Andrina Mracnikar (Vorstand Filmregie Österreich)

APA/HANS PUNZ

Regierungsprogramm der Kunst- und Kulturschaffenden

Eine ausdrückliche Dialogbereitschaft mit Kunst- und Kulturschaffenden ist im Regierungsprogramm der neuen Bundesregierung festgelegt - allein, ein solcher Dialog habe bislang noch nicht stattgefunden, wie die Angesprochenen am Mittwoch in einer Pressekonferenz mitteilten. Also ergriff man selbst die Initiative und präsentierte ein gemeinsames Forderungspapier, das künstlerische, finanzielle und sozialpolitische Positionen umfasst.

Kulturjournal | 10 01 2018

Judith Hoffmann

Nicht mehr als eine Erwähnung

Fünf Seiten umfasst das Kulturkapitel des neuen Regierungsprogramms bekanntlich, nicht eben ausführlich, so der Tenor der am Podium Sitzenden, im Gegenteil, es seien etliche Lücken und blinde Flecken zu beklagen. "Wir haben das Regierungsprogramm durchgelesen und festgestellt, dass die darstellende Kunst da gar nicht vorkommt", sagt etwa Ulrike Kuner von der IG Freie Theaterarbeit.

"Die Filmbranche hat es zwar ins Regierungsprogramm geschafft, wenn auch mit nur einem Satz, aber unsere konkreten Anliegen wurden noch nicht gehört", ergänzt Andrina Mracnikar vom Verband Filmregie Österreich.

Fülle an Forderungen und Aufforderungen

Ebendiese Forderungen in all ihrer Bandbreite präsentierten die Interessenvertreterinnen und -vertreter heute der Öffentlichkeit. Von knapp formulierten, sehr konkreten acht Thesen, die Harald Huber vom Österreichischen Musikrat vortrug - etwa integrierter Musikunterricht in den Ganztagsschulen oder Anhebung des Musikfonds auf 2 Millionen Euro - bis zu nicht weniger konkreten Sorgen und damit verbundenen Wünschen, wie sie Andrina Mracnikar und Daniel Hoesl vom Verband Filmregie aussprachen: "Es ist zu befürchten, dass fortan nur augenscheinlich publikumswirksame Film gefördert werden", und man damit auf kleine, künstlerisch anspruchsvolle Produktionen vergesse oder verzichte.

Gerade diese allerdings seien die künstlerischen Aushängeschilder des Filmlandes Österreich. "Wenn ein Film bei großen Festivals wie Cannes erfolgreich ist, heißt das eben oft, dass er zugleich daheim in Österreich kein Publikumsmagnet ist."

Altbekannte Brennpunkte

Etliche altbekannte Forderungen wie die faire Abgeltung für Urheberinnen und Urheber sowie die soziale Absicherung von Kunst- und Kulturschaffenden, brennen allen unter den Nägeln, vielleicht noch mehr als bisher, wie Gerhard Ruiss von der IG Autorinnen und Autoren meint - und dabei auch anregt, das Regierungsprogramm über den Bereich Kunst und Kultur hinaus zu betrachten: "Wir haben mit unseren Beschäftigungsformen eben auch Spezialansprüche, wenn man auf die nicht eingeht, schickt man uns in die Armut und diese Gefahr sehe ich im aktuellen Programm sehr stark gegeben. Das ist nicht unbedingt im Kulturteil des Regierungsprogramms festgeschrieben, aber sehr wohl im Bereich des Sozialen, oder in den Vorhaben des aktuellen Justizministers zum Urheberrecht."

Gießkannen, Sprungbretter & der Künstler als EPU

Im Zusammenhang mit Kunst- und Kulturförderung übte man vor allem Kritik an der Formulierung "weg vom Gießkannenprinzip" im Regierungsprogramm. "Es gibt ja jetzt schon kaum mehr ein Gießkannenprinzip", so Andrina Mracnikar, und Peter Paul Skrepek ergänzt nicht ohne Zynismus: "Was soll das heißen, weg von der Gießkanne, das ist nur ein Wort, sonst nichts. Wir kümmern uns um unsere eigenen konkreten Forderungen, da gibt es genug zu tun. Die Gießkanne überlassen wir lieber den Friedhofsgärtnern."

Und noch eine Formulierung erregt allgemeinen Unmut: "Förderung von Kunstschaffenden - unter klar definierten Qualitätskriterien - muss auch als Sprungbrett in wirtschaftliche Unabhängigkeit gesehen werden." So steht es im Regierungsprogramm - eine absurde Forderung, vor allem im Filmbereich, so Andrina Mracnikar: "Keine österreichische Filmproduktion, nicht einmal die vermeintlich kommerziell erfolgreichen, kann ohne öffentliche Förderung realisiert werden. Da darf man nicht die Vermarktbarkeit als Kriterium heranziehen."

Und Vasilena Gankovska von der IG Bildende Kunst meint: "Mich hat dieser Satz als Künstlerin sehr erschrocken, weil er auch bedeutet, dass ich fortan eher als Start-up oder als Einzelunternehmerin agieren muss. Das würde ich von der Regierung gerne erfahren, wie sie sich das vorstellt."

Investieren statt Subventionieren

Zum völligen Umdenken will in diesem Zusammenhang Peter Paul Skrepek, Vorsitzender der Musikergilde anregen, nämlich weg vom Begriff "Subventionierung" hin zu "Investition in Infrastruktur". Denn, so sein Argument: "Niemand würde sagen, man subventioniert die Polizei, sondern man stattet sie eben mit dem notwendigen Geld aus, um entsprechend zu arbeiten."

Einen gangbaren Weg sieht Ulrike Kuner darin, erprobte Fördermodelle anderer europäischer Länder, etwa Schweden oder Frankreich, zu übernehmen oder für Österreich zu adaptieren. Zwei weitere Brennpunkte sieht Vasilena Gankovska von der IG Bildende Kunst, die auf den ersten Blick nicht unbedingt in den Bereich Kunst und Kultur fallen. Zum einen sehe sie in der Wiedereinführung der Studiengebühren eine Gefahr für die kulturelle Vielfalt, zum anderen sei der grundlegende Duktus im Regierungsprogramm besorgniserregend: "Ich lese sehr oft ‚Österreich‘ oder ‚österreichisch‘ darin. Das wäre kein Problem, würden wir nicht wissen, wer in der Regierung sitzt. Diese nationalistische Tendenz verhindert internationalen kulturellen Austausch und kulturelle Vielfalt."

"Erst der Anfang …"

Die gesammelten Forderungen sollen von nun an in einen offenen Forderungskatalog einfließen, der laufend nach Bedarf ergänzt wird. Das entsprechende Konvolut der vorgebrachten Wünsche und Forderungen geht per Post an den Kulturminister Blümel. Im Übrigen, so die Anwesenden, habe man sich gerade erst zusammengefunden und stehe nun am Anfang einer intensiven Arbeitsphase.

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