Plakatsujet, Ohr

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"Alles Geld der Welt" von Ridley Scott

Im Juli 1973 wurde John Paul Getty III., der Enkel des Öl-Magnaten Jean Paul Getty, in Rom von der Mafia entführt. Ein Fall, der vor allem für Aufsehen sorgte, weil sich der Milliardär vorerst weigerte, das Lösegeld von 17 Millionen Dollar zu bezahlen. Nun hat der US-amerikanische Regisseur Ridley Scott diesen spektakulären Entführungsfall im Film "Alles Geld der Welt" aufgerollt.

Ursprünglich hatte Kevin Spacey die Rolle des greisen Öl-Milliardärs gespielt, doch nach den Vorwürfen sexueller Belästigung gegen Spacey hat Ridley Scott den bereits fertigen Film nochmals umbesetzt und die herausgeschnittenen Szenen mit Christopher Plummer nachgedreht.

Christopher Plummer

Christopher Plummer als J. Paul Getty

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Morgenjournal | 13 02 2018

Arnold Schnötzinger

Viele Kidnapper wollen den Teenager John Paul Getty III. (Charlie Plummer) entführt haben. Jedenfalls treffen Dutzende Briefe mit Lösegeldforderungen bei der Familie ein; Glücksritter aus der ganzen Welt sind hinter dem Geld der Gettys her. Ölmagnat J. Paul Getty (Christopher Plummer) ist das gewöhnt. Seinen nun entführten Enkel ließ er einst Bettelbriefe beantworten. Negativ freilich.

An die Bezahlung von Lösegeld denkt der reichste Mann der Welt vorerst nicht. Hier hakt natürlich reflexhaft die Empörung ein. Doch, so meint Regisseur Ridley Scott, "hat Getty mit seiner unverzüglichen Weigerung zu zahlen bereits die folgenden Verhandlungen mit der Mafia aufgenommen".

Charlie Plummer (John Paul Getty III)

Charlie Plummer als John Paul Getty III.

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Entführung selbst inszeniert?

Nicht dass Geiz dem Milliardär fremd gewesen wäre, doch für Ridley Scott wird er vor allem zum strategischen Feld, auf dem er seinen ganzen Film ausbreiteten kann: als spannungsgetriebenes Kriminalstück mit Spekulationen über eine etwa selbst inszenierte Entführung, als Parabel über Glück und noch mehr Unglück des Reichtums und vor allem als Charakterporträt. Der Film zeigt den alten Getty als Mann mit dem Hang zu zynischen Bonmots, der selbst seinen eigenen Unterhändler (Mark Wahlberg) in die Irre führt.

Michelle Williams (Gail Harris) und Mark Wahlberg (Fletcher Chace)

Michelle Williams (Gail Harris) und Mark Wahlberg (Fletcher Chace)

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Ohr abgeschnitten

Ridley Scott inszeniert ein familieninternes Duell im Kampf ums Geld, zwischen realer Lebensgefahr - immerhin wurde dem Entführten ein Ohr abgeschnitten - und der steten Lust am Machtspiel. Gettys hartnäckigste Gegnerin ist die Verzweiflung der Schwiegertochter (Michelle Williams) inklusive öffentlicher Appelle an die Entführer.

Misstrauen und Einsamkeit

Regisseur Ridley Scott gelingt zwischen Fakt und Fiktion ein differenziertes Charakterbild, verweigert dem Kinozuseher die Schublade für moralische Eindeutigkeit, betont zugleich die fürchterliche Tragik, die der Reichtum mit sich bringt. Nie zu wissen, ob und warum man wirklich oder überhaupt geschätzt und geliebt wird. Derartiges Misstrauen mündet unweigerlich in Einsamkeit. In den riesengroßen Räumen seines englischen Schlosses wirkt der Milliardär denn auch ziemlich klein. Da hilft auch "Alles Geld der Welt" nichts.

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