Ishraga Mustafa Hamid

LINDA ZAHRA

"Ich bin eine Schwarze Wienerin"

Vor 25 Jahren musste die Journalistin und Autorin Ishraga Mustafa Hamid aus dem Sudan ins Exil. In Wien konnte sie neue Wurzeln schlagen. Ein Porträt von Eva Roither.

Die glitzernden Schneeflocken bezaubern sie, als sie aus dem Flugzeug steigt. „Das ist das Silber des Himmels, die Baumwolle des Himmels“, denkt sie sich damals. Es ist Februar 1993, in Wien misst man einen Schnee-Rekord, als die Anfang 30jährige sudanesische Journalistin Ishraga Mustafa Hamid am Flughafen in Schwechat ankommt. Man hat der bekennenden Kommunistin und Frauenrechtlerin aus der Stadt Kosti im Osten des Sudan nahegelegt, das Land zu verlassen. Generalleutnant Omar Hassan al-Baschir hat 1989 durch einen Putsch die Macht übernommen und ein autoritäres, streng islamistisches Regime errichtet. Oppositionelle wie Ishraga Mustafa Hamid, die sowohl die Regierung kritisieren als auch den Bürgerkrieg im Südsudan, sind bedroht.

„Mein Vater hat mir gesagt, warum studierst du Journalismus im Sudan? Im Sudan kannst du damit nichts anfangen. Es wird zu einem Militärputsch kommen und dann wirst du keine Arbeit finden. Und genau das ist passiert. Ich habe am 29. Juni 1989 das Studium abgeschlossen, am 30. Juni war der Militärputsch, am 1. Juli wurden alle regierungskritischen Zeitungen eingestellt.“

Eva Roither und Ishraga Mustafa Hamid

Ishraga Mustafa Hamid im Gespräch mit Eva Roither

ORF/EVA ROITHER

In Wien versucht sie so rasch wie möglich, sich zu etablieren. Aber es ist nicht einfach. Sie ist alltäglichen Vorurteilen ausgesetzt, sie wird zwar mit einem Stipendium unterstützt, aber das Geld ist knapp. Im Sudan hat sie bereits ein Publizistik-Studium abgeschlossen und als Journalistin gearbeitet, in Wien schreibt sie erneut eine Diplomarbeit im selben Fach. Dieses Mal auf Deutsch. Daneben arbeitet sie als Reinigungsfrau und verteilt Werbeprospekte vor der Universität.

Wir haben uns sichtbar gemacht

Später absolviert Hamid ein Doktoratsstudium, übernimmt einen Lehrauftrag am Institut für Politikwissenschaft, widmet sich intensiv der Migrantinnenforschung in Österreich, arbeitet für verschiedene Beratungsstellen mit MigrantInnen. Sie organisiert internationale Konferenzen, hält Vorträge - und schreibt: Gedichte und Prosatexte, in denen sie über ihr Leben zwischen Europa und Afrika reflektiert.

Heute, 25 Jahre nach ihrer Ankunft in Wien, hat Ishraga Mustafa Hamid viel erreicht. "Ich war Anfang 30 und jetzt bin ich Mitte 50. Ich habe in diesen Jahren viel erreicht" sagt Hamid. "Ich glaube nicht an Gewinn und Verlust. Mit jedem Gewinn habe ich etwas verloren und mit jedem Verlust habe ich auch etwas gewonnen." Trotz vieler Veränderungen ist eines geblieben: Die glitzernden Schneeflocken bezaubern sie immer noch.

Gewinn und Verlust

Während eines winterlichen Spaziergangs durch die Stadt blickt die Autorin zurück auf eine wechselvolle, manchmal schwierige Zeit im Exil. Und sie besucht Menschen, die ihr wichtig sind. Die Freundin Rosemarie Zehetgruber etwa, Ernährungswissenschaftlerin und Umweltberaterin. Helmuth Niederle, Präsident des Österreichischen Pen-Clubs, Sieglinde Rosenberger, die Professorin hat ihre Doktorarbeit betreut und Adaora Ofoedu, mit ihr hat sie gemeinsam die "Schwarze Frauen Community" mitbegründet.

Buchtipps

Ishraga Mustafa Hamid: Auf dem Weg zur Befreiung? Empowerment-Prozesse Schwarzer Frauen afrikanischer Herkunft in Wien, VDM Verlag
Ishraga Mustafa Hamid: Trotzdem singe ich, Gedichte, Milena Verlag
Ishraga Mustafa Hamid: Gesichter der Donau, Lyrik & Prosa, edition pen, Löcker Verlag
Ishraga Mustafa Hamid: das weibliche der flöte, edition pen, Löcker Verlag
Ishraga Mustafa Hamid (Hrg.) Symphonie der Rub al-Chali, Gedichte aus dem Oman und den Vereinigten Arabischen Emiraten, edition pen, Löcker Verlag
Ishraga Mustafa Hamid, Mark Klenk, Anton Marku, Helga Neumayer (Hrg.): Wir, bewegende Steine, pen Austria

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