Ein vergessenes Kapitel europäischer Geschichte
"Mein Vater schickte jemand mit einer Nachricht für meine Mutter, dass sie uns drei Kinder der Gruppe mitgeben soll, die weggeschickt wird. Wir gingen also mit Vaters Willen und mit dem Einverständnis unserer Mutter. Uns wurde gesagt, wir würden nach Jugoslawien gebracht, für ein, zwei Monate, dann könnten wir wieder nach Hause gehen", erinnert sich Dr. Tàkis Bàtsios im Gespräch mit Margot Overath. Für Panagiotis Gekas, der nach Ungarn gebracht wurde, war es ein "Herausreißen, es war etwas, das ich sehr lange nicht verkraften konnte."

Ein vergessenes Kapitel europäischer Geschichte, das Ende der 1940er Jahre begann und bis heute nicht abgeschlossen ist.
Waren die Kinder wirklich nur in Sicherheit gebracht worden oder war die Aktion der KP Griechenlands ein krimineller Akt von vieltausendfacher Kindesentführung? Der Streit darüber hält bis heute an. Aussagen, wie die von Eleftherios Geidezis, bestätigen den Verdacht, dass nicht Freiwilligkeit sondern Gewalt im Spiel war.
"Gehört hatte ich, dass Kinder entführt werden. Aber in unserem Dorf ist so was noch nie passiert. Doch an dem Tag ist es passiert. Ich erinnere mich ziemlich genau. Es war ein Sonntag. Gegen ein Uhr. Ich habe die Kälber da zur Tränke gebracht. Und da kamen fünf Mann auf mich zu. Komm mal her, hat er gesagt und die Waffe entsichert. Ich hab gesagt, nein, ich komme nicht. Komm mal her, hat er gesagt. Und da hat er die Waffe auf mich gehalten. Und dann kamen zwei, die hinter ihm waren. Und haben an der rechten und linken Hand mir so Lederriemen angebunden. Und dann ungefähr nach zwei Stunden, kam ich an ein Lager, und da traf ich die anderen Kinder vom Dorf. Es waren ungefähr 18, 20 Kinder. Und auch ältere dabei. Die erste Angst war wegen dem Vieh. Kälber, Kühe. Was macht meine Familie Ohne die Tiere? Denn ohne Tiere kann kein Bauer leben, ja? Zu mir bin ich erst gekommen in Bulgarien. Nach dieser Entführung konnte ich nur hassen. Ich konnte die nur noch hassen."
Offiziell unbekannt ist auch, warum man die Kinder aus den Dörfern holte. Da sie auf die sozialistischen Staaten Osteuropas verteilt wurden, wird angenommen, dass sie zu Partisanen erzogen werden sollten.
So schreibt ein Mädchen, das ins ungarische Károlyi-Schloss in Fehérvárcsurgó gebracht wurde in einem Brief an die Lehrerin: "Seit ich ganz klein war, war mein Leben traurig und schwer. Zur Schule bin ich bis zur dritten Klasse gegangen. Mein Vater war weit weg im Gefängnis, ich fehlte oft in der Schule, weil ich meiner Mutter helfen musste. Die griechische Kommunistische Partei hat unser schweres Leben gesehen, deshalb haben sie uns in die volksdemokratischen Länder gebracht. Ich denke nur daran, dass ich ein guter Schüler werde und dann meinem Volk dienen kann." (Fehérvárcsurgó 8.2.52, Estélla Dèmes, achte Klasse)
Bis 1952 waren 12.000 Rückführungsanträge von Eltern, die ihre Kinder suchten, bei der griechischen Regierung eingegangen. Die Generalversammlung der Vereinten Nationen erließ eine Resolution und das Internationale Rote Kreuz wurde mit der Rückführung beauftragt, doch die Herausforderungen, denen sich das IRK gegenüber sah, stellten sich praktisch als unüberwindlich dar. Die jüngsten Kinder kannten ihre Namen oder die Namen ihrer Dörfer nicht genau. Oder Kinder verwendeten die griechische Form ihres Namens, während sie unter der mazedonischen Form registriert worden waren.
Der Versuch scheiterte aber auch, weil sehr viele ehemalige Kinder nicht zurück wollten. Sie widersetzten sich einfach den Wünschen der Eltern. Die Mädchen wussten, dass sie frühe Verheiratung und ein schweres Leben in Armut auf dem Land erwartete. Ihre Ausbildung, die sie mittlerweile erhalten hatten, wäre wertlos gewesen.
Für die Jungen gab es keine akzeptable Arbeit. Bis 1952 waren bereits weniger als 600 Kinder aus Jugoslawien repatriiert worden, bis zum Ende der 1950er Jahre kamen 5.000 weitere Kinder nach Griechenland zurück. Man ließ sie ungern gehen. Ob Ungarn, Polen, die Sowjetunion oder die DDR: Alle Exilländer bewachten argwöhnisch "ihre Griechen."
Panagiotis Gekas wurde zuerst nach Ungarn, dann in die DDR gebracht. Erst 1956 hat er seine Eltern wiedergesehen - ohne mit ihnen über die lange Trennung sprechen zu können: "Meine Mutter ermahnte mich, den Vater nicht zu sehr zu ärgern in dieser Hinsicht, er wollte davon nichts wissen. Und dann traute man sich nicht mal zu fragen danach." Er kehrte in die DDR zurück, wurde Lehrer und schrieb ein Buch über seine Erfahrungen.
"Jetzt ist es mir egal, wo ich lebe", erzählt er. "Ich bedaure trotzdem, dass ich nicht in Griechenland bleiben konnte. Aber vielleicht wäre ich ein schlechter Hirte geworden und wäre dann irgendwie nach Australien ausgewandert oder nach Belgien Ich weiß nicht wohin. Aber ich wäre freiwillig ausgewandert, freiwillig! Und nicht von irgendjemanden gezwungenermaßen oder so. Das ist es."
Hörbilder, Samstag, 12. Juli 2008, 9:05 Uhr
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Buchtipp
Panagiotis Gekas, "Der Kirschbaum auf dem Berge. Autobiographische Skizzen. Griechischer Bürgerkrieg 1946-1949, Selbstverlag
Link
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