Frauenhand hält ein Buch in Händen

ORF/URSULA HUMMEL-BERGER

"Topkapi" von Eric Ambler

Der Kultroman des Begründers des klassischen Spionagethrillers in einer Neuauflage.

"Die Quelle aus der wir alle schöpfen", meinte einmal John le Carré über den britischen Autor Eric Ambler, dessen Werke Inspiration für Alfred Hitchcock und Graham Greene waren. "The Dark Frontier" (auf Deutsch "Der dunkle Grenzbezirk") war Eric Amblers erster Roman und erschien 1936. Damals dominierten im britischen Thriller-Genre Autoren wie H.C. McNeile, der unter dem Pseudonym Sapper bekannt war, und John Buchan, von dem der Roman "Die 39 Stufen" stammt.

Beide Autoren hatten einen militärischen Hintergrund und so wundert es wenig, dass ihre Protagonisten, wie z.B. Sappers Bulldog Drummond, muskulöse Helden sind, die das Empire gegen die Bolschewiki verteidigen. Eric Ambler hingegen widmete sich zwielichtigen, unmoralischen Charakteren, damals ein Novum. Sein Ich-Erzähler in "Topkapi", Arthur Simpson, ist kein James Bond, sondern ein harmloser Kleinkrimineller und Fremdenführer.

Apropos James Bond

Auch Ian Flemming war ein Fan von Eric Ambler, wie er in einer Szene seines 1957 erschienenen Romans "Liebesgrüße aus Moskau" offenbarte: Im Flugzeug auf dem Weg nach Istanbul vertreibt sich 007 die Zeit mit der Lektüre von Amblers Roman "Die Maske des Dimitrios".

Istanbul ist auch der primäre Schauplatz in "Topkapi". Die Handlung beginnt allerdings in Athen, wo Arthur Simpson den mysteriösen und gefährlichen Harper, einen vermeintlichen Touristen, um ein paar Reiseschecks erleichtern will. Harper erwischt Arthur jedoch auf frischer Tat und zwingt ihn dazu, einen Wagen von Athen nach Istanbul zu bringen. Doch an der türkischen Grenze entdeckt die Polizei ein im Wagen verstecktes Arsenal an Waffen. Arthur Simpson bleibt nun nichts anderes übrig als für die Türken den "Maulwurf" in Harpers Bande zu spielen. Er soll herausfinden, was diese mit den Waffen vorhat und wird kurzerhand in einen Juwelenraub im Istanbuler Topkapi-Palast involviert.

"Im ersten Morgenlicht"

Eric Ambler erwähnt in seinem Roman kein einziges Mal das Wort "Topkapi". Es ist entweder vom Serail oder vom Palastmuseum die Rede. Im Original heißt der erstmals 1962 veröffentlichte Roman "The Light of Day" bzw. lautete der Titel der deutschen Übersetzung bis 1969 "Im ersten Morgenlicht". Die Umbenennung in "Topkapi" hängt vermutlich mit der bekannten Verfilmung zusammen. In dieser schlüpfte Peter Ustinov in die Rolle von Arthur Simpson und wurde dafür 1965 mit einem Oscar ausgezeichnet. Dass der Film eine sehr freie Interpretation der Romanvorlage ist, zeigt sich u.a. daran dass Peter Ustinov die begehrte Trophäe in der Kategorie "Bester Nebendarsteller" erhielt und nicht in jener des "Besten Hauptdarstellers".

Ein Antiheld par excellence

Während der Film eindeutig im Genre der Komödie angesiedelt ist, kann Eric Amblers Romanvorlage in die Kategorie Thriller eingeordnet werden. Humor ist im Roman durchaus vorhanden, das liegt vor allem am Erzählton von Arthur Simpson, dennoch ist die Grundatmosphäre weitaus bedrohlicher. Die Schauplätze der Handlung und die Zeit, in der diese spielt, erinnern ein wenig an Agatha Christie, was nicht sonderlich überraschend ist, waren die beiden Autoren doch Zeitgenossen. Allerdings ist "Topkapi" kein Krimi im Sinne eines "Who-done-it".

Es gibt keinen moralisch erhabenen Hercule Poirot und keine liebenswerte, weltkluge Miss Marple, die die bösen Mächte in die Knie zwingen. Eric Amblers Ich-Erzähler Arthur Simpson, der von seinem Umfeld als widerlicher Feigling mit unangenehmem Mundgeruch beschrieben wird, ist ein Antiheld par excellence. Amblers Kunst als Schriftsteller ist es, dass einem dieser Kleinkriminelle im Laufe der Handlung immer sympathischer wird, obwohl, und vielleicht auch gerade weil, er nicht als strahlender Sieger aus der ganzen Angelegenheit aussteigt.

Service

Eric Ambler, "Topkapi", übersetzt von Elsbeth Herlin und Nikolaus Stingl, Hoffmann und Campe, 2017, 318 S.

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