Die Ukraine auf dem Weg nach Europa
Von woher kommst du?
Aus der Ukraine.
Sehr gut, Ich bräuchte eine Ehefrau. So um die fünfzig, dunkler Typ, kennst du eine?
Ihr Resümee: Die Ukraine, zu Deutsch "am Rande", befindet sich längst wieder mitten in Europa.

In der Ukraine gibt es noch immer keine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt.
Nach wie vor am Rande des Erträglichen befindet sich das Land jedoch in Sachen Medienfreiheit, die bereits seit 1996 in der Verfassung verankert ist. Die Medienrevolution, zentrales Thema der Orange Revolution 2004, gilt als gescheitert.
"Drei Jahre nach dem Ende der Zensur ist die Berichterstattung heute eher wieder unkritischer geworden", meint der Journalist Juri Durkot. Der Europarat sieht den bis heute unaufgeklärten Fall des im Jahr 2000 ermordeten Journalisten Gongadse gar als "die größte Enttäuschung nach der Revolution."
Immer noch gibt es keine öffentlich-rechtliche Sendeanstalt.

Die Besitzer ukrainischer Medien sind oft engste Vertraute politischer Größen.
Sigrid Berka vom Österreichischen Kulturforum Kiew setzt daher auf den einzigen landesweit zu empfangenden privaten Informationssender, Radio ERA, als kritisch-innovative Alternative zur staatlichen Nationalna Radiokompanija Ukrainy (NRU), das die meisten Städter laut Umfrage als "verstaubtes Bauern- oder Rentnerradio" betrachten. Verständlich: die Sendungen im Hauptprogramm heißen übersetzt "Ähre" oder "Haushaltsakademie".
"Die NRU unterliegt stark den politischen Interessen und Schwankungen. Das Budget hängt stark von der Gunst der jeweiligen politischen Macht ab", meinen auch die freien Journalisten Kati Brunner und Andriy Vovk. ERA hat sich schon während der Orange Revolution als Ort neutraler Berichterstattung einen Namen gemacht. Heute sorgt es für Perspektivenvielfalt, zum Beispiel in der wöchentlichen Koproduktion "Welt im doppelten Fokus" mit BBC Ukraine.
Medien teilweise frei
Im GUS-Länder-Vergleich schneidet das Land relativ gut ab: Die amerikanische NGO Freedom House stufte diesjährig einzig die Ukraine und Georgien als "teilweise frei" ein (alle anderen erhielten "unfrei"). Auf der Rangliste 2007 der Reporter ohne Grenzen teilt es sich mit Malawi Platz 92.
"Wir können heute alle Themen offen diskutieren, niemand ist vor Kritik gefeit", so der Journalist Mykola Rjabtschuk kürzlich im Interview mit Bernhard Odehnal für das Wiener "Redaktionsbüro".
Als Beispiel für die Verbesserungen der Redefreiheit gelten Berichte über den 140.000 Euro teuren BMW von Präsident Juschtschenkos pubertierendem Sohn: der "erste ukrainische Skandal nach europäischem Muster", meint Sergij Leschtschenko, Redakteur der meistgelesenen Internetzeitung "Ukrayinska Pravda" gegenüber der Journalistin Tatjana Montik: "Alle Medien haben darüber berichtet und kein Journalist ist deswegen ermordet worden."
Weiterhin Abhängigkeit
Unabhängiger sind die Medien deshalb nicht geworden: 2003 waren 97 Prozent der Medien in privatem Besitz. Hier gilt die Formel "Geld + Medien = Macht," schreibt die unabhängige Wochenzeitung "Serkalo Nedeli". Die Besitzer sind oft engste Vertraute politischer Größen. Viele Lokalzeitungen dagegen werden von Behörden mitfinanziert oder herausgegeben.
Das Internet gewinnt an medialer Bedeutung: 2006 existierten mehr als 280 Provider und etwa 20 Prozent der Bevölkerung nutzen bereits das Netz. Versuche staatlicher Reglementierung konnten sich hier (noch) nicht durchsetzen.
Journalisten als Unterhaltungskünstler
Wachtang Kipiani vom Fernsehkanal 1+1 ist frustriert: "Wir sind keine vierte Gewalt im Lande, wir sind Unterhaltungskünstler für die Bevölkerung." Diejenigen, die wirklich die Macht haben, lässt unser Tun unberührt. Sie agieren immer noch wie zu Sowjetzeiten."
Die Bevölkerung scheint zufrieden: 56 Prozent fühlen sich laut Umfrage besser informiert als vor der Revolution.
Selbstzufrieden sind auch die Politiker: Juschtschenko kanzelte den Journalisten, der ihm wegen der Luxuskarosse seines Sohnes unbequeme Fragen stellte kurzerhand ab, er solle sich "wie ein höflicher Journalist benehmen, und nicht wie ein Killer."
An westlichem Kapital ist in der Medienbranche noch nicht viel zu spüren. Die WAZ-Gruppe plant einen Einstieg ins Mediengeschäft. "Mehr westliches Kapital wäre wünschenswert", meint Durkot, "obwohl es die Probleme der ukrainischen Medien nicht lösen würde."
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