Hazel Brugger

Ornella Cacace

Hazel Brugger im Stadtsaal Wien

Sie wird gern als witzigste und böseste Frau der Schweiz bezeichnet - wobei sich das "böse" auf die Scharfzüngigkeit und Giftigkeit ihres Humors bezieht. Hazel Brugger ist gerade einmal Mitte 20 und trotzdem längst eine Bühnen-Veteranin. Begonnen hat die in den USA geborene und heute in Köln lebende Brugger mit Poetry-Slam - mittlerweile bedient sie unterschiedlichste Unterhaltungs-Genres. Und das enorm erfolgreich: 2017 gewann sie den Salzburger Stier, den Bayrischen Kabarettpreis und den deutschen Comedy-Award. Am Sonntag gastiert Hazel Brugger mit ihrem ersten Kabarettprogramm im Wiener Stadtsaal.

Morgenjournal | 13 01 2018

David Baldinger

Liegt es an der frühreifen Altersweisheit, der Schweizer Sachlichkeit oder doch an der akkuraten Lakonie und der Gabe der ökonomisch pointierten Sachverhaltsdarstellung? Diese Zutaten scheinen jedenfalls Teil des Betriebsgeheimnisses von Hazel Brugger zu sein. "Ich bin nicht die richtige Person für romantische Situationen", informiert Brugger ihr Publikum bei einem Auftritt. "Ich kann das immer nicht so - ich komme aus der Schweiz. Wir haben keine Emotionen. Wir haben Geld. Aber reichlich davon."

"Der Tod ist statistisch vernachlässigbar"

Geboren wurde Hazel Brugger in San Diego in den USA, aufgewachsen ist die Frau mit den vielen Berufsbezeichnungen (wahlweise Stand-up-Comedian, Moderatorin, Kabarettistin) in der Schweiz. Der Vater spricht mit ihr Schwizerdütsch, die Mutter besteht auf Hochdeutsch. Aus diesen sprachlichen und kulturellen Grenzbereichen kommt Bruggers Sensibilität für Nuancen und Zwischentöne. Und ihr natürlicher Bewegungsdrang über Genregrenzen hinweg.

Bei ihr fließen die Comedy und Kabarett ineinander. So wie Brugger auch bei der Wahl ihrer Bühnen keinerlei Snobismus erkennen lässt. Es gibt eben verschiedene Formate und Hazel Brugger will sie alle ausprobieren. Derbe Schenkelklopfer schmiegen sich bei ihr an existenzielle Reflexionen. Da geht es um unerigierte Penisse und das Surfen auf dem eigenen Menstruationsblut genauso wie um den Tod und seine statistisch vernachlässigbare Relevanz im Lebenszyklus eines Menschen.

Gemeinsamkeiten mit Thomas Bernhard

Brugger ist eine Frau, die mit Nachtsichtbrille durch die gerne abgedunkelten Nischen des Lebens spaziert. Und sich mit Vorliebe an den dort wuchernden Schattengewächsen weidet. Sozialisiert wurde sie durch eine Zeichentrickserie und einen österreichischen Übertreibungskünstler. Andere Kabarettisten, Komiker oder Stand-up-Comedians spielten da eine untergeordnete Rolle.

"Ich kannte die Simpsons, das war’s eigentlich", denkt Brugger an ihre Anfänge zurück. "Ich war mehr Literaturfan. Thomas Bernhard habe ich immer schon sehr gern gehabt. Ich finde eigentlich haben Thomas Bernhard und ich auch einen ähnlichen Job – aber er ist halt noch ein bisschen gestörter." Die Nachfrage nach der Job-Description bringt die sonst so Schlagfertige kurz in Verlegenheit. Brugger grübelt. "Professioneller Welt-Zerdenker, vielleicht? Ich weiß es nicht."

Tanz entlang der Schamgrenze

Doch während bei Thomas Bernhard die Übertreibung dominiert, pflegt Brugger eher den unaufgeregt servierten Tabubruch und das Spiel mit der Scham und ihren Grenzen. Ihr kommt es auf die wohltuend reinigende Wirkung von Humor an. "Wenn man über ein unangenehmes Thema spricht und den Leuten erlaubt, zu lachen, dann wird das Thema tatsächlich ein bisschen erträglicher. Das sagt sich immer so, stimmt aber tatsächlich."

Auf der Bühne ist Brugger eine Meisterin der absurden Verdichtung. Doch die Bühne ist nicht alles. Brugger tingelt durch sämtliche TV-Comedy-Formate, hat einen eigenen Podcast genauso wie eine Internet-Show auf YouTube gemeinsam mit Thomas Spitzer. Titel: "Die Hazel Brugger und Thomas Spitzer haben eine Show Show." Brugger probiert sich aus.

Kompromisslos und humanistisch

Bei aller Kompromisslosigkeit bleibt Bruggers Humor aber stets konstruktiv. Sie will, "dass der Mensch sich ein bisschen mehr als Teil von etwas, das schon OK ist, fühlt. Dass man sich nicht immer nur total fehl am Platz fühlt. Das fände ich schön." Kurze Nachdenkpause, bevor Brugger ihre Überlegung zu Ende führt. "Aber das ist ja auch übertrieben. Vielleicht reicht’s auch, wenn die Leute einfach lachen."

Da trifft der humanistische Anspruch auf lapidaren Pragmatismus. Wahlweise hintergründig, abgründig oder rotzfrech. Und immer sprachlich raffiniert. Hazel Brugger legt gerade einen bemerkenswerten und vielversprechenden Spagat hin.

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