Zeitgemäße Scherze
Im späten 18. Jahrhundert, bei Mozart und Haydn, war Musik hauptsächlich gedacht, um Menschen zu unterhalten, zu begeistern, zu "packen", wie Norrington sagt. Die wichtigsten Mittel dafür: Lied, Tanz und Komik in die Musik beziehungsweise Symphonie. Vergessen wir nicht: Es wurde zur Musik damals mehr getanzt als zugehört, meint Norrington. (Na ja. Zu Symphonien eigentlich nicht - aber Norrington liebt die Zuspitzung.)
Alles in allem: Esprit und Humor sind für Norrington die bezeichnendsten Charakteristika des klassischen Stils.
Vier Methoden in der Musik komische Wirkungen zu erzeugen stellt Norrington vor: eine komische Dynamik und "unsanfte Stellen" (wie im dritten Satz der ersten Symphonie).
Zweitens "zeitgemäße Scherze", das heißt das bekannte bis zur Lächerlichkeit zu übertreiben (langsamer Beginn des vierten Satzes). Drittens mit der Erwartung des Hörers spielen, also mit Unerwartetem überraschen (Beginn des ersten Satzes, wo Beethoven so tut, als "wüsste er nicht, wie er anfangen soll"). Eine weitere, vierte Methode, komische Wirkungen zu erzielen, bestehe in der Verwendung banaler, ironischer Melodien. Eine solche findet Norrington im Andante con moto, dem zweiten Satz aus Beethovens erster Symphonie (höre Sie den ersten Teil unseres Audios). Ist das ernste Musik, fragt er provokant.
Eine ironische Melodie?
Interessant: Norrington versteht dieses Andante als komische, ironische Melodie - darüber kann man sicher streiten. Er nimmt das Tempo sehr "con moto", also sehr bewegt, das heißt viel schneller als meistens zu hören.
Hören Sie den Kontrast: dasselbe Andante, aber nicht als komische Melodie, sondern schwer, ernst, viel langsamer im Tempo, mit zartem Schmelz und viel Vibrato (das Norrington den Stuttgartern weitgehend verbietet) im zweiten Teil unseres Audiofiles.
Ausgewählt - Abenteuer Interpretation, Mittwoch, 21. Mai 2008, 10:05 Uhr
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