CD-Cover "rétrospective"

ORF

Rétrospective - Heiller, Sauseng, Maierl

Die Wiener Chorvereinigungen coro siamo und Chorus viennensis nahmen den 60. Geburtstag des Komponisten Wolfgang Sauseng zum Anlass, den Musikstücken Sausengs Kompositionen seines Lehrers Anton Heiller - einer der bedeutendsten österreichischen Kirchenmusiker der Nachkriegszeit - und seines Schülers Florian Maierl gegenüberzustellen.

Entstanden ist so ein Porträt mehrerer Generationen österreichischer Chormusikschaffender, an dem Progression und Kontinuität im Bereich der Vokalkomposition gleichermaßen abzulesen sind. Mit dem Coro siamo, dem Chorus Viennensis und Cornelius Obonya.

Trackliste


Anton Heiller
1 Nörgeln
2 Memorare
3 Das Schloß in Österreich
4 Heidi pupeidi
5 Nicht Knechte, sondern meine Freunde nenne ich euch



Wolfgang Sauseng
6 Altindisches Gebet
7 Psalm 131
8 An Wasserflüssen Babylon
9 Wo wohnt die Seele?
10 Mondgott
11 rétrospective
12 De Visione Duodecima

Florian Maierl
13 Kyrie
14 Credo
15 Sanctus
16 Agnus Dei
17 Nachtlied

Die Kompositionen


Anton Heillers Vokalstil
Von Peter Planyavsky

Die beiden geistlichen Chöre sind typisch für Anton Heillers Vokalstil. In der Motette "Memorare" (1956) nähert sich die Harmonik immer wieder der Zwölftönigkeit, ohne dass diese Kompositionstechnik konsequent angewendet wird. Die ebenfalls nahezu zwölftönige Melodie entwickelt sich bruchlos aus einer quasi-gregorianischen Linie. "Nicht Knechte, sondern meine Freunde nenne ich euch" entstand im November 1974. Auch hier wird zu Beginn der Zwölftonraum ausgereizt, aber später überwiegt wieder die freundlich-farbige Harmonik.

Viele Komponisten - und gerade auch Heiller - haben sich zu Eigen gemacht, dass Gregorianik der "eigentliche Stil" der katholischen Kirche ist; mit der erwähnten leuchtenden Harmonik und der Ausweitung in die Nähe der Zwölftönigkeit bekommt das Stilelement aus dem Mittelalter doch ein "modernes" Kleid übergezogen. Heiller widmete die Motette "Rupert Gottfried Frieberger zu Priesterweihe und Primiz"; er hatte bei Heiller das Fach Kirchliche Komposition besucht und war Jahrzehnte lang Chorherr und Musikalischer Leiter im Kloster Schlägl (Oberösterreich).

"Vier österreichische Volksliedsätze" sind ein Kompositionsauftrag des Sängerbundes Nordwestdeutschland. "Heidi pupeidi" entspricht in Harmonik und Gestus dem, was man sich unter dem Titel des Sets vorstellt. "Das Schloß in Österreich" hingegen ist ein sehr komplexes schwieriges Stück, mit dem vielleicht eher die Dunkelheit der Geschichte beschworen werden soll. Auffällig ist, dass in beiden Sätzen Orgelpunkte vorherrschen, d.h. in der untersten Stimme wird derselbe Ton oft wiederholt oder ausgehalten. Die beiden geistlichen Volksliedsätze des Zyklus (2. Weil der Tag nun fanget an • 4. Weihnachtslied) wurden vom Chorus Viennensis bereits 1992 eingesungen.

"Nörgeln" ist eine der beiden humoristisch angehauchten Chorkompositionen Heillers. Trotz der heiteren leichten Grundhaltung besteht das Stück aus einer ununterbrochenen Abfolge von Kanons, die vorwiegend in parallelen Quarten ablaufen. Neben der beschriebenen kräftigen Harmonik hat Anton Heiller immer in Linien und Kontrapunkten gedacht - ein Erbe seiner Vorbilder Franz Schmidt und Johann Nepomuk David.

Wolfgang Sauseng über seinen Zugang zu Chormusik

Beim Komponieren von Chormusik sehe ich den Weg "eng entlang am Text" als meine vornehmste Aufgabe. Sorgfältigste Textwahl ist für mich der erste entscheidende Schritt zum Gelingen einer Chorkomposition. Dabei bin ich wiederholt auf "große Texte" und auf "außerordentliche" Texte gestoßen. Erstere manifestieren sich im Inhalt, der die Seele des Lesenden anrührt und in hochsensibler Sprache; außerordentliche Texte – da sei vor allem das Werk Ingeborg Bachmanns genannt - bewegen sich darüber hinaus in mehrdeutig schillernden Zwischenwelten.

