Buchcoverausschlag, Gebäude, Menschen auf dem Balkon

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"Über uns" von Eshkol Nevo

Wie man eine Sprache findet für die Differenz zwischen Ich und Welt.

Der Israelische Autor Eshkol Nevo entwickelt in seinem neuen Roman "Über uns" eine Gesprächstherapie in drei Sitzungen: Er spielt in freudianischer Tradition mit der Metapher des Hauses, sowohl als Ort der Geschlossenheit und Sicherheit, als auch des Eingesperrtseins.

Am Anfang ist die Stimme

Ein Mensch spricht und offensichtlich gibt es einen Zuhörer, ein Du. Das ist die Grundsituation, mit der der Roman beginnt. Dieser besteht aus drei Erzählungen von drei unterschiedlichen Erzählern, gerichtet an drei unterschiedliche Hörer. "Über uns" bedeutet einerseits, dass es hier um jeden von uns geht, andererseits spielt der deutsche Titel auf den des hebräischen Originals an, "Shalosh komot", was übersetzt "Drei Etagen" heißt.

Ort der Handlung ist ein gewöhnliches Mehrfamilienhaus, in dem es, sofern man nicht im obersten Stock wohnt, immer jemanden über einen gibt. Alle drei Monologe in Eshkol Nevos Buch werden von Menschen in Bedrängnis gesprochen. Sie realisieren plötzlich durch sich zuspitzende Umstände, dass ihr Leben schief gelaufen ist, dass sie nicht mehr Herr ihrer Lage und an einem Punkt sind, der sie zwingt, sich mitzuteilen.

Arnon

Im ersten Teil des Romans vertraut sich der im Erdgeschoß lebende Arnon seinem sprachlosen Bruder an, mit dem er offensichtlich seit Jahren nicht mehr geredet hat. Arnon ist verheiratet und Vater zweier Töchter. Er erzählt vom Rentnerehepaar Hermann und Ruth Wolf, die gegenüber von ihm wohnen und des Öfteren auf seine Tochter Ofri aufpassen.

Herman, der an Demenz erkrankt ist, verläuft sich eines Tages bei einem gemeinsamen Spaziergang mit Ofri. Arnon entwickelt sofort Missbrauchsfantasien. Als er die beiden schließlich am Rand einer Plantage findet, geht er den alten Mann körperlich übermäßig aggressiv an.

Er ist kaputt, Papa, hat Ofri gesagt. Er kann nicht aufstehen. Kann nicht aufstehen, so was gibt’s nicht, hab ich gesagt. Seinen Kopf auf ihrem Oberschenkel zu sehen, hat mich wahnsinnig gemacht. Also hab ich ihn an der Hand gepackt und gewaltsam hochgezogen. So ein Knacken war zu hören.

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Chani

Den zweiten Monolog im Buch gestaltet Eshkol Nevo in Briefform: Chani, eine unter Minderwertigkeitsgefühlen und emotionaler Vernachlässigung leidende Ehefrau eines international arbeitenden Immobilienberaters, schreibt an ihre alte Schulfreundin Neta, die erfolgreich in den USA lebt. Chani hat mitunter Wahnvorstellungen, und erst die erotische Öffnung gegenüber dem Bruder ihres Mannes, einem von der Polizei gesuchten, untergetauchten Spekulanten, gibt ihr wieder ein Gefühl für sich selbst.

Jeder hat offenbar seine Dosis Alleinsein, die er ertragen kann. Und ich hatte vergessen, dass ich - bei meiner Familiengeschichte - besonders aufpassen muss. Ich bin wohl zu sehr in mich selbst versunken und muss jetzt anfangen, wieder herauszuklettern. Drückst Du mir die Daumen. Die Wände der Grube sind schrecklich glitschig.

Dvorah

In der dritten Etage des Hauses wohnt die verwitwete Richterin Dvorah. Sie bespricht den Anrufbeantworter ihres verstorbenen Mannes. Gemessen im Ton, sachlich, analytisch konfrontiert sie sich mit ihrem bisherigen normativen Verhalten.

Durch Zufall gerät sie in die sozialen Proteste von 2011. Junge Menschen errichteten ein Zeltlager auf dem zentralen Rothschild Boulevard in Tel Aviv. Die pensionierte Richterin wird aufgerüttelt, ist angetan vom Engagement und dem Ernst der Jungen. Und am Ende emanzipiert sich Dvorah, beschließt mit Mitte Sechzig noch einmal ihr Leben zu verändern, sich gehen zu lassen, um sich näher zu kommen.

Freudianisches Strukturmodell der menschlichen Psyche

Alle drei Protagonisten Nevos verkörpern jeweils Prinzip und Konflikt um Ich, Es und Über-Ich. Das klingt schematischer als es letztlich ist. Denn humorvoll und fein, menschenfreundlich und klug entwickelt Eshkol Nevo vor dem Hintergrund dieser intimen Beichten zentrale Fragen nach der Verantwortung jedes einzelnen für sich selbst und andere.

Service

Eshkol Nevo, "Über uns", Roman, aus dem Hebräischen von Markus Lemke, dtv Verlag

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