Tomer Gardi

ARIE KISHORN

Spracherkundungen mit dem Schriftsteller Tomer Gardi

Mit seinem in gebrochenem Deutsch verfassten und vorgetragenen Text löste der israelische Autor Tomer Gardi beim Bachmannpreis im Jahr 2016 eine bemerkenswerte Debatte aus. Darf jemand, der das Deutsche nicht fehlerfrei beherrscht, überhaupt an einem solchen Wettbewerb teilnehmen? Wie viel Migrantensprache ist der schönen, deutschen Literatur zumutbar? Wo sind die Grenzen einer literarischen Integration? Eine literaturästhetische Frage wurde zum Politikum.

Gardi, geboren in einem Kibbuz in Galiläa, lebte als Kind mehrere Jahre in Wien und studierte einige Zeit in Berlin. Er veröffentlichte Texte auf Hebräisch, bevor er sich entschloss, eine Geschichte in einer Sprache zu schreiben, die er nie korrekt gelernt, sondern bloß aufgeschnappt hatte: auf der Straße, in Lokalen und am Sportplatz.

Gardi beherrscht die Sprache nicht, er lässt ihr freien Lauf

Spielerisch setzt er sich über Rechtschreibnormen hinweg und erfindet einfach neue Vokabel, dort wo sie ihm fehlen. Das Resultat ist nicht nur umwerfend komisch, sondern liest sich auch überraschend flüssig. In seinem Großstadtroman "Broken German" belebt und zerlegt er die deutsche Grammatik gleichermaßen und nimmt ihr die oftmals innewohnende Sperrigkeit.

Realismus schreiben nur Menschen mit einem festen Wohnsitz und einer Aufenthaltserlaubnis

Tomer Gardi entwirft ein Plädoyer für die Sprachenvielfalt innerhalb einer Sprache. Während der Text die Bachmann-Jury entzweite, war sich die Kritik einig: Vom „genau richtigen Buch im richtigen Moment“ ist die Rede, von einer erfrischenden Antwort auf die „German Kulturangst“ vor der Überfremdung. Die Hörspieladaption des Romans gewann 2017 den Deutschen Hörspielpreis. Im Schauspielhaus Graz wurde der Text für die Bühne bearbeitet.

Warum sich gerade das Deutsche so schwertut mit Regelübertretungen und Einflüssen von außen, dafür hat Tomer Gardi zwar keine eindeutige Erklärung, aber zumindest Vermutungen. Zum einen sei das Deutsche viel stärker als andere eine Bildungssprache, zum anderen habe es auch eine wichtige Rolle bei der Nationenbildung gespielt, meint er.

Mit Fragestellungen wie diesen setzen sich auch die Figuren in seinem Roman auseinander: „Was ist eine Author ohne Authorität? Und was ist ein Author ohne sein Sprachherrschaft? Und was ist ein Herr ohne sein Herrschaft? Und was ist ein Herrschaft ohne Untergeordnet?“ Durch seinen scheinbar naiven Zugang deckt Gardi erstaunliche Eigenheiten des Deutschen auf, wie etwa jene der zahlreichen Passivkonstruktionen, die Taten ohne Täter möglich machen.

Doch Gardi entrümpelt nicht nur die deutsche Sprache, er verarbeitet auch gewitzt deutsch-jüdische Geschichte.

Wenn ein Jude ins Jüdische Museum rein geht, ist er dann Teil des Ausstellungs?

So lautet eine zentrale Frage des Romans, mit der er seine Figur auf eine Erkundungsreise schickt. Auf Spurensuche begab sich Tomer Gardi schon in seinem ersten Buch: Sein literarischer Essay "Stein, Papier: Eine Spurensuche in Galiläa" erschien 2011 auf Hebräisch und sorgte in Israel für großes Aufsehen. Gardi recherchierte dafür die Geschichte des Kibbuz Dan, in dem er aufgewachsen ist. Eine Geschichte, die zunächst niemand wahrhaben wollte, und von der man nur Gerüchte vernahm: Das Naturmuseum des Ortes im Norden Israels wurde aus den Steinen eines zerstörten palästinensischen Dorfes erbaut. Gardi war auch Herausgeber der Zeitschrift "Sedek", die die Erinnerung an die Vertreibung der Palästinenser im öffentlichen Diskurs verankern will.

Service

  • Tomer Gardi, "Broken German", Droschl Verlag
  • Tomer Gardi, "Stein, Papier. Eine Spurensuche in Galiäa", Rotpunkt Verlag
  • Schauspielhaus Graz - Broken German

Gestaltung

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