Es ist mir ein wichtiges Anliegen, einen liebgewonnenen Text ohne "Beiwerk" in Musik umzusetzen: Der Text selbst schon ist Musik - sehnsüchtig, zum klingenden Leben erweckt zu werden. Für jene Zwischenwelten bleibt oft jedoch noch Raum, subjektive musikalische Aussagen zu treffen; aber darf Mehrdeutiges überhaupt eindeutig werden? Und so kann es sein, dass das équilibre in meinen Stücken mit solch sensiblen Textwelten bewusst offen und dem subjektiven Eindruck des Zuhörers überlassen bleibt.

"Altindisches Gebet" und der ein Jahr später geschaffene "Psalm 131" tragen als Textgrundlage über Jahrhunderte überlieferte Weisheit. Die Sehnsucht nach Loslösung von Allem und Reduktion auf sich selbst, die in den Gedanken des indischen Weisen anklingt, äußert sich in anderen Worten im Text des alttestamentarischen Psalmisten. Die musikalische Umsetzung will in beiden Kompositionen nicht mehr ausdrücken, als die immer aktueller werdende Forderung, „stiller und ruhiger“ zu werden.

Der Text der Männerchormotette "An Wasserflüssen Babylon", der - nicht zuletzt durch das antiquiert anmutende Deutsch - eine sonderbare Kraft in sich trägt und von den Leiden des jüdischen Volkes während des babylonischen Exils erzählt, war Ausgangspunkt zu einer expressiven Komposition, die die alte Struktur des "Tenorliedes" aufgreift, den Cantus firmus jedoch einer Technik unterwirft, die durch Alteration "besondere" Intervalle - im Speziellen die übermäßige Sekunde - bildet und damit zu einer Sprache findet, die sich adäquat zu Inhalt, geschichtlichem Hintergrund und emotionaler Aussage verhält.

Die oben angesprochenen "Zwischenwelten" finden sich in den Texten von Erich Rentrow. Für ein Projekt des Arnold Schoenberg Chores entstanden die beiden Chöre "Mondgott" und "Wo wohnt die Seele". In großartiger Sprache sinniert der Dichter über Ekstase und Erlösung, über Kommen und Gehen und über die großen Fragen des Lebens. Die Dynamik des Textes hat der Musik zu einer Palette von Farben verholfen - vom Dunkelviolett bis hin zum gleißenden Weißgelb.

"Rétrospective" ist dem "Totentanz" für Solisten, Chor und Instrumente entnommen. Wolfgang Hermann verzaubert in seinem Libretto mit Zwischenwelten, die in der Programmeinführung wie folgt beschrieben sind: "(…) dieser Text hat in seiner ständigen Ambivalenz zwischen hier und dort, zwischen Sinnlichkeit und Starre, zwischen Grauen und leichtem Augenzwinkern dem Komponisten ganz besondere Möglichkeiten eröffnet: Nicht nur die Figuren, auch das Material selbst wird zum ‚Zugleich aller Dinge‘ und so dürfen sich neben eigener Architektur und Sprache auch manche Formen und Zitate aus vergangener Kunst diesseits und jenseits der ‚dünnen, trennenden Haut‘ einfinden. "Rétrospective" ist von nostalgischen Rückblicken einer der Hauptfiguren - des "Bonvivant" - umrahmt und trägt eine Stilistik, die dem Übergang von der Spätromantik zur Frühen Moderne entspricht.

"De Visione Duodecima" erzählt von der Endzeitvision der großen mittelalterlichen Mystikerin Hildegard von Bingen, in welcher die Himmelskörper auf ihren Bahnen unbeweglich stehen bleiben und im ewigen Tag leuchten. Entscheidende Impulse zur musikalischen Umsetzung des Textes lieferten die Berechnungen des Himmels in Bezug zu den Intervallproportionen durch den Astronomen Johannes Kepler. Meine Gedanken aus dem Nachwort zur Partitur: "Intervalle tönen auf Planetenbahnen ... Klänge aus Primzahlen treten hinzu. Die Proportionen der Intervalle verändern sich ... auf ihren Bahnen beginnen Körper zu schlingern ... die Sterne stehen still. Alles beginnt in rotgoldenem Glanz zu schimmern, wie kostbarer Schmuck ... Et finitum est."

Florian Maierl über seine Stücke

Die Messe für fünfstimmigen gemischten Chor vom Typ Adventus et Quadragesima, gedacht also für Fastenzeit und Advent (und deshalb ohne Gloria) wurde 2014 im Wiener Stephansdom uraufgeführt. Kanons, Fugen und strenge Imitation im Sinne der klassischen Vokalpolyphonie bestimmen die Form der einzelnen Ordinariumssätze. Gebetsmühlenartig entfaltet sich ein Spiralkanon am Beginn des Kyrie; von der Menschwerdung Gottes kündet im Credo ein Spiegelkanon; der dreifach Heilige Gott wird im Sanctus mit einem 20-stimmigen Kanon für fünf vierstimmige Chöre angerufen; und schließlich im Agnus Die wird die dreifache Anrufung des Lammes in Gestalt eines großangelegten Proportionskanons wiedergegeben.

