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Weit hinten schlief sie, Gesicht auf das Buch, versteckt in einem Farbrausch aus Haar.

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Poesie am Großrechner
Alf Altendorf über Sexualverhalten mit Technologieeinsatz
Als ich mich in die frühmorgendliche Vorlesung mit langweiligem Thema einbuchte, waren Schwierigkeiten absehbar. Wie sich motivieren? Wie durchhalten? Wie alles? Der Stoff zu unverständlich, um ohne Vortrag zu bestehen. Zwangsberieselung als Lernmethode. Nach der dritten Woche roch es nach Kapitulation.

Sie stürmte in die Finsternis. Knallte die Tür hinter sich. Knallte das Buch auf die Bank. Jedes Mal zu spät. Und schlief. Jedes Mal bis zum Schluss. Sie ließ sich durch nichts stören. Gar nichts. Wenn das Licht anging, warf sie alles in die Tasche. Stürmte hinaus. Ich war fasziniert.

(c) APA
Ich begann mir zu notieren, wann sie kam. Ich verzeichnete, was sie trug. Ich errechnete Wahrscheinlichkeiten für beides. Ich führte Buch. Tippte und pokerte. Mit mir. Mit ihr. Ich war verliebt.

Einmal erwachte sie kurz. Warf einen verächtlichen Blick. Auf alles. Ich erstarrte. Starrte. Sie gab mir einen verächtlichen Blick. Verachtung. Ich wollte etwas tun. Musste etwas tun. Sie war bezaubernd.

Das Computer-Labor war groß. Fünfzig Macs. Fünfzig DOS. Neonkalt. Gut gebucht. Voll. Immer. Tags. Nachts. Ich wollte schreiben. Ihr schreiben. Ich wollte ihr Gedichte schreiben. Nicht hier. Das Computer-Labor konnte alles. Es hatte Drucker, es hatte Manuals, es hatte Hilfe. Für jeden. Ich wollte ihr Gedichte schreiben. Nicht hier. Ich hatte von Computern keinen Tau. Ich wollte schreiben.

Die Großrechner waren groß. Siemens. IBM. Ein halbes Stockwerk Siemens. Ein halbes Stockwerk IBM. Mäßig gebucht. Leer. Für wenige.

Die Großrechner konnten wenig. Das Wenige gut. Simulationen. Sonst nix. Wenige wollten das Wenige. Ich wollte Gedichte schreiben. Ich buchte den Kurs. Stellte mir alles vor. Mit ihr.

IBM hatte grüne Terminals. Siemens Bernstein. Ich dachte an Haarknäuel. Siemens. Die Bernsteinfarbe war Kupfer. Artig bestand ich den Kurs. Niemand stellte Fragen. Ich werde Gedichte schreiben. Ihr schreiben. Wer an den Großrechner will, weiß was er will. Ich hatte von Simulationen keine Ahnung. Ich wusste, was ich wollte. Ich wollte Gedichte schreiben. Ich wollte sie.

Bernsteinfarben funkelte das Terminal des Großrechners im Dunkel der Koje. Ich schrieb das erste Gedicht. Ich war allein. Allein mit der Maschine. Allein mit ihr. Allein mit mir.

Jeden Morgen stürmte sie davon. Ich stürmte zum Rechner. Meine Buchung des Großrechners brach alle Rekorde. Niemand stellte Fragen. Das Manual des Großrechners war buchdick. Ich schlug es auf. Drehte die Leselampe ab. Legte die Stirn auf das Buch. Schlief. Wie sie.

Träumte. Wie sie. Vielleicht. Träumte von ihr. Schrieb ihr ein Gedicht. Das Manual des Großrechners war buchdick. Ich konnte nur wenig. Save. Print. Ich konnte nichts. Nur Gedichte schreiben. Von ihr träumen. Vor dem im Dunklen bronzefarben schimmernden Schirm. Wie ihr Haarknäuel.

Der Großrechner konnte wenig. Es gab keinen Drucker. Drucken brauchte Geduld. Techniker und Technikerinnen im weißen Kittel druckten. Am Nadeldrucker. Für alle. Es war unangenehm. Zu bestimmten Zeiten anstellen. An einer Glaswand mit Durchreiche. Techniker und Technikerinnen im weißen Kittel reichten durch. Vor rotierenden Magnetband-Spulen. Auf Anfrage. Sie stellten keine Fragen. Lächelten, aber stellten keine Fragen. Reichten mir Gedichte. Statt Simulationen. Träume. Statt Ergebnisse. Resultate.

Ich sammelte die Lochpapier-Bögen in einem Karton. Der Karton wurde voll. Schwer. Von Träumen. Gedichten. Ich brauchte Ergebnisse. Resultate. Es fiel mir schwer. Ich musste etwas tun. Wollte etwas tun.

Sie stürmte in die Finsternis. Knallte die Tür hinter sich. Ich stürmte auf sie zu. Drückte ihr den Karton in den Arm. Der Karton knallte zu Boden. Ich konnte ihren Blick nicht sehen. Nur das Schimmern ihrer Haare. In der Dunkelheit. Ich stürmte hinaus. Knallte die Tür hinter mir zu.

Ich sah sie nur noch einmal. Sie kam nicht mehr. Nicht in die Veranstaltung. Nicht zu den Tests. Knallte nicht mehr. Schlief nicht mehr. Funkelte nicht mehr. Für mich. Ich sah sie nur noch einmal. Von Ferne. Ich erstarrte. Starrte. Sie gab mir einen Blick. Lächelte. Und stürmte weiter. Sie war bezaubernd.
Alf Altendorf ist selbstständiger Kultur- und Medienmanager in Wien.
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eupensepp am 18.01.2008, 08:49
Erinnert mich total an mein Studium!
Habe auch Rechentechnik und Informatik an der TU studiert und dort eine "unerreichbare Liebe" gefunden. Hat aber dann leider einen anderen geheiratet und ist sehr früh, mit noch nicht mal 40, an Krebs gestorben! Sehr traurige Geschichte!
octogen am 16.01.2008, 19:56
tja, blöd gelaufen
Falscher Kurs, falsches Mädel, falsche Maschine ...und übrigens macht mich dieser stichwortartige Schreibstil ganz plemplem...
reaktion
maheee am 16.01.2008, 23:20
Ich mags
Och, ist doch schön zu lesen. Witzig außerdem :D
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