Qualmender Koffer

KLAUS PICHLER, FLORIAN JUNGWIRTH

30 Koffer, 30 Leben, 30 Werke - Geschichten über Obdachlosigkeit

In 30 Jahren bleibt in einer Notschlafstelle für Obdachlose einiges liegen. Dinge, die Geschichten erzählen. Dinge, deren Geschichten erzählt werden wollen. Anlässlich 30 Jahre VinziRast gestaltet Ö1 die "Koffergeschichten". Koffer aus der Notschlafstelle werden zur Inspiration für österreichische Autoren und Autorinnen. Ein Ö1 Schwerpunkt im April.

Ich sah die Notschlafstelle der VinziRast in der Wilhelmstraße 10 zum ersten Mal an einem Sommernachmittag – unbewohnt. Cecily Corti zeigte mir ihr Werk, die Idee, für die sie nun schon seit 15 Jahren brennt. Ein Ort, an dem man sich für zwei Euro pro Nacht ein Bett leisten kann. Ab sechs Uhr abends bemühen sich um die 48 Betten viele Wartende. Eine Traube von Menschen steht dann vor der Tür und versucht ihr Glück. 30 Tage kann man dieses Angebot in Anspruch nehmen, dann wird man gebeten weiterzuziehen. Viele Betten und auch viele Schließfächer werden also nicht nur für eine einzige Nacht bezogen, manchmal sind es Tage oder Wochen.

An besagtem Sommernachmittag also war der Raum leer. Und doch nicht ganz leer. Kleine Zeichen von Leben waren auf den Betten zu finden. Eine Postkarte, ein Paar Schuhe, ein Stofftier am Kopfkissenrand. Letzte Zeichen von Hab und Gut, von Sehnsucht, von Heimweh. Und diese Zeichen sprachen eine deutliche Sprache, die in der Stille des Nachmittags für mich sehr klar zu verstehen war.

Ein Projekt entsteht

Wie immer, wenn mich ein Ort beeindruckt, denke ich über ein neues Projekt nach, und die Idee war gleich da: Ich packe einen Koffer. Ich packe einen Koffer mit dem, was in der Notschlafstelle liegen geblieben ist. Ich packe in den Koffer die Postkarte, die Schuhe und das Stofftier, und vielleicht finde ich noch ein Kleidungsstück, ein Hemd oder eine Bluse − und dann schließe ich den Koffer zu. Allerdings: Ich packe nicht nur einen, ich packe 30 Koffer.

Ich packe einen Koffer mit dem, was in der Notschlafstelle liegen geblieben ist.

Diese Koffer liefere ich an meine Lieblingsautor/innen aus − keine Angst, dachte ich mir, mir fallen 30 Autor/innen ein –, mit der Bitte, den Koffer zu öffnen, sich den Inhalt genau anzusehen und einen Text darüber zu schreiben. Über das Liegengebliebene zu schreiben, über das Leben, das einen da anweht. Ich bitte die Autoren und Autorinnen, den Text zu den Habseligkeiten zu legen und den Koffer wieder zu verschließen.

Robert Schindel: Koffer mit Innenfutter, Gummibändern und Sandalen

HELMUT WIMMER

30 Koffer für 30 Jahre Arbeit gegen Obdachlosigkeit

Inzwischen habe ich alle 30 Koffer, Rucksäcke, Taschen, Seesäcke und Handtaschen in allen Variationen zusammengerafft und darin Schuhe, Kleider, Kämme, Verbandskästen, Opiumwaagen, Bälle, Wäscheleinen, Raketen, Uhren, Schmuck, Stofftiere, Puppen, Gebetbücher, Brillen, Bleistifte, Kugelschreiber, Schlüssel, Tagebücher, Bohrmaschinen, Arbeitsanzüge, Handys verpackt. In einem Paar Turnschuhe Größe 43 habe ich sogar einen kleinen Kinderturnschuh entdeckt, der maßgeschneidert hineinzupassen schien. Dann hole ich den Koffer ab. Und bringe ihn mit den anderen 29 Koffern zum Wien Museum.

Dort werden die Koffer am 25. April 2018 zu sehen sein, und dann ab 18:30 Uhr zugunsten der Notschlafstelle der VinziRast versteigert, um eine neue Reise anzutreten, denn die VinziRast hat einiges zu feiern: 15 Jahre Verein Vinzenzgemeinschaft St. Stephan mit der Notschlafstelle, zehn Jahre VinziRast-CortiHaus, fünf Jahre VinziRast „mittendrin“. Macht zusammen 30 Jahre gemeinsame Arbeit gegen Obdachlosigkeit, und 30 Koffer, die davon erzählen.

Pluhar Koffer

HELMUT WIMMER

So gerüstet trat ich einen Streifzug durch die Wohnungen, Arbeitsplätze und Ateliers meiner Autor/innen an, habe unzählige Tassen Kaffee getrunken, durfte mich mit ihnen über das Weltgeschehen im Allgemeinen und die österreichische Politik im Besonderen unterhalten. Konnte Pläne schmieden und neue Konzepte entwickeln, und ich habe 30 wundersam neu befüllte Koffer von Georg Stefan Troller, Doron Rabinovici, Angelika Reitzer, Milena Michiko Flašar, Clemens Setz, Sabine Gruber, Anna Kim, Helmut, Robert Schindel, Renate Welsh, Erika Pluhar, Barbara Coudenhove-Kalergi, Grischka Voss, Franz Schuh, Ilija Trojanow, Michael Köhlmeier, Radek Knapp, Theodora Bauer, Peter Stephan Jungk, Peter Turrini, Dirk Stermann, Elsie Herberstein, Ferdinand Schmatz, Alfred Dorfer, Christian Futscher, Anna Weidenholzer, Karl-Markus Gauß, Robert Prosser, Richard Obermayr und Philip Blom entgegengenommen.

30 Texte – einer persönlicher als der andere, 30 Zeitzeugnisse zum aktuellen Stand unserer Gesellschaft. Denn sehen wir nicht genau am Rand der Gesellschaft, wie es um sie selbst bestellt ist?

Text: Jacqueline Kornmüller, Regisseurin