Claudia Siefen, Werner Boothe, Alexander Schuh

ORF/JOSEPH SCHIMMER

Jetlag für Daheimgebliebene

Über 350 Millionen Schauplätze dieser Welt - öffentliche wie ganz private - werden rund um die Uhr mit Überwachungskameras abgefilmt. Viele dieser Orte sind live und jederzeit für uns im Internet einsehbar. Die "Jet Lag All Stars Radio Show" schaut dorthin, wo niemand verweilt, dorthin, wo kaum jemand gerne ist und oft auch niemand sein soll.

Geschult im Darauf-Schauen worauf niemand schaut, moderieren die Bildexperten und Filmmacher/innen Claudia Siefen und Werner Boote mit Alexander Ach Schuh das Geschehen in Geschäftsstraßen, Parkgaragen, Ladezonen, Hintereingängen und Kantinenküchen. So erleben Hörer/innen des "Ö1 Kunstsonntags" den Jetlag im Hier und Jetzt, den Jetlag der Daheimgebliebenen.

Die "Jet Lag All Star Radio Show" lässt sich dabei Zeit. Im Studio wird versucht zu beschreiben, was man in Überwachungskamera-Live-Streams sieht. Aber es wird auch einfach weitergezappt, also so, wie man im Fernsehen den Kanal wechselt, springen die Jet Lag All Stars und ihr Gäste von einem Überwachungskamera-Video-Stream in den nächsten. Immer wieder öffnet sich ein neues Fenster.

Öffentlicher Durchgang mit Präsentationsmöbel

Öffentlicher Durchgang

INSECAM

Lust auf Überwachung

"Was bemerken wir, wenn wir Überwachungskamera-Live-Streams beschreiben", "Was passiert mit uns" und "Wie geht es uns damit" sind Fragen, die in diesem video-radiophonen Experiment gestellt werden. Gibt es eine Lust der Überwachung? Und: Ist auf die Screens der Überwachung zu schauen nicht auch ein Loslassen, ein Herausfallen aus der Zeit, aus dem Dauern, das uns beschwert, aus dem Vergehen, das uns bindet?

Die Gegenden, die die "Jet Lag All Star Radio Show" entdeckt, können als ikonisch bezeichnet werden. Der Blick bleibt fixiert über der Fußmatte vor der Wohnungstür, die Sitzbank im Pausenraum, die Durchgangszonen der Stadt, aber die emotionalen Eindrücke der Betrachtung verbinden sich mit dem kalten Schein des Überwachungskamera-Live-Streams zu Sinnbildern unserer Zeitgenossenschaft.

Es geht ums Verschwinden

Es braucht nicht viel Fantasie, um zu bemerken, dass es in diesen Bildern um das Verschwinden geht. Gerade auch dort wo viele Menschen das Bild durchströmen, sieht man in der Choreografie der Menge die einzelne Person verschwinden.

Dort hinsehen, wo nicht viel erwartet werden kann, erlaubt ein anderes Sehen: Ein Sehen, das innere Vorstellungen und Bilder scheinbar gegenwärtiger Vorgänge zusammenbringt, wie Fische und Modelle gesunkener Schiffe in Aquarien zusammen sind. Die Standbilder der Überwachungskameras zeigen die zeitgenössischen Ruinen, oder Ruinen der Zeitgenossenschaft. Unverwüstliche Reste des Mitgefühls.

Der erste Überwachungsfilm

"Arbeiter Verlassen die Lumière-Werke", der Film der Brüder Lumière, der am 22. März 1895 einem ausgewählten Publikum in der Société d’encouragement pour l’industrie nationale vorgeführt wurde, gilt als erster Film der Filmgeschichte und zeigt Menschen, die zum Schichtwechsel die Lumière-Fabrik durchs Werktor verlassen. Der erste Film der Filmgeschichte, ist das nicht auch gleich der erste Überwachungsfilm?

Im Unterschied zum Narrativ des erstens Films (das Verlassen der Fabrik) sind Video-Streams nicht filmisch, sondern fotografische Bilder. Sie zeigen nicht Räume, sie handeln in Räume herein, indem sie Gegenwart erzeugen. Video-Streams sind Langzeitbelichtungen ohne Fixierung.

Überwachungskamera im Stiegenhaus

INSECAM

Loops der Gegenwart

Überwachungskamera-Live-Streams sind Loops der Gegenwart. Es fehlt ein Davor und es fehlt das Danach. Diese Bildeinstellungen sind damit oft auch Embleme des Jetlags. Bilder von Durchgangsorten mit ausgeblendetem Woher und mit sehr diffusem Wohin. Das Fehlen des Davors und des Danachs ist Teil der Erzählung.

Der Loop macht die existenzielle Virtualität unserer Lebenspassage sichtbar: Er zeigt uns als Schatten und als Ereignis, dort wir selten wir selbst sind. Und das ist der melancholische Grundton der Überwachung. Die Traurigkeit sogenannter dokumentarischer Bilder.

Die Gäste

Claudia Siefen ist Filmemacherin und Autorin. Zuletzt erschien der experimentelle Film "Hab' so lang auf Dich gewartet" - ein Kurzfilm über die Rolle der Schürze in der Film- und Fernsehgeschichte.

Werner Boote ist Filmemacher und Autor. 2018 kam der gemeinsam mit Kathrin Hartmann gedrehte Film "The Green Lie" in die Kinos, der das Greenwashing von Produkten durch die Nahrungsmittelindustrie thematisiert. 2015 erschien sein Film "Alles unter Kontrolle", eine filmische Arbeit, die die allgegenwärtige Überwachung in den Fokus stellt.

Text: Alexander Ach Schuh

Service

Insecam – Das rote Sofa (ungesicherte Überwachungskamera)
Werner Boote