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Mehr als eine Videospiel-Messe
Darüber hinaus hat die internationale Fachtagung "Future and Reality of Gaming" renommierte Geisteswissenschaftler, Pädagogen und Experten der sogenannten Game Studies nach Wien gebracht. Robert Glashüttner ist drei Tage lang unentwegt die Treppen des Wiener Rathaus auf und abmarschiert, um für die Ö1 Sendung "matrix" die spannendsten Momente der reichhaltigen Videospiel-Tage festzuhalten.

Auf dem Weg zu den World Cyber Games.
An der großen Festhalle des Rathauses kommt man immer vorbei, egal, ob man zu den Profispielern ins Erdgeschoss oder zu den Spiele-Forschern in den Wappensaal möchte. Auf der Bühne, mitten im Raum, gibt es unentwegt Programm. Es wird zu "SingStar" gekrächzt und auf das Plastikschlagzeug getrommelt. Firmen und Magazine verlosen Spiele und Spielkonsolen und versetzen damit das junge Publikum in Enthusiasmus. Es ist, so könnte man meinen, ein ganz normaler Tag auf einer Videospielmesse.
Dass die Game City aber weit mehr ist, als eine Produktveranstaltung liegt daran, dass die Gründung des Events voriges Jahr einen ernsten Hintergrund hat. Nach dem Amoklauf eines Schülers im deutschen Ort Emsdetten im Jahr 2006 ist erstmals auch die österreichische Politik auf das Thema Videospiele aufmerksam geworden.
Die Wiener ÖVP hat danach zu ersten Podiumsdiskussionen geladen, die mögliche negative Auswirkungen von Games auf Minderjährige erörtern sollten. Die kleine, aber gut vernetzte Lobby der österreichischen Spielehersteller sowie Wissenschaftler, die sich mit digitalen Spielen als neues Medium forschend auseinandersetzen, waren alarmiert. Schnell wurde ein Konzept entworfen, mit dem man einer möglichen Stigmatisierung von Computer- und Videospielen, wie sie aus Deutschland bekannt ist, entgegen wirken wollte.
Gemeinsam hat man die Game City als Informationsveranstaltung, vor allem für Eltern, die mit den neuen Spielen ihrer Kinder nichts anfangen können, ersonnen und ist mit diesem Konzept auf die Stadt Wien zugegangen.
Im Untergeschoss, gleich beim Haupteingang des Wiener Rathauses befindet sich die Arena für die e-Sportler. In acht Kategorien der World Cyber Games schickt Österreich dieses Jahr seine besten Gamer zum Finale, wo sie sich gegen die stärkste Konkurrenz der Welt messen müssen, die meist aus Südkorea und den USA stammt. Das Geschehen auf der Bühne wird immer von zwei Moderatoren kommentiert, egal, ob es sich nun um ein Autorennen, "Guitar Hero" oder einen Ego Shooter handelt.
Zurück im Festsaal des Rathauses. Dort gehen die Gamer weitaus weniger analytisch, dafür umso entspannter zur Sache. Mädchen und Burschen, meist im Alter von 6 bis 18 Jahren, sitzen vor den großen Flachbildschirmen und probieren gemeinsam die neuesten Games, etwa das intuitive Geschicklichkeitsspiel "LittleBigPlanet", bei dem man auch in einer bemerkenswerten Tiefe seine eigenen Levels gestalten kann. Oder das neu aufgelegte, arabische Märchen des "Prince of Persia", der in einer mystisch verlassenen Welt gegen düstere Zauber des Maharadschas ankämpfen muss. Man staunt, spielt und hilft sich gegenseitig, wenn man nicht weiterkommt. Ein Spieler kennt sich mit den Geschicken des Prinzen schon gut aus und gibt neu hinzugekommen Spielern Tipps.
Nur wenige Meter vom Spielplatz entfernt, sind die beiden Vorlesungsräume der Fachtagung des Game City. "Future and Reality of Gaming", abgekürzt FROG, macht Wien erstmals zum Zentrum für eine international relevante Konferenz zum Thema Game Studies.
Die Sprecherinnen und Sprecher kommen aus unterschiedlichen Disziplinen, von Literaturwissenschaftler über Pädagogik und Philosophie bis hin zum Journalismus. Der Brite Stephen Poole etwa schreibt seit vielen Jahren Kolumnen über Videospiele und hat im Jahr 2000 mit "Trigger Happy" eines der ersten Bücher über die Ästhetik von Games geschrieben. Sein Vortrag bei der FROG-Konferenz wirft eine provokante These auf. Steven Poole behauptet, die meisten Videospiele wären - frei nach Adorno - bloß eine Verlängerung der Arbeit. "Wenn wir Computer- und Videospiele perfektionieren möchten", so Poole, "müssen wir die bereits vorhandenen kritisieren."
Drei Tage in Serie, über ein langes Wochenende hinweg, geht es jeweils von 9:30 Uhr bis 19:00 Uhr auf und ab, vom Tohuwabohu im Festsaal über die Sportatmosphäre in der Pro-Gamer-Arena zur konzentrierten Stimmung in der Vorlesung und zurück.
Die inhaltliche Vielfalt der Game City ist beeindruckend und bemerkenswert. Es ist nicht selbstverständlich, dass mit Videospielen als neues Massenmedium so informativ und konstruktiv umgegangen wird. Der geplante runde Tisch mit Vertretern der Parlamentsparteien ist kurzfristig abgesagt worden. Es hat sich niemand gefunden, der sich allgemein negativ oder skeptisch gegenüber Videospielen äußern wollte.
Matrix, Sonntag, 26. Oktober 2008, 22:30 Uhr
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