Bruchlinien im Gedenken
Bei den öffentlichen Gedenkfeiern in Österreich im Jahr 2008 wird zwischen 1938 und 1948 aber kaum ein Zusammenhang hergestellt, kritisiert die an der Österreichischen Akademie der Wissenschaften arbeitende Historikerin und Kulturwissenschaftlerin Heidemarie Uhl. Wenn in der Öffentlichkeit von der jüdischen Dimension von Vergangenheit gesprochen wird, dann werden dabei fast ausschließlich die Jahre vom "Anschluss" 1938 bis zum Kriegsende 1945 in den Blick genommen.
Auch die öffentliche Erinnerung an die Geschichte der jüdischen Bevölkerung dieser Jahre hat blinde Flecken: "Das, was heute in Europa im Zentrum der Erinnerung an die Shoah steht, ist die emphatische Erinnerung an jene Menschen, die Opfer des Nationalsozialismus geworden sind; der jüdische Widerstand etwa wird kaum erinnert", sagt Heidemarie Uhl. Das habe auch Konsequenzen für die Wahrnehmung Israels: "Wenn die 'unschuldigen Opfer' jene Gruppe sind, mit der man sich heute am meisten identifiziert, dann ist es schwierig, diesen Gestus auf einen Staat wie Israel zu übertragen, der in seiner Situation ja gar nicht unschuldig sein konnte."
Was sich 2008 in der Konstellation "70 Jahre Anschluss" und "60 Jahre Staatsgründung Israels" auch zeige, ist, dass in Österreich jenes Bewusstsein fehlt, das etwa die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel bei ihrem Staatsbesuch in Israel ausgedrückt hat, "nämlich das Gefühl, diesem Staat aus der eigenen Geschichte heraus besonders verpflichtet zu sein. Hier unterscheidet sich Österreich doch ganz substanziell von der Einstellung des offiziellen Deutschland."

Israel feierte heuer sein 60-jähriges Bestehen.
Die Trennung, die 2008 in Österreich zwischen der jüdischen Geschichte im eigenen Land und der Geschichte des Staates Israel gezogen wird, mag aber auch symptomatisch dafür sein, wie jüdische Geschichte in Europa derzeit insgesamt erinnert wird. Joachim Schlör, Professor am Parkes Institute for Jewish/non-Jewish Relations an der University of Southampton, ortet gegenwärtig viele Beispiele für engagierte Rekonstruktionen jüdischer Geschichte und jüdischen Lebens, die die Existenz Israels völlig ausblenden.
"Man entdeckt wieder den Zionismus neu, aber den Zionismus als Rückbesinnung auf das Judentum im Sinne einer jüdischen Renaissance. Man entdeckt Klezmer-Musik und jüdische Literatur neu, schlägt aber die Brücke nach Israel kaum. Das liegt sicher auch daran, dass der Mainstream der israelischen Gesellschaft diese Brücken für lange Jahre als unbegehbar erklärt hat - wollte man hier doch die hebräische Sprache neu entwickeln, den 'Sabra', den im Lande geborenen 'neuen Menschen' schaffen."
Israel - das sei für viele Europäerinnen und Europäer hauptsächlich ein Land im permanenten Konflikt. Dieses Land zu mögen oder gar zu bewundern sei nicht ganz so einfach wie die Schönheit der jüdischen Kultur in der Diaspora zu bewundern, sagt Joachim Schlör: "Das ist ja auch eine etwas musealisierte Schönheit - oder eine Sache neu entstehenden jüdischen Lebens durch Zuwanderung, durch die Entstehung neuer jüdischer Gemeinden. Aber das ist die Schauseite; sich mit Israel zu identifizieren, das ist für viele Leute offenbar problematischer."
Brücken zwischen diesen beiden Polen könnte das heurige 60-Jahr-Jubiläum der Staatsgründung Israels herstellen. Angesichts der langen Geschichte der Diaspora mit ihren kulturellen Höhen und ihren Tiefen der Verfolgung seien zwar 60 Jahre kein großer Anlass zu feiern, aber, so Joachim Schlör: "Wenn es gelingt, anlässlich dieses Jubiläums Interesse an Israel zu wecken - und vor allem auch Bewusstsein zu wecken, wie stark Israel mit der Diaspora und damit auch mit uns verbunden ist, dann hat das Jubiläum seinen Sinn."
Hör-Tipp
Dimensionen, Dienstag, 15. Juli 2008, 19:05 Uhr
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Institut für jüdische Geschichte Österreichs
University of Southampton - Professor Joachim Schlör
Österreichische Akademie der Wissenschaften - Heidemarie Uhl
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