David Schalko

APA/HELMUT FOHRINGER

David Schalko in der Unterwelt

David Schalko steckt gerade mitten in der Arbeit an seiner neuen TV-Serie "M", gleichzeitig erscheint sein neuer Roman "Schwere Knochen" über einen Wiener Verbrecherkönig.

Morgenjournal | 11 04 2018

Wolfgang Popp

Kulturjournal | Interview

Der Ganove und sein Vorbild

Mit seinen zwei Metern, dem großen Kopf und der schwarzen Hornbrille war Ferdinand Krutzler keine Schönheit. Aber eine Erscheinung, die man sich merkte und die in der Nachkriegszeit zu einem der Unterweltbosse von Wien aufsteigen sollte. Der Notwehr-Krutzler, so sein Spitzname, ist der Protagonist in David Schalkos neuem Roman "Schwere Knochen". Ein Protagonist mit Vorbild in der Wirklichkeit?

David Schalko: "Es gab einen Notwehr-Krista, ich erzähle aber nicht eins zu eins seine Geschichte, sondern entnehme seiner Biografie nur verschiedene Elemente. So hatte der echte Notwehr-Krista eine ähnliche Statur, wurde auch mehrmals in Notwehr-Delikten freigesprochen, und auch die Bandenkriege in der Nachkriegszeit entsprechen der Realität. Aber wie es in der Unterwelt halt so üblich ist: Wenn die Unterwelt von sich erzählt, dann gibt es zwischen Fiktion und Wahrheit keinen großen Unterschied."

KZ-Alltag fern von Klischees

Der Tag, der alles im Leben des Ferdinand Krutzler veränderte, war der 15. März 1938. Damals jubelten am Heldenplatz 250.000 Menschen Hitler zu und Krutzler und seine Kumpane nutzten die leergefegten Straßen für einen Einbruch. Die Gaunerclique wurde jedoch gefasst und Krutzler ins Konzentrationslager Mauthausen gebracht, wo er sich als Kapo mit den Nazis arrangierte.

Gerade wegen der vermeintlich flapsigen Sprache gelingt David Schalko da eine unter die Haut gehende Schilderung des KZ-Alltags, bei der kein Tabu unberührt bleibt. David Schalko: "Es wird ja nicht gerne thematisiert, dass dort fast so etwas wie eine Wolfsgesellschaft herrschte, in der für jedes Stück Brot getötet wurde, logischerweise, weil jeder sich selbst der nächste ist. Und es handelte sich auch nicht um eine solidarisierte Gesellschaft der Opfer gegen die Nazis. Stattdessen waren die untereinander völlig zerstritten, nicht zuletzt, weil auch der Nationalismus eine große Rolle spielte: Die Russen haben da etwa die Franzosen gehasst und die deutschen Juden die Ostjuden."

Harte Fakten, hart serviert

David Schalko hat für seinen Roman "Schwere Knochen" schwere Recherchearbeit geleistet, sich nicht nur durch die Fachliteratur gegraben, sondern auch Experten getroffen: Angehörige des Mauthausen-Komitees etwa, einen Polizeihistoriker und Leute aus der Unterwelt. Der Wissensballast hat das Buch aber nicht schwer, sondern bunt gemacht, denn Schalko lädt die Fakten nicht ab vor dem Leser, sondern baut damit seine authentischen Schauplätze.

Und dann sorgt da noch eine der ungewöhnlichsten Erzählstimmen seit langer Zeit dafür, dass man als Leser nicht über dem Geschehen kreist, sondern sich mitten drin befindet. David Schalko: "Für die Erzählstimme habe ich mir jemanden vorgestellt, der in den 70er Jahren beim Brandweiner sitzt und einem anderen die Geschichte erzählt; natürlich etwas eloquenter als in der Realität. Und diese Sprache ist ein brutalisierender Plauderton, der versucht, die Ironie und den Schmäh der Unterwelt ins Literarische zu übersetzen."

Es war einmal eine Grenze, die verlief zwischen anspruchsvoller Literatur und packender Unterhaltung. Und dann kam David Schalko und schrieb diese Grenze einfach weg. Wie, das lässt sich im morgen erscheinenden Roman "Schwere Knochen" nachlesen.

Service

David Schalko, "Schwere Knochen", Roman, Kiwi
Am 7. Mai wird das Buch im Wiener Akademietheater präsentiert.

Gestaltung

  • Wolfgang Popp

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