Kindersoldat

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"Opfer" von Svenja Goltermann

Die gesellschaftliche Debatte um Opfer bedeutet immer auch eine Wertedebatte und ein Ringen um Macht. Wer verdient es, als Opfer anerkannt zu werden - um womöglich eine Entschädigung zu erhalten? Kein Wunder, dass der Begriff umkämpft ist und selten sachlich, dafür aber umso häufiger als Moralkeule verwendet wird.

Um sich über Opfer rational zu verständigen, muss man wissen, was unter dem Begriff überhaupt verstanden wird. Und das hat sich im Laufe der Geschichte verändert. Beginnend mit den 1980er Jahren hat der Opferbegriff eine bemerkenswerte Karriere erlebt. Seitdem empfinden sich nicht nur immer mehr Menschen als Opfer, sondern die Verwendung des Begriffs hat sich ausgeweitet auf die unterschiedlichsten Lebensbereiche.

Mit ihrem Buch "Opfer - Die Wahrnehmung von Krieg und Gewalt in der Moderne" liefert Svenja Goltermann, Professorin für Geschichte der Neuzeit an der Universität Zürich, die Vorgeschichte zu dieser Konjunktur, indem sie der Genese des Terminus "Opfer von Krieg und Gewalt" nachzeichnet, einer Begriffsverbindung, die in früheren Jahrhunderten undenkbar war.

"Selbst verursachte Schande" im 19. Jhd.

Opfer sind unschuldig. Und passiv. Das scheint heute selbstverständlich. Dabei galten sie bis weit ins 19. Jahrhundert als schuldig. Armut etwa wurde als selbst verursachte Schande oder Strafe Gottes angesehen. Nicht nur Soldaten opferten ihr Leben aktiv der Gemeinschaft, sondern auch für Karl Marx war der Arbeiter kein Opfer, sondern er hatte der Revolution Opfer zu bringen.

Wann änderte sich diese Wahrnehmung hin zum heutigen, fast nur mehr passiv gebrauchten Begriff? Die Historikerin Svenja Goltermann arbeitet vier paradigmatische Umbrüche ab der Mitte des 19. Jahrhunderts heraus, die dieser Wahrnehmungsverschiebung den Weg bereiteten: das akribische Sammeln und Dokumentieren der Daten von gefallenen und verletzten Soldaten, kriegsvölkerrechtliche Übereinkommen zur "Zivilisierung" des Krieges, die Ausdehnung von Sozialleistungen an Kriegsteilnehmer und ihre Hinterbliebenen nach dem Ersten Weltkrieg sowie die Entstehung des Konzepts der Posttraumatischen Belastungsstörung von 1980 bis 1994.

Posttraumatischen Belastungsstörung

Wegmarken bilden dabei etwa die Kritik an dem "unnötigen" Sterben britischer Soldaten im Krimkrieg von 1853 bis 1856, der Bryce-Report von 1915, der die Gräueltaten der deutschen Armee im neutralen Belgien schilderte, oder die Konferenz des Internationalen Roten Kreuzes von 1921, wo erstmals alle Leidenden als Opfer des Krieges adressiert wurden, auch solche von Unglücken und Naturkatastrophen.

Der entscheidende Schritt zum Opfer als Chiffre illegitimer Gewalt und Begründungsfigur für Entschädigungsansprüche liegt für Goltermann in der Definition einer neuen Krankheit im Diagnostic and Statistical Manual of Mental Disorders, kurz DSM, der Amerikanischen psychiatrischen Gesellschaft.

"Gezeitenwechsel" ab 1980

Erst die offizielle Einführung der Posttraumatischen Belastungsstörung im Jahr 1980, die im Prinzip jedem Individuum zugesprochen werden konnte, dem man attestierte, ein Ereignis "außerhalb des menschlichen Erfahrungsbereichs" durchlitten zu haben, schuf die Voraussetzung, um in einem weitaus größeren Maßstab Opferzuschreibungen plausibel zu machen. Wirksam werden konnte diese Verschiebung allerdings nur, weil die Konstrukteure des DSM einen weiteren Schritt taten: Sie entfernten die Neurose aus dem offiziellen Klassifikationssystem.

Die Folgen dieser beiden Schritte kann man ohne Bedenken als einen "Gezeitenwechsel" bezeichnen. Denn sie schufen eine Situation, in der das traumatische Ereignis (…) den Betroffenen im psychiatrischen Denken nicht mehr zwangsläufig unter Verdacht stellte, unbewusst zu täuschen. In diesem Sinne leitete die Posttraumatische Belastungsstörung eine eigentlichen Konjunktur der Unschuld ein.

Viktimologie stärkt Opfer im Strafprozess

Im Verlauf der 1980er Jahre etablierte sich zudem die neue Wissenschaft der Viktimologie, die die Position von Opfern im Strafprozess stärkte. Die negativen Folgen dieser beiden Entwicklungen wurden, so Goltermann, schon damals prognostiziert: der Missbrauch der Opferrolle im Gerichtssaal und die Pathologisierung normalmenschlicher Reaktionen auf schlimme Ereignisse. Leiden scheint seitdem nur noch real und der Aufmerksamkeit sowie Hilfe wert, wenn mit es mit einem Trauma verbunden werden kann. Auch die Konjunktur der Menschenrechte seit den 1980ern zehrte vom Trauma-Konzept.

Svenja Goltermann leitet aus diesen Entwicklungen, die das Opfer zu einer "attraktiven Subjektposition" machten, hingegen keine grundsätzliche Kritik ab. Im Gegenteil. Sie verwehrt sich gegen ein neues "Opferbashing", wie etwa in Daniele Gigliolis Essay "Opferfalle" von 2015, und eine Überbetonung der Resilienz, der menschlichen Widerstandsfähigkeit.

Gegen ein neues "Opferbashing"

Jede Art von Klage über den eigenen Zustand, jedes Nicht-Aushalten von Zumutungen gilt schon als Ausdruck einer Opferhaltung, die im Resilienz-Diskurs vollständig delegitimiert wird. Das übereinstimmende Credo all dieser Stimmen lautet daher: "Verlassen Sie die Opferrolle!", und: "Machen Sie sich nicht zum Opfer!". (…)

Allerdings ist es höchst problematisch, wenn die Anforderung, auf Belastungen "resilient" zu reagieren und "nach vorne zu schauen", zum alleinigen Maßstab für ein psychisch normales und gesellschaftlich akzeptiertes Verhalten wird. Davon sind wir nicht weit entfernt, was sich daran zeigt, dass der Opferbegriff heute erneut negativ besetzt ist. (…)

Vor diesem Hintergrund ist es wichtig, daran zu erinnern, dass der Begriff des Opfers bei aller Ambivalenz auch die Möglichkeit bereithält, Kritik an Unrecht und Gewalt zu äußern. Es könnte deshalb auch in Zukunft gesellschaftlich und politisch wichtig sein zu sagen: Ich bin ein Opfer.

Auch wenn dieser Einwand zu pauschal formuliert zu sein scheint: Für einen rationalen Diskurs über Opfer ist es essenziell, beide Positionen in Balance zu halten. Dazu liefert Goltermann - die sich eigentlich nicht in die aktuelle Wertedebatte über das Opfer einmischen wollte -, mit ihrer gut recherchierten, mit zahlreiche Beispielen unterfütterten Analyse einen wertvollen Beitrag.

Service

Svenja Goltermann, "Opfer - Die Wahrnehmung von Krieg und Gewalt in der Moderne", S. Fischer, 333 S.

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