Beflügelte Ungeduld
In den letzten zehn Jahren ist das journalistische und schriftstellerische Werk Annemarie Schwarzenbachs immer wieder verlegt und auszugsweise in Ausstellungen gezeigt worden, unzählige Radio- und Fernsehsendungen haben sich mit ihr beschäftigt. Nicht nur in der Schweiz, auch in Österreich, in Deutschland und in Frankreich war sie eine der größten literarischen Entdeckungen des letzten Jahrzehnts. Dem zum Trotz ist sie aber noch immer eine der großen Unbekannten der schweizerischen Literatur.
Thomas Mann hat sie einmal einen "verödeten Engel" genannt. Zugrunde gegangen ist sie tatsächlich wie ein zu Boden gestürzter Engel, was sich vor allem ihrem exzessiven und zerstörerisch überbordenden Drogenkonsum, namentlich Morphium verdankte, von dem sie zeitlebens nie loskommen konnte. Geboren wurde sie 1908 und sie starb 1942 im Alter von nur 34 Jahren. Nun liegt eine weitere Biografie Annemarie Schwarzenbachs vor. Und wie alle Menschen, die jung sterben, ist auch sie ein Enigma geblieben.
Das Buch von Dominique Laure Miermont, die eine ausgezeichnete Kennerin von Leben und Werk Klaus Manns ist, hat sich nichts Geringeres als das Ausleuchten jener dunklen Leerstellen im Leben Schwarzenbachs vorgenommen, an denen die Autorin selbst zugrunde gegangen ist. Miermont ist seit Jahren beschäftigt mit dem Werk dieser Autorin und hat bereits Zahlreiches von Annemarie Schwarzenbach ins Französische übertragen. Vor einigen Jahren hat sie bereits eine erste Biografie verfasst, die nun, aufgrund neuester Forschungen und Erkenntnisse zu Leben und Werk der Autorin, ergänzt werden musste.
Manchmal verfällt Miermont aus diesem Grunde in eine allzu florierende Detailversessenheit, der viele Biografen angesichts der ihnen vorliegenden Materialfülle ausgesetzt sind. Dies zahlt sich aber bei Miermont in der Regel aus, wenn sie auch manchmal dem Leser zu viel des Guten zumutet. Die Leidenschaft für Werk und Leben Annemarie Schwarzenbachs ist in allem zu spüren und wird dadurch auch zur tragenden Kraft in diesem Buch.
Doch wissen wir nach der Lektüre wirklich, wer diese große Unbekannte war? Wer wollte Annemarie Schwarzenbach sein und ist sie es je geworden? Hat sie es in einer Zeit werden können, in der der Faschismus ganz Europa wie ein Krebsgeschwür erfasste? Diesen Fragen geht auch Miermont nach, chronologisch führt sie den Leser in die Etappen der Schwarzenbachschen Lebensgeschichte ein und schafft es, uns an der Ambivalenz und sexuellen Androgynität dieser Frau teilhaben zu lassen, ohne je überbordend in ihrer Interpretation zu werden. Es ist ihr dabei eine Chronik der 30er Jahre des letzten Jahrhunderts gelungen, betrachtet aus der Perspektive eines unermüdlichen und selbstständig arbeitenden, reisenden und denkenden Geistes.
Annemarie Schwarzenbach hat an allem gelitten, woran ein Mensch leiden kann. Aber nicht nur das, sie hat, als handle es sich um ihre eigene Seele und ihren eigenen Körper, wie kaum ein anderer an Europa gelitten. Unzählige Briefe aus dieser Zeit, die sie beispielsweise über einen langen Zeitraum hinweg mit Klaus Mann gewechselt hat, zeugen davon. Seinen luziden und wissenden Blick hat Annemarie Schwarzenbach geteilt. Aber auch der Drogenkonsum verband die beiden Freunde, die über Jahre hinweg versuchten, ihrer Sucht Herr zu werden. Menschlichkeit und Humanismus, der gütige Blick auf die Leiden anderer, verband diese Freunde.
Schwarzenbach entstammte einer reichen Schweizer Industriellenfamilie und half Katja und Klaus Mann stets in finanziellen Nöten aus - bis auch sie von der Familie als Enfant terrible verstoßen wurde. Ihr Verhalten zeugt jedoch auch in kritischen Situationen von "subversivem Mut", wie ihre Biografin einmal schreibt. Ein Mut, heißt es bei Miermont weiter, der umso eindrucksvoller und bewundernswerter ist, als er im absoluten Gegensatz zur Zerbrechlichkeit ihrer Persönlichkeit steht.
Unverletzt wollte Annemarie Schwarzenbach immer sein, sie war kämpferisch, bei all ihrer Fragilität, eine Rebellin, die sich um keine Konventionen kümmerte und ein Abenteuer nach dem anderen suchte. Sie liebte Frauen, schwärmte viele Jahre für Erika Mann, die mit einer anderen Frau liiert war, aber auf die Freundschaft mit Schwarzenbach nicht verzichten wollte.
Schwarzenbach hat nicht nur Romane, Erzählungen und Reportagen geschrieben, sie war auch Fotografin und Journalistin, schrieb im Auftrag beispielsweise der "Neuen Zürcher Zeitung" Berichte aus dem Kongo, aus Persien, dem Irak, aus Indien oder aus Afghanistan. Sie war eine Autorin, die mit einem seismographisch genauen, unbestechlichen Blick das Bild ihrer Zeit gezeichnet hat. Eine Frau und Schriftstellerin, die "nach dem Absoluten" gehungert hat und die am Absoluten zugrunde gegangen ist.
Sie ist immer gegangen, fortgegangen und konnte sich selbst niemals entkommen. Ihre Ungeduld und ihr Unterwegssein hätten einen durchaus anderen Verlauf nehmen können. Diese Autorin hat es nicht geschafft, stärker zu sein als die Ereignisse ihres Jahrhunderts. Sie war sich dessen bewusst, dass weder Lust noch Unlust dem Leben eine Form verleihen können, sondern dass dies allein bei einem Künstler das Werk vermag. Wie es um dieses Werk stand und was es heute noch für uns bereit hält, das lässt sich in diesem fundierten Buch nachlesen, dem, zusammen mit dem Schwarzenbachschem Werk, viele Leser zu wünschen sind.
Ex libris, jeden Sonntag, 18:15 Uhr
Buch-Tipp
Dominique Laure Miermont, "Annemarie Schwarzenbach. Eine beflügelte Ungeduld", Ammann Verlag
Link
Ammann Verlag - Annemarie Schwarzenbach
2666
Alix, Anton und die anderen
Bibliothek der unerfüllten Träume
Brünner Erzählungen
Crinellis dunkle Erinnerung
Das große Töten
Das letzte Abendmahl
Das stille Haus
Denn ihrer ist das Himmelreich
Der Derwisch und der Tod
Die Lebenden und die Geister
Die Schule an der Grenze
Die Vergangenheit
Eine Frau flieht vor einer Nachricht
Einsamkeit und Sex und Mitleid
Frankie Machine
Glister
Grasblätter
Herr Adamson
Heute wär ich mir lieber nicht begegnet
Ich bin ein Rudel Wölfe
Im Sitzen läuft es sich besser davon
Jack Taylor fliegt raus
Kommentar zu Eugen Onegin
Lied vom Hunger
Magdalenaberg
Mein Jenseits
Nahe der Neige
Netze
Notizen aus der Tiefe
Peace
Scardanelli
Sieben Jahre
Spurensuche
Über die Unsterblichkeit
Winter in Maine