Clemens Setz

APA/HERBERT NEUBAUER

Clemens Setz: "Bot. Gespräch ohne Autor"

Man kennt Clemens Setz als virtuosen Sprachkünstler, der das Bizarre liebt, das Skurrile und Rätselhafte. In seinem neuen Buch gibt er in Form eines Gesprächs Einblick in seine literarische Arbeit, oder besser gesagt: ein Bot, ein Computerprogramm, das Aufgaben automatisiert ausführt, steht hier Rede und Antwort. "Bot. Gespräch ohne Autor" heißt der Band, herausgegeben von der Salzburger Lektorin Angelika Klammer.

Morgenjournal | 08 02 2018

Kristina Pfoser

Setz war 26, als er mit seinem 700-Seiten-Roman "Die Frequenzen" anno 2009 für den Deutschen Buchpreis nominiert war und als "Wunderkind der österreichischen Literatur" gefeiert wurde. Es folgte der Preis der Leipziger Buchmesse und viel beachtete Romane wie "Indigo" und zuletzt "Die Stunde zwischen Frau und Gitarre" mit über 1.000 Seiten.

Was die Lektorin und Clemens Setz zusammengeführt hat und welche Rolle Computerprogramme hier tatsächlich spielen, das erfahren Sie unter anderem in dem folgenden Gespräch.

Kulturjournal | Interview

Eindimensional und statisch und langweilig?

Am Anfang war ein Scheitern. Der Suhrkamp-Verlag wollte einen Gesprächsband mit Clemens Setz publizieren, der Autor im Gespräch mit der Salzburger Lektorin Angelika Klammer. "Aber meine Antworten waren so leblos", meint der Befragte, "mein Leben ist recht eindimensional und statisch und langweilig von außen betrachtet, d.h. ich kann wenig erzählen."

Und so kommen die Antworten auf Angelika Klammers Fragen jetzt aus dem Tagebuch von Clemens Setz, einer "elendslangen Worddatei, die so etwas wie eine ausgelagerte Seele bildet, eine Art Clemens-Setz-Bot", wie der Autor selbst es nennt. Und das ist alles andere als eindimensional und langweilig.

Buchcover

SUHRKAMP VERLAG

Der Clemens-Setz-Bot

Clemens Setz erklärt das Verfahren so: "Das ist inspiriert von einem Roboter, der einmal gebaut wurde, eine sehr realistisch aussehende Kopie des damals schon länger verstorbenen Science-Fiction-Autors Philip K. Dick, und dieser Roboter hatte Zugang zu allen Schriften von Philip K. Dick. In den tausenden Seiten, die er hinterlassen hat, konnte auf Fragen, aus denen Reizwörter isoliert wurden, irgendwo eine Antwort gefunden werden. Das ist überhaupt keine ausgefeilte, komplexe Künstliche-Intelligenz-Software, es ist simples Suchen und Zitieren. Und genau dasselbe hab ich auch gemacht."

"Halspastillen werden zu Kontaktlinsen"

Ungewöhnlich ist schon die Einstiegsfrage und zwar: "In einer neuen Stadt gehen Sie am liebsten gleich in eine Apotheke. Warum? " Darauf antwortet der Clemens-Setz-Bot: "Freitagnachmittag in Wien. In der Apotheke überlege ich, den etwas losen Ärmelknopf meines Mantels abzureißen und der Verkäuferin vor mir in den Ausschnitt zu werfen, wie eine Münze in einen Automaten, vielleicht wäre es die richtige Zauberhandlung gegen meine Halsschmerzen. Ich bin unterwegs zum Bahnhof, und die Luft hat schon Schnee. Überhaupt sollte man mehr mit Knöpfen um sich werfen. Früher trugen die Männer zu diesem Zweck Orden an der Brust. Ein einzelnes Zeitungsblatt treibt auf der Straße, mal aufgeregt anbrandend gegen Hausmauern, mal geduckt undulierend wie ein Rochen. - Halspastillen werden zu Kontaktlinsen, wenn man sie lange im Mund hat."
Nicht wirklich eine Antwort auf die Frage.

Fragen und Antworten

"Aber sie sagt eigentlich viel mehr über mich", erklärt Clemens Setz. "Ich hätte die Frage einfach normal ganz gerade heraus beantwortet, nämlich: ich weiß nicht genau, warum ich gern in Apotheken gehe, vermutlich fühle ich mich immer leicht krank und habe kein Vertrauen zu meiner Gesundheit. Das ist nicht so spannend. Wahrheitsgemäß antworten ist oft so langweilig."

Über weite Strecken ist das mehr ein Fragebogen als ein Gespräch, d.h. die Fragestellerin reagiert nicht unbedingt auf die Antworten, sondern fragt nach Motiven und Hintergründen und konfrontiert den Autor mit Zitaten aus seinem Werk. Der antwortet mit Reiseaufzeichnungen und Gedichten, Fundstücken aus dem Internet und Nachrufen auf Tiere.


Eine bizarre, rätselhafte und faszinierende Reise

Da erfährt man etwa, dass Meisen Handgranatenschatten werfen, dass der Amerikaner Geoff Smith einen Weltrekord im Lebendig-begraben-Sein aufgestellt hat und dass Stiefmütterchen aussehen wie Günter Grass (das wird übrigens mit einem Foto belegt). Und nicht zuletzt verrät Clemens Setz, was ihn auf Ideen bringt, nämlich: "Nonnen in der Straßenbahn: durchgespielte Levels. Innen bestehen sie zweifellos aus Hirse. Aus rüstiger Hirse."

"Bot" - das ist eine ziemlich bizarre, manchmal rätselhafte, auf jeden Fall aber eine faszinierende Reise durch die Welt des Clemens Setz, und einmal mehr weiß er mit der poetischen Kraft seiner schrägen Bilder, einer tieftraurigen, und zugleich gewitzten Prosa zu überzeugen.

Service

Clemens Setz, "Bot. Gespräch ohne Autor", herausgegeben von Angelika Klammer, Suhrkamp

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