Wir da oben, ihr da unten
Auch um die Kunst steht es schlecht. Im Theater werden die schönen alten Stücke von Goethe und Schiller nicht mehr ganz einfach aufgeführt, nein, irgendwelche Regisseure zerstören die Werke mit Blut und Sperma. Und wer trägt Schuld an diesem Dilemma? Ganz einfach: Die 68er-Generation. Die habe dem Werteverfall das Wort geredet, Frauen, Kinder und Männer zu Egoisten erzogen und die guten alten Institutionen mit Schmutz beworfen.
In so einer hoffnungslosen Situation meinen viele, dass nur noch eines helfen könne: Zurück in die Vergangenheit. Wenn Mutti brav zu Hause bleibt, Vati brav arbeitet, die Kinder immer sauber sind und schön grüßen, die Ausländer brav daheim bleiben, dann wird alles wieder gut. So hört, liest und sieht man es immer öfter.
Christian Rickens stößt sich schon seit längerer Zeit an diesem Diskurs. Als Antwort darauf hat er sein Buch "Die neuen Spießer" verfasst. Und im Gegensatz zu vielen anderen Werken ist dies kein Pamphlet, sondern eine journalistisch genaue Auseinandersetzung mit den Argumenten der "neubürgerlichen Denker". Nehmen wir zum Beispiel das Problem sinkender Geburtenraten:
Irgendwann tritt eine Gesellschaft in das Stadium ein, in dem Kinder nicht mehr die einzige mögliche Form der Alterversorgung sind. Ökonomisch gesehen werden Kinder von einer Form der Geldanlage zu einem Konsumgut: Statt als lebende Alterssicherung zu dienen, sollen sie nun Freude bereiten, dem Leben der Eltern einen Sinn geben.
Deutschland erreichte dieses Stadium gegen Ende des 19. Jahrhunderts. Die Einführung der Rentenversicherung ließ die Zahl der Kinder rapide sinken. Der dramatischste demographische Umbruch aller Zeiten wird also nicht in den kommenden Jahren passieren, meint Christan Rickens, sondern er geschah bereits vor zirka 100 Jahren, zwischen 1890 und 1920. Wer also wirklich etwas für die Geburtenrate tun will, der sollte sich nicht nach der guten alten Zeit der 1950er, sondern der 1850er Jahre sehnen und eine Abschaffung der Pensionen verlangen. Aber das trauen sich wohl nicht einmal die konservativsten Denker.
Neben dem Lamento über das Aussterben der eigenen Bevölkerung ist das Verdammen der Unterschicht ein weiteres Lieblingsthema neokonservativer Kommentatoren. Die Unterschicht, das sind jene arbeitslosen Menschen, die den Hintern nur mehr in die Höhe kriegen, um sich ein weiteres Bier zu holen oder den Fernseher einzuschalten. Kein Wunder also, dass diese Menschen keine Arbeit finden.
Schon immer schaute die bürgerliche Kultur verächtlich auf den Proleten hinab, schreibt Rickens. Das aktuelle Auftauchen der Unterschicht-Debatte habe aber einen speziellen Grund, so der Autor: die Angst der Mittelschicht vor dem eigenen sozialen Abstieg.
Umso größer das Bedürfnis der Mittelschichten, sich abzusetzen gegenüber den gesellschaftlichen Verlierern. Sich und anderen zu vergewissern: Mir kann nicht passieren, was der Unterschicht passiert, denn ich bin grundlegend anders als die. Ob es tatsächlich die Menge des Fernsehkonsums, die Häufigkeit der McDonald's-Besuche oder die Vorliebe für Tätowierungen überm Gesäß sind, die ursächlich die Verlierer der Globalisierung von denen scheidet, die noch einmal davongekommen sind? Das ist zwar mehr als fraglich, aber es beruhigt natürlich enorm, sich genau das von den neuen Bürgerlichen einreden zu lassen.
Warum aber erlebt gerade jetzt dieses neokonservative Denken so einen Boom? In unübersichtlichen Zeiten lassen die neuen Bürgerlichen die Welt einfach erscheinen, meint Rickens. Das gibt Sicherheit und die braucht gerade jene Mittelschicht, die von Abstiegsängsten geplagt wird.
Rickens sieht in der aktuellen Debatte auch einen Generationswechsel der Eliten. Wie einst die 68er-Generation sich anschickte, die alten Eliten abzulösen und dann selbst die Schaltstellen an den Universitäten, in den Medien und in der Politik zu übernehmen, so untermauert jetzt die Generation der 40- und 50-Jährigen ihren Ablöseanspruch gegenüber den 68ern mit einer inhaltlichen Abgrenzung.
Mit der Rückbesinnung auf Werte und Ideen, die die Achtundsechziger als spießig verabscheuten, grenzt sich die nachrückende Elite so weit wie möglich von denen ab, die sie verdrängt.
"Die neuen Spießer" ist eine äußerst gelungene Antwort auf den vorherrschenden rückwärtsgewandten Diskurs. Mit der richtigen Mischung aus Seriosität und Witz, aus penibler Recherche und gutem Stil hat Christian Rickens ein Buch vorgelegt, das vieles von dem, was zurzeit durch die Medien geistert, erklärt und relativiert.
Kontext, jeden Freitag, 9:05 Uhr
Buch-Tipp
Christian Rickens, "Die neuen Spießer", Ullstein Verlag
vice versa
Lustig, also nur die neo-konservativen Mittelschichten machen sich ua. über den Medienkonsum der "Unterschichten" lustig. Wehe, ich höre von einem links-liberal-toleranten "Gutmenschen" nochmal abfällige Worte über die Leser der Kronenzeitung!
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