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Lesen im digitalen Zeitalter
Diese Fakten wählt der Wiener Germanist Christoph Benda als zeitlichen und örtlichen Rahmen für seinen Roman "Senghor On The Rocks", in dem der Kameraassistent Martin "Chi" Tschirner, angetrieben von beruflichen und privaten Problemen, durch den Senegal stolpert.
Seit kurzem kann man den bis dahin unveröffentlichten Roman im Internet lesen. Das Besondere an "Senghor On The Rocks" ist, dass man die Wege des Protagonisten jetzt dank der Programmierung von Flo Ledermann aus der Vogelperspektive von Google Maps mitverfolgen kann.
Die Idee für diesen Roman kam dem früheren Drehbuchautor und Werbetexter Christoph Benda zu der Zeit und an dem Ort, an dem der Roman "Senghor on the Rocks" spielt. Durch die Zusammenarbeit seiner damaligen Band mit senegalesischen Musikern war Christoph Benda ein paar Mal in den Senegal gereist, so eben auch im Dezember 2001.
Die einzigartige Stimmung zwischen der Euphorie über die Fußball-WM-Qualifikation und der Trauer über den Tod des großen Dichters und Präsidenten Léopold Sédar Senghor war für ihn so beeindruckend, dass er beschloss, eine Geschichte darüber zu schreiben.
Obwohl das Werk rund, spannend und gut lesbar ist, landete es jedoch vorerst in der elektronischen Schublade und nicht in der Mailbox eines Verlages. Ich Nachhinein sei er froh, dass er den Roman keinem Verlag angeboten hätte, sagt Christoph Benda, denn so viel Feedback wie jetzt hätte er mit einem klassischen Buch wohl nie bekommen.
So präsentiert sich der Online-Roman dem Leser und der Leserin: Geht man auf die Website, sieht man ein vom Grafiker Johannes Krtek sehr liebevoll gestaltetes, plastisch wirkendes Buch mit einem bunten Cover. Klickt man darauf, klappt sich das Buch auf und man kann zu lesen beginnen. Mit einem Klick kann man jederzeit vor oder zurückblättern, muss man das Buch "weglegen", hilft einem das als Lesezeichen dienende Bieretikett, die richtige Seite wiederzufinden.
Zu jeder Seite Text gibt es links ein passendes Satelliten-Bild von Google Maps mit einem Pfeil, der den genauen Ort des Geschehens anzeigt. Wird im Text ein Weg beschrieben, bewegt sich der Pfeil, bei Bedarf auch das Bild.
Ein Glück für das Projekt war, dass der Senegal in Google Maps bereits in einer sehr detaillierten Auflösung vorgelegen ist. Die Bewegungen in den Satellitenbildern und andere Finessen sind aber nicht Teil von Google Maps, sondern die Arbeit von Flo Ledermann.
Flo Ledermann hat Informatik und Architektur an der TU Wien studiert, war dort Forschungsassistent und arbeitet jetzt als freier Forscher. Seine Spezialgebiete sind die visuelle Darstellung räumlicher Informationen und geographische Informationssysteme.
Die Gestaltung als physisches Buch führt das Medium Online-Buch eigentlich ad absurdum, gibt dem Projekt aber eine ganz persönliche Note. Wer es gewöhnt ist, in eine Geschichte tief einzutauchen, glaubt beim Lesen von "Senghor on the Rocks" irgendwann, zu spüren, wie sich der Buchumschlag anfühlt, oder zu hören, wie es in den Straßen von Dakar klingt.
Christoph Benda und Flo Ledermann haben diese Buch-Metapher ganz bewusst gewählt. Erst später sei ihnen bewusst geworden, dass sie mit dem Projekt auch die Frage gestellt hätten, was Lesen im digitalen Zeitalter bedeutet, so Flo Ledermann.
Für Christoph Benda war es riskant, seine in Dakar und an anderen Orten des Senegal imaginierte Geschichte mit realen Bildern zu verknüpfen und das Geschehen an einem konkreten Haus oder einer bestimmten Straßenecke zu verorten. Das große internationale Interesse am Projekt gab den beiden jedoch recht.
Matrix, Sonntag, 10. August 2008, 22:30 Uhr
Veranstaltungs-Tipps
Lesung, Christoph Benda "Senghor On The Rocks", Festival "Kürnberg fliegt", 6.September 2008, Kürnberg, Niederösterreich
Konferenz, "Electronic Literature in Europe", Vortag von Christoph Benda und Flo Ledermann, 11. bis 13. September 2008, Bergen, Norwegen
Links
Senghor on the Rocks
Festival: Kürnberg fliegt
Electronic Literature in Europe
Marshall McLuhan Revisited
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