Musikclub

ORF/RAINER ELSTNER

Neue Musik aus Israel

Auf diesem kleinen Stück Erde scheint sich das gesamte Weltgeschehen zu verdichten. Nichts hier ist leicht; jedes Wort, jeder Ton ist voller Bedeutung. Und trotzdem schaffen es die Musikerinnen und Musiker, die wir in diesen zehn Tagen Anfang Jänner getroffen haben, zu jonglieren, alles in Bewegung zu halten. Sie haben einen starken Eindruck hinterlassen, mit Reflexivität und Mut beeindruckt.

Frau im Gegenlicht

Tomer Damsky mit Wackelkontakt bei einem Konzert im Beit Melacha in Haifa.

ORF/RAINER ELSTNER

Welche Funktion hat neue und experimentelle Musik in einer derart spannungsgeladenen Gesellschaft, ist eine der Leitfragen, die uns auf unserer Tour de Force durch Tel Aviv, Haifa und Jerusalem wie ein roter Faden begleitet hat, nicht ohne Zweifel: Vielleicht ist es ja auch eine Zumutung, so viel über die Beziehung von Musik und Politik wissen zu wollen; alles auf die Frage nach der israelischen Identität zurückzuführen? Nein, wurde uns immer wieder versichert, denn nichts in diesem Land ist unpolitisch; jeder muss Position beziehen.

Interviewsituation

Eran Sachs, Alex Drool und Susanna Niedermayr in Plattenladen b side in Tel Aviv.

ORF/RAINER ELSTNER

Leben auf einem Vulkan

Und welche Folgen hat die gesellschaftspolitische Lage für Künstlerinnen und Künstler? "Es ist eine starke Kraft die künstlerisch inspiriert", erzählt uns die Komponistin Dganit Elyakim "Sie kann auch sehr zerstörerisch sein. Zwei Jahre lang wollte ich gar keine Kunst machen. Ich habe mich gefragt: Wozu überhaupt? Schau, was hier los ist! Man bewegt sich hier auf einem Vulkan, und das spürt man. Man denkt: Noch einmal, bevor dieser Vulkan explodiert! Schaut euch meinen Blickwinkel an, es könnte die letzte Gelegenheit sein! Ah, ich habe mehr Zeit? Sehr gut, hier kommt noch etwas! Ja, bis zu einem gewissen Grad treibt einen diese Kraft auch an!"

Enttäuschte Ideale

"Ich glaube nicht, dass ich das Recht habe, hier zu leben. Das ist mein Gefühl". Das sagt Ruben Seroussi, Leiter der Kompositionsabteilung der Akademie in Tel Aviv (der Buchmann-Mehta School of Music), Komponist und einer der bedeutendsten Musik-Pädagogen des Landes. Er sagt das am Ende einer fast einstündigen Antwort, die er uns auf die Frage gibt, was denn nun israelische Musik sei. Seroussi kam mit fünfzehn Jahren von Südamerika nach Israel, von zionistischen Vorstellungen "gehirngewaschen", wie er heute sagt. Er fuhr mit hohen Idealen los und wurde nach der Ankunft schnell enttäuscht.

RUBEN SEROUSSI

Ich glaube nicht, dass ich das Recht habe, hier zu leben. Das ist mein Gefühl.

ORF/RAINER ELSTNER

Seroussi will heute seinen Studenten Freiheit lehren. Die Freiheit, nicht wie Bauchredner andere Stile nachzuahmen. Er will sie ihre eigene Stimme finden lassen. Dass das Gespräch auch bei stilistischen Fragen so schnell auf politische Themen kommt, das war bei fast allen unseren Treffen so. Ebenso ausgeprägt war bei allen das Bewusstsein, Teil einer extrem energetischen, stilistisch vielfältigen Szene zu sein.

Historische und neue Musiksprachen

Der "Zeit-Ton"-Schwerpunkt im Rahmen der Ö1 Israel-Woche beginnt mit einem "Zeit-Ton extended" über die Anstrengungen der ersten und zweiten Generation zeitgenössischer Komponisten, eine israelische Musiksprache zu finden.

Am Montag hören Sie unsere dicht gepackte Musikreportage quer durch alle Genres. Am Dienstag und Donnerstag werden wir noch tiefer in die einzelnen Szenen der neuen und experimentellen Musik eintauchen.

Ophir Ilzetzki

ORF/RAINER ELSTNER

Ophir Ilzetzki

Schnappschuss einer Szene

Am Mittwoch wird Stefan Höfel das international erfolgreiche Ensemble Nikel porträtieren – vergangenes Jahr hat unser Kollege die Musiker am Rande ihres Auftrittes bei den Bludenzer Tagen zeitgemäßer Musik getroffen. Und am Sonntag, den 11. Februar, übergeben wir das Mikrophon an Ophir Ilzetzki, der für Halas Radio die 60 Ausgaben umfassende Sendereihe "Experimental Israel" gestaltet hat, die nun auch zur Gänze im Internet nachgehört werden kann.

"Wenn Ihre Kolleginnen und Kollegen in 100 Jahren auf ein Israel zurückblicken werden, das dann vielleicht gar nicht mehr existieren wird", so Ilzetzki, "dann möchte ich jener Generation angehören, über die sie sagen werden: Schaut, was die uns hinterlassen haben! Es muss also noch etwas Anderes gegeben haben."

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