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Was bei Jubiläen erinnert wird, sagt meist mehr über aktuelle Werte und Konflikte einer Gesellschaft aus als über das historische Ereignis selbst.
Die Willkür der Zahlen - Teil 1
Warum wir Jubiläen und Gedenktage begehen
90 Jahre Ende des Ersten Weltkrieges und Gründung der Ersten Republik. 70 Jahre "Anschluss" und "Reichskristallnacht". 60 Jahre Israel. 40 Jahre Niederschlagung des Prager Frühlings. Die Liste der "8er-Jahre", deren es heuer zu gedenken gilt, ließe sich um weitere, stärker in Vergessenheit geratene ergänzen. Dass etwa genau 600 Jahre vor dem "Anschluss", im Jahr 1338, die Ermordung der jüdischen Bevölkerung im niederösterreichischen Pulkau die größte Judenverfolgung auslöste, die es in der Geschichte Österreichs bis dahin gegeben hatte, wissen heute nur wenige.

Welche Faktoren entscheiden also darüber, wie intensiv der Jahrestag eines historischen Ereignisses begangen wird? Der gerne beschworene "Zwang der runden Zahl" ist es jedenfalls nicht, sagt der an der Universität Wien arbeitende Historiker Peter Rauscher. "Es ist nie ein Selbstzweck, dass ein Ereignis gefeiert wird, sondern es gibt immer einen bestimmten gegenwärtigen Grund, weshalb ein Ereignis aus der Mottenkiste der Geschichte gezogen wird. Das sagt viel über die aktuelle Gesellschaft, aktuelle Diskussionen, aktuelle Wirtschaftsfaktoren aus. Es sagt aber kaum etwas aus über das gefeierte Ereignis selbst."

(c) ORF, Schimmer
1918, 1938, 1948, 1968 - die Liste der einschneidenden "8er-Jahre", deren heuer gedacht wird, ist lang.

Jobel- und Jubeljahre
Dass wir Geschichte entlang "runder" Jubiläen besonders erinnern, geht vor allem auf zwei Traditionen zurück: das jüdische "Jobel-Jahr" und die christlichen "Jubel-Jahre". "Jobel" bezeichnet jenes Widderhorn, mit dessen Klang das Jobel-Jahr feierlich angekündigt wurde - und zwar jeweils nach sieben mal sieben Jahren. In diesem 50. Jahr suchte man die feierliche Aussöhnung mit Gott, gab Leibeigene frei und erließ Schulden.

Eine verwandte Funktion hatten auch die päpstlichen Jubel-Jahre, die von Bonifaz VIII. im Jahr 1300 eingeführt wurden. In diesen "heiligen Jahren", die zunächst alle 100, dann alle 50, später alle 33 und schließlich alle 25 Jahre gefeiert wurden, konnten Pilger in Rom einen vollkommenen Ablass ihrer Sünden erlangen.

Mit einem Gedenken an historische Ereignisse hatten zunächst also weder Jobel- noch Jubeljahre etwas zu tun. Das ändert sich im Reformationszeitalter: Als man im Jahr 1617 die 100. Wiederkehr des Thesenanschlags Martin Luthers feiert, markiert das, so Peter Rauscher, den Beginn der modernen Jubiläumskultur. "Die katholische Kirche begann darauf hin bald, das 1.000-jährige Bestehen einiger Bistümer und Klöster zu feiern, um so die Dignität der eigenen Kirche gegenüber dem jüngeren Protestantismus zu beweisen."
Von religiösen zu nationalen Jubiläen
Integration nach innen bei gleichzeitiger Abgrenzung nach außen - dieses Grundprinzip prägt auch die nationalstaatlichen Jubiläen des 19. und 20. Jahrhunderts. An die Stelle des Glaubens an einen gemeinsamen Gott tritt dort der Glaube an eine gemeinsame Geschichte, die Beschwörung eines gemeinsamen Ursprungs - nicht selten mit dem Ziel, über wunde Punkte in der Gegenwart hinwegzublenden.

"Ein bekanntes Beispiel sind die '950-Jahre-Österreich'-Feiern im Jahr 1946", sagt Peter Rauscher. "Damals wollte man sich bewusst von der Zugehörigkeit zum Deutschen Reich distanzieren und hat zugleich eine Alternative zum alten Habsburgergedenken gesucht. Und so hat man dann auf die im historischen Kontext völlig unbedeutende 'Ostarrichi'-Urkunde von 996 zurückgegriffen."

Beschwörungen der "Stunde Null"
Für Hanno Loewy, Direktor des Jüdischen Museums in Hohenems, wird der Gedanke einer "Stunde Null", die Heilsperspektiven für die Gegenwart verspricht, auch im Jahr 2008 deutlich. "Wenn man 60 Jahre Israel feiert, dann soll damit ja auch gleichsam eine Neugeburt beschworen werden. Und wenn wir heuer des 70. Jahrestages von 'Anschluss' und 'Reichskristallnacht' gedenken, dann wird auch daraus eine Art negatives Gründungsereignis: Da haben wir etwas verloren, das wir wieder finden müssen, und im Wiederfinden konstituieren wir uns neu."

Die Shoah als negatives Gründungsereignis der EU zu beschwören, wie es in den letzten Jahren verstärkt geschieht, hat für Hanno Loewy auch problematische Seiten: "Wir stehen heute in Deutschland oder in Österreich vor Gesellschaften, in denen viele Menschen leben, die eine andere Geschichte im Gepäck haben. Ihre Integration wird nur funktionieren, wenn man diese Geschichte anerkennt und nicht abprallen lässt an einem historischen Kanon, der lediglich die NS-Zeit zum Urereignis eines geläuterten Deutschlands oder Österreichs macht. Gerade dann, wenn man mit dem Erbe dieser Zeit verantwortlich umgehen will, muss man so etwas wie historische Identität auch für die Vielfalt der Erfahrungen heute öffnen."
Text: Martina Nußbaumer
Hör-Tipp
Dimensionen, Dienstag, 15. Juli 2008, 19:05 Uhr

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Buch-Tipps
Paul Münch (Hg.), "Jubiläum, Jubiläum... Zur Geschichte öffentlicher und privater Erinnerung", Klartext Verlag

Michael Mitterauer, "Anniversarium und Jubiläum. Zur Entstehung und Entwicklung öffentlicher Gedenktage"; Hannes Stekl, "Öffentliche Gedenktage und gesellschaftliche Identitäten", in: Emil Brix/Hannes Stekl (Hg.), "Der Kampf um das Gedächtnis", Böhlau

Link
Institut für jüdische Geschichte Österreichs
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