Die Patronanz verschiedener bekannter Chorwerke großer Meister ist bei "Nachtlied" unverkennbar. Anlass für die Komposition war das gemeinsame Konzert des coro siamo und des Chorus Viennensis 2015 in der Wiener Votivkirche. Inspiriert von Anton Bruckners Motette "Os justi" kommt dieses Stück (fast) nur mit den weißen Tasten des Klaviers aus. Die beiden unterschiedlichen Klangkörper werden quasi orchestriert und ergeben so ein kontrastreiches, symphonisch anmutendes Klangbild.

Coro Siamo

Quintus Moucka

Coro siamo

Der coro siamo ist ein gemischter Chor aus Wien, den der Chorleiter und Komponist Florian Maierl 2006 gegründet hat und seither leitet. Rund 40 einzelne Stimmen haben ein gemeinsames Ziel: Chormusik höchster Qualität zu schaffen. Das Ensemble widmet sich verstärkt anspruchsvoller A-cappella-Literatur der Gegenwart und Moderne, etwa von Arvo Pärt, György Ligeti, Einojuhani Rautavaara, Anton Heiller und Wolfgang Sauseng. Auch das klassische Chorrepertoire wird gepflegt; dazu gehört Gregorio Allegris "Miserere Mei" ebenso wie Motetten von Johann Sebastian Bach und Anton Bruckner sowie zahlreiche Messen der Wiener Klassik.

2012 erzielte der coro siamo den zweiten Platz beim Chorwettbewerb "Austria Cantat" in Salzburg. 2013 wurde er beim Anton-Bruckner-Chorwettbewerb in Linz als bester gemischter Chor ausgezeichnet. Ein Jahr danach ging er als Sieger der nationalen Wahl "Österreich singt" im Salzburger Mozarteum hervor und durfte Österreich bei der Eröffnung der Wiener Festwochen am Rathausplatz vertreten.

Chorus Viennensis

LUKAS BECK

Chorus Viennensis

Seit seiner Gründung 1952 widmet sich der Chorus Viennensis anspruchsvoller Literatur aller Epochen und Stile für Männerchor, wobei ein besonderer Schwerpunkt auf der Königsdisziplin A-cappella-Gesang liegt. Alle Mitglieder sind ehemalige Wiener Sängerknaben.

Neben bekannten Klassikern der Chorliteratur präsentieren die Sänger gerne Raritäten. Zudem stehen regelmäßig Uraufführungen auf dem Programm. Komponisten wie Heinz Kratochwil, Herwig Reiter oder Wolfram Wagner haben dem Chor eigens Stücke gewidmet. Zahlreiche Tonaufnahmen dokumentieren die Arbeit des Chors. Jene unter Hans Gillesberger und Nikolaus Harnoncourt in den 1960er, 1970er und 1980er Jahren setzten neue Maßstäbe in der Interpretation Bach’scher Musik.

Cornelius Obonya

Ruth Kappus

Cornelius Obonya

Cornelius Obonya stammt aus einer Schauspielerfamilie. Elisabeth Orth-Obonya und Hanns Obonya sind seine Eltern, die Großeltern mütterlicherseits waren Paula Wessely und Attila Hörbiger. Mit 17 ging Obonya ans Max-Reinhardt-Seminar, um Schauspiel zu studieren, verließ das Institut aber nach einem Jahr und lernte beim Kabarettisten Gerhard Bronner. Die Arbeit mit Bronner war für Obonya ebenso prägend wie die Begegnung mit Emmy Werner, die ihn 1989 ans Wiener Volkstheater engagierte.

Große Erfolge feierte er in der Saison 2010/11 mit dem Soloprogramm "Cordoba - das Rückspiel" am Rabenhof Theater in Wien. Dafür erhielt er den "Salzburger Stier 2010" und eine Nominierung für den "Spezialpreis des Nestroy-Preises 2010". Im gleichen Jahr wurde er von Ö1 zum "Schauspieler des Jahres" gekürt. 2012 begann seine Zusammenarbeit mit dem Stadttheater Walfischgasse. 2013 bis 2016 war Obonya als Jedermann bei den Salzburger Festspielen zu erleben. Darüber hinaus wirkte er in Kinofilmen und in zahlreichen TV-Produktionen (u.a. "Tatort", "CopStories", "Die Hebamme") mit.

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