochter so wie Tarek Leitner in derselben Schule wie der SPÖ-Chef. "Ich kenne Kern über einen privaten Zufall aus seiner ÖBB-Zeit. Als er dann SPÖ-Chef geworden ist, wurde das in unserer Redaktion ganz offen thematisiert und diskutiert, weil man wisse doch, dass ich mit Christian Kern besser sei."

Alles auf den Tisch, reden wir darüber. Ganz so ist es nicht. Über private Runden mit den Kerns, die es auch gab, reden beteiligte Journalisten lieber nicht so offen. Es könne doch nicht sein, dass man quasi ein Privatleben-Verbot als Journalist hinnehmen müsse, sagt Nowak. Und überhaupt. Früher sei das alles viel ärger gewesen, Verhaberung von Politikern und Journalisten beim Heurigen und so.

Anneliese Rohrer

ORF

Anneliese Rohrer

"Früher war alles viel schlimmer"

Ein Befund, den Anneliese Rohrer, eine Legende des österreichischen Innenpolitik-Journalismus, teilt: "Die Sensibilität, was Interessenkonflikte betrifft, die ist besser geworden. Das wurde früher nicht nur nicht angesprochen, sondern nicht einmal erkannt, geschweige denn reflektiert." Rohrer nimmt sich selber da gar nicht aus. "Heute wünschte ich, ich hätte mir damals konkreter überlegt: Wie gehe ich in den Einzelfällen damit um, dass ich den oder die sehr gut kenne."

Das Du-Wort und die Beißhemmung

Die Gefahr, vereinnahmt zu werden, sei heute aber genauso gegeben, sagt Rohrer. Heute seien die Politiker ganz schnell beim Du-Wort: "Das wirkt besonders bei den Jungen, die fühlen sich dann geehrt und kriegen eine Beißhemmung. Das ist der Zweck dieses flächendeckenden Du-Worts."

Christian Rainer, Chefredakteur und Herausgeber des Wochenmagazins "Profil", ist mit Sebastian Kurz nicht nur per Du, sondern im vergangenen Sommer mit ihm auch auf den Traunstein gestiegen. Rainer, der auch bei privaten Runden mit Christian Kern dabei war, hat mit der Nähe kein Problem. "Spitzenpolitiker sind interessanter als der Gemeinderat etwa meiner Heimatgemeinde Ebensee. Insofern ist das Interesse größer, viel Zeit und lange Gespräche mit jemandem wie Sebastian Kurz oder Christian Kern zu pflegen."

Die Bergwanderung mit Kurz habe sich irgendwie ergeben, sagt Rainer. Und der Bundeskanzler dazu im "Frühstück bei mir" auf Ö3 ganz ähnlich: "Das hat sich so ergeben, ich gehe sehr gern in unterschiedlichen Runden wandern. Ich habe aber noch von keinem Journalisten eine sonderliche Besserbehandlung erlebt."

Nähe aus politischem Kalkül

Keine sonderliche Besserbehandlung - das sehen viele anders. Florian Klenk, Chefredakteur der Wiener Stadtzeitung Falter, nennt als Beispiel den Flug des frischgebackenen Kanzlers knapp vor Weihnachten nach Brüssel. "Ich habe kein Problem damit, wenn ein Journalist den Bundeskanzler im Flugzeug begleitet. Man will ihn beobachten und ihn beschreiben. Aber man muss merken, wann spielt mir der Politiker ein Schauspiel vor und wann ist es eine wirkliche Beobachtung?"
Alles politisches Kalkül, sagt Klenk. Tatsächlich bemüht sich speziell Sebastian Kurz immer wieder um diese vermeintliche Nähe zu den Journalisten. Seelenmassage im Dienste der Message Control. "Das Schmiergeld namens Nähe ist gültiger denn je."



Die besondere Nähe zur "Krone"

Claus Pándi ist per Sie mit dem jungen Bundeskanzler, aber er ist Kurz vielleicht näher als alle die Flugbegleiter zusammen. Pándi ist Innenpolitik-Chef der auflagenstarken "Kronen Zeitung". Kurz will - anders als über weite Strecken der letzte ÖVP-Kanzler Wolfgang Schüssel - nicht gegen, sondern mit der "Krone" regieren.

Dazu muss er sich gewissen Regeln unterwerfen, und die wichtigste lautet: Geschichten sind eine Bringschuld der Politiker, keine Holschuld der "Krone"-Leute. Pándi hat das über Jahre mit Werner Faymann praktiziert, mit dem er besonders eng war. "Es gibt viele Journalisten und Politiker, die aus ihrem Nähe-Verhältnis ein Geheimnis machen."

Und der Krone-Mann zieht einen gewagten Vergleich: "Werner Faymann und Sebastian Kurz sind sich vielleicht ähnlicher, als den beiden lieb ist. Beiden ist gemeinsam, dass sie eine – ich will nicht sagen einfache – aber verständliche Sprache sprechen. Das unterscheidet sie grundlegend von Christian Kern, dem es gefällt, zum Beispiel statt dem Wort Gegenmodell das Wort Antithese zu verwenden."

