Notizbuch von Arthur Rimbaud

AFP/FRED TANNEAU

"Korrespondenz" von Arthur Rimbaud

Die Bände enthalten neben den Briefen des Dichters auch alle seine literarischen Texte, und zeigen, wie man aus einem Menschen, der sich der Gesellschaft verweigerte, einen Mythos macht.

"Ich habe mich gegen die Gerechtigkeit gewappnet." Dieser Satz stammt aus dem aus Lyrik und poetischer Prosa bestehenden Band "Une saison en Enfer" / "Eine Zeit in der Hölle", den Arthur Rimbaud 1873, im Alter von 19 Jahren, verfasste. Auf Französisch lautet dieser Satz: "Je me suis armé contre la justice." Was auch heißen kann: "Ich habe mich gegen die Rechtsprechung, gegen die Gerichtsbarkeit bewaffnet."

Rimbaud hat im zarten Alter von 17 bis 21 Jahren seine Familie zur Verzweiflung gebracht, die Pariser Boheme-Kreise vor den Kopf gestoßen, die Polizei und die Justiz in fast ganz Westeuropa auf Trab gehalten, dass man nur so staunen kann.

Ein Punk aus dem 19. Jahrhundert

Mit seinen androgynen Gesichtszügen, seinem wirren Kopfhaar, das er sich manchmal rot oder grün färben ließ, nahm Rimbaud das Affront-Potential eines Mick Jagger oder des "Sex Pistols"-Leadsängers Johnny Rotten um rund ein Jahrhundert vorweg. 1871 gelang es Rimbaud über die Vermittlung des zehn Jahre älteren Dichters Paul Verlaine, in der Pariser Literatenszene Fuß zu fassen.

Obwohl sein großes Talent überall Erstaunen erzielte, verscherzte er es sich durch sein ungehobeltes Benehmen mit fast allen Dichtern. Nur Verlaine hielt zu Rimbaud, beide gingen ein Liebesverhältnis ein, turtelten offen miteinander - damals selbst in Boheme-Kreisen ein Affront.

Was bei Arthur Rimbaud auffällt, ist einerseits der von Anfang an unbeirrbare Glauben an seinen eigenen literarischen Genius und andererseits der Hass auf alle überkommene bürgerliche Lebenshaltung - beides gemeinsam brachte ihn so oft in Konflikt mit den Behörden und der Justiz, machte ihn zu einem "poète maudit", zu einem "verfemten Dichter".

Visionär

1854 in der Ardennen-Stadt Charleville geboren, bemerkten seine Gymnasiallehrer alsbald die große literarische Begabung ihres Schülers. Doch der 16-jährige Rimbaud zeigte sich nicht demütig gegenüber seinen ersten Förderern, sondern verwunderte sie - und überforderte sich gleichzeitig - mit poetologisch exakten Aussagen. Man nennt dies die "Seher"-Briefe Rimbauds, in denen er das intuitiv-seherische Moment des Dichters als Gabe und als strategische Waffe gegenüber der Gesellschaft postuliert.

Es klingt absurd, unfassbar, es ist letztlich unbegreiflich: Um 1875 hatte der nun 20-jährige Rimbaud mit der Dichtung abgeschlossen. Niemand ahnte zu diesem Zeitpunkt, dass der Dichter des Sonetts "Vokale", in dem er die stringente Verbindung von Buchstaben, Tönen und Farben erörtert, und des Langgedichts "Le bateau ivre" / "Das trunkene Schiff", das kein Geringerer als Paul Celan übersetzte, für viele zukünftige Autoren zum Helden avancieren sollte.

Reisen statt Dichten


Rimbaud reiste in Europa umher, lernte Englisch, Italienisch, Deutsch, im April 1876 gelangte er nach Wien, wo er bestohlen und des Landes verwiesen wurde.

1880 gelingt es dem nun mehr 26-jährigen nach Anfangsschwierigkeiten über Alexandria nach Aden zu gelangen. Aden, heute eine Stadt im Jemen, und Harar, eine Stadt im Osten Äthiopiens gelegen, werden für die nächsten zehn Jahre Hauptaufenthaltsorte und Wirkungsstätte Rimbauds sein.

Er arbeitet zunächst als Angestellter für französische Handelsgesellschaften, später handelt er mit Kaffee, Elfenbein, Edelsteinen und anderen Gütern - zeitweise verkauft er auch Waffen an rivalisierende Stammesfürsten. 1891 erhält er die Diagnose wegen Schmerzen im rechten Knie: Er leidet an einem bösartigen Tumor und stirbt daran, im Alter von 37 Jahren. In Paris nimmt man keine Notiz von seinem Ableben - ein Mythos stirbt nicht.

Service

Arthur Rimbaud, "Korrespondenz", aus dem Französischen von Tim Trzaskalik, Matthes & Seitz Verlag

Gestaltung

  • Andreas Puff-Trojan

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