Stradivari-Geige

APA/AFP/PATRICK KOVARIK

Virtuose der Rettung - Bronislaw Huberman

Bronislaw Huberman, geboren 1882 im damals russischen, heute polnischen Tschenstochau, gestorben 1947 in der Schweiz, polnisches Wunderkind und Geigenvirtuose, hat als Mitbegründer der paneuropäischen Idee als einer der ersten die Bedrohung Europas durch die Nazis erkannt.

Neben tausenden Briefen, mit denen er an Persönlichkeiten Europas appellierte, schloss sein Plan zur Rettung von mehr als 1.000 Menschen vor der Vernichtung durch die Nazis die Begründung des "Israel Philharmonic Orchestra" ein. Für die Debut-Konzerte konnte er keinen Geringeren als Arturo Toscanini als Dirigenten begeistern.

Geigenwunderkind und Wundermensch

In Wien konzertiert das Geigenwunderkind schon 1892 als Neunjähriger bei der Internationalen Musik- und Theaterausstellung, tritt 1895 mit der sich als Königin inszenierenden Sängerin Adelina Patti auf und stiehlt ihr die Show, bezaubert ein Jahr später Brahms mit dessen Violinkonzert im Musikverein.

Ein Wundermensch, sagt Theodor Leschetizky von ihm. Kurze Zeit ist Huberman mit der Volkstheater-Schauspielerin Elza Galafres verheiratet. Politisches Zentrum seiner Wiener Arbeiten jedenfalls ist die Hofburg, wo die Paneuropa-Bewegung von den Vereinigten Staaten von Europa träumt. Es geht um die Bewahrung von "Europa Vaterland", von Geist und Kultur – all das sieht er in Gefahr durch die erstarkenden Nazis.

Huberman wird 1882 in Tschenstochau im polnischen Galizien geboren. Er erkennt in seiner Kindheit nicht nur sein enormes Geigentalent, sondern erlebt auch eine Vielvölkerwelt, in der sich Menschen zu einer polnischen, ruthenischen, deutschen, armenischen, moldawischen, ungarischen, jüdischen Gemeinschaft und als Fahrende bekennen. Hier entspringt sein Europagedanke, die Überwindung des Nationalismus.

Rettung mit Hilfe der Musik

Wien wird in den 1930er Jahren der Ausgangspunkt seiner Rettungsaktionen, die Geige ist eine Vermittlerin zum Publikum, sein Spiel ist Teil des Kampfes für die Menschheit. 1934 gibt er ein Benefizkonzert für die Opfer des Februar 1934. Er hilft den NS-Verfolgten mit Visa und Empfehlungen und appelliert zugleich an die Intellektuellen Deutschlands und Österreichs. Versucht wachzurütteln, öffentliche Briefe an jene "deutschen Geistesführer von internationaler Bedeutung" schreibend, die "noch bis gestern das deutsche Gewissen gewesen wären".

Tausenden hat Huberman mit Affidavits für Exilländer das Leben gerettet. Hunderte der von ihm Geretteten fanden im1936 gegründeten Palestine Orchestra, dem späteren Israel Philharmonic Orchestra, zusammen. Im Rettungsplan der Orchestergründung konnte er keinen Geringeren als Arturo Toscanini als Dirigenten für die Debütkonzerte gewinnen.

Ein vergessener Helfer

Seltsam, dass seine Geschichte nicht jedes Kind kennt: vielfaches Ehrenmitglied u. a. der Wiener Philharmoniker, der Wiener Konzerthausgesellschaft, der Gesellschaft der Musikfreunde Wien, der Hochschule für Musik, der Ehrenlegion Frankreichs, ausgezeichnet mit dem Ehrenkreuz der Republik Österreich.

Associated Press

Der Geiger Julian Altman stahl Hubermans Stradivari 1936 aus Hubermans Garderobe in der New Yorker Carnegie Hall, während dieser ein Konzert gab.

Wien hat an seinem Wohnsitz der Jahre 1926 bis 36, Schloss Hetzendorf, keine Gedenktafel angebracht. Während seinem Mitstreiter für die paneuropäische Idee, Richard Coudenhove-Kalergi, mit einer Plakette an der Außenmauer der Diplomatischen Akademie Anerkennung gezollt wird, ist Huberman weder ein Denkmal noch eine Musikausbildungsstätte gewidmet, schon gar nicht an der Hofburg, dem Sitz der Paneuropa-Bewegung. Seinem Biografen, Piotr Szalsza, ist es zu verdanken, dass die Philharmonie Tschenstochau nun nach ihrem berühmten Sohn benannt ist und es hier ein alljährliches Musikfestival seinem Namen gibt.

Sie muss neu erzählt werden, die Geschichte von jenem "Gerechten unter den Völkern", dem nicht nur ein Baum, sondern ein Wäldchen bei Jerusalem gewidmet ist, gestiftet von den Geretteten.

Huberman kehrt Wien 1936 den Rücken. 1947 stirbt er als völlig enttäuschter Mann in der Schweiz. Die japanische Musikerin Midori trägt den Klang seiner Guarneri-Geige weiter. Die Coda seiner abenteuerlichen Lebensgeschichte beinhaltet auch den spektakulären Raub seiner Stradivari-Geige, die nach Jahrzehnten wieder auftauchte und nun von Joshua Bell gespielt wird.

Gestaltung

Übersicht