"Unwillkürlich besserbehandelt"

Deshalb klappt das mit Sebastian Kurz auch ziemlich gut, wie Pándi erzählt. "Das ist ein sehr direktes und offenes Verhältnis, und ein sehr angenehmes Verhältnis. Natürlich ertappt man sich dabei, dass man mit einem Regierungsmitglied, mit dem man eine offene Gesprächsebene findet, dass man den unwillkürlich vielleicht sogar besser behandelt, als einem selbst lieb ist." Eine Besserbehandlung, die Kurz – siehe oben – doch in Abrede gestellt hat. So unterschiedlich sind die Sichtweisen.

Journalisten, die in Umbruchzeiten das Maß an Nähe zu den neuen politischen Akteuren ausloten, sind das eine. Politiker, die die Möglichkeiten der Nähe ausreizen, das andere. Der Umgang damit ist nicht leicht, weiß auch die Journalistin Julia Ortner. Sie und ihre Mitstreiter thematisieren im Podcast "Ganz offen gesagt" zu Beginn immer das Verhältnis zum jeweiligen Gesprächspartner: "Ich würde sagen im Verhaberungsindex liege ich eher weiter hinten, was aber nicht heißt, dass ich nicht auch feststelle, dass ich immer wieder schauen muss, wo ich mich abgrenze."

Keine Angst vor Feind und Freund

Der Publizist Robert Misik, hat seine Wurzeln in der SPÖ, er kennt etwa Werner Faymann und Josef Cap aus Teenager-Tagen. Freunde seien das dennoch keine, mehr gute Bekannte, sagt Misik. Journalistisch dürfe das so oder so keine Rolle spielen: "Eine journalistische Haltung muss ohnehin sein: Keine Feigheit vor dem Feind, aber auch keine Feigheit vor dem Freund."

Die Nähe zu Politikern ergibt sich oft durch den Lebenslauf, auch bei Daniela Kittner. Ex-Bundespräsident Heinz Fischer ist der Trauzeuge des Ehemanns der Kurier-Innenpolitikerin. Kittner ist mit dem bekannten Journalisten Herbert Lackner verheiratet. Sie habe deshalb in den zwölf Jahren Amtszeit keine Dienstreisen mitgemacht und auch keine großen Interviews mit Fischer geführt, sagt Kittner. "Mir war das recht, weil es eben da den einen oder anderen Berührungspunkt gibt. Aber es wäre auch kein Problem gewesen, wenn mich der "Kurier" dorthin geschickt hätte, weil Heinz Fischer ist die Korrektheit in Person, da gibt es nicht so ein Problem."

Befangenheit offenlegen

In der Selbsteinschätzung lässt sie sich sogar hier noch Spielraum. Für Hannes Aigelsreiter, den Chefredakteur der Radioinformation, zu der auch #doublecheck gehört, wäre das ein klarer Fall von Befangenheit. "In der Praxis darf ein befangener Kollege oder Kollegin nie in die Verlegenheit gebracht werden, eine entsprechende Story bearbeiten zu müssen. Dafür müssen die Chefinnen und Chefs sorgen."

Der Nähe folgt der Liebesentzug

Und dann gibt es noch die Situationen, wo mit Nähe Druck ausgeübt wird. Claus Pándi von der Kronenzeitung: "Erwin Pröll (ÖVP, Anm.), der einen sehr gerne mit vertraulichen oder gesteuerten Informationen versorgt hat, hat das so lange getan, bis er aus seiner Sicht enttäuscht worden ist und dann hat er einen - je nach Schwere des aus seiner Sicht Vergehens - mit zwei, vier oder sechs Monaten Liebesentzug bestraft. Andere Politiker reden dann überhaupt nicht mehr."

"Wenn man nicht mitmacht, ist man ein Feind und wird von Informationsflüssen abgeschnitten", so Daniela Kittner vom Kurier über Erlebnisse mit Werner Faymann.

"Da merkst du, wie du reinkippst"

Der Journalist Markus Huber hat das Gegenteil gesucht. Für sein im Fleisch-Verlag erschienenes Buch "Die letzte Ausfahrt" über den SPÖ-Nationalratswahlkampf ist er quasi als "embedded journalist" im Bus von Christian Kern mitgefahren. Im Zuge der grandiosen Reportage beschreibt Huber auch, wie er unweigerlich Teil des Ganzen geworden ist. "Du kriegst mit, wie die in eine immer aussichtslosere Situation reinsteuern und sich das selber schönreden. Da findest du das sympathisch und musst dann auch Grenzen setzen oder auch nicht. Da merkst du, wie du da reinkippst."

Und reinkippen, das geht gar nicht, befindet Florian Klenk vom "Falter". Er zitiert den Snowden-Aufdecker Glenn Greenwald: "Journalismus muss den Outsider-Ethos – also den Ethos, Außenseiter der Mächtigen zu sein - pflegen. Journalismus soll nicht die Nähe suchen im Sinne einer Bestätigung. Er soll nicht Schoßhund sein, sondern Wachhund